Allein eine Million Deutsche seien von Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängig, wie aus einer am Montag in Dresden veröffentlichten Studie der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hervorgeht. Medikamentenmissbrauch sei ein Massenphänomen, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD).
„Zunehmend wollen Menschen Lebensprobleme chemisch regeln“, sagte Renate Walter-Hamann vom Caritasverband. Großen Anteil an der Entwicklung hätten unter anderem die Ärzte, sagte Walter-Hamann. Die Mediziner verschrieben Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmittel häufig zu lange und in zu hoher Dosierung. Besonders problematisch seien die so genannten Benzodiazepine.
Betroffen seien vor allem Frauen, insbesondere in höherem Alter, teilte die Drogenbeauftragte mit. Frauen bekämen mehr problematische Medikamente verordnet und gebrauchten diese auch häufiger. Oft benutzten die Frauen die Mittel, um die alltäglichen Belastungen in Familie, Partnerschaft und Beruf besser bewältigen zu können. Nicht selten gelänge es ihnen, die Krankheit lange verborgen zu halten.
DHS-Vize-Geschäftsführer Raphael Gaßmann forderte eine „verantwortungsvollere Verschreibungspraxis und mehr Aufklärung“ der Patienten durch Ärzte. Die Drogenbeauftragte verwies zudem auf einen Leitfaden, den die Bundesärztekammer voraussichtlich Ende des Jahres veröffentlichen werde. Das Papier solle Ärzten Hinweise zur Verschreibung von Medikamenten mit Missbrauchspotenzial an die Hand geben. Zudem würden gemeinsam mit der Bundesärztekammer und den Apotheken weitere Schritte geplant.
Außer den Verschreibungen trügen auch so genannte Lifestyle- Produkte und frei verkäufliche Medikamente zu der Suchtproblematik bei, hieß es. Dazu zählten Haarwuchsmittel ebenso wie das Potenzmittel Viagra, der Stimmungsaufheller Johanniskraut oder Mittel zur Senkung der Fettaufnahme aus der Nahrung. „Die Werbung verharmlost oft Nebenwirkungen und senkt das Problembewusstsein“, kritisierte Walter-Hamann. Die Selbstmedikation bereite den Boden für die Einnahme chemischer Mittel am medizinischen System vorbei.
In Dresden beraten rund 600 Fachleute bis Mittwoch bei einer bundesweiten Fachkonferenz Fragen der Suchtprävention und Behandlung von Abhängigkeiten.




