Geschlechtsnachweis

"Nur Jungen werden überleben"

Wird es ein Junge oder ein Mädchen? Ein neuer Test, der auch im Internet erhältlich ist, verrät es ab der sechsten Schwangerschaftswoche. Zu einem Zeitpunkt also, da eine straffreie Abtreibung noch möglich ist. Experten warnen vor Missbrauch und sehen Mädchen in islamischen Ländern bedroht.

Foto: PA

Diese medizintechnische Neuerung könnte Millionen weiblicher Babys das Leben kosten, vor allem in den arabischen Ländern, in Indien und in China. Die US-Firma Consumer Genetics hat einen Test für Schwangere zur Marktreife entwickelt. „ Pink or blue “ nennt sich das Geschäftsmodell, das Zubehör ist rezeptfrei über das Internet zu beziehen.

Der Test ist für Schwangere gedacht und kann mit ziemlich hoher Sicherheit nachweisen, ob ein Junge oder ein Mädchen unterwegs ist. Die Prognose funktioniert ab der sechsten bis achten Schwangerschaftswoche zuverlässig – zu einem Zeitpunkt also, in dem unter besten Voraussetzungen eine straffreie Abtreibung möglich ist.

Ein Nadelpiks in den Finger, drei bis fünf Tropfen Blut auf einen Streifen getropft, reichen aus, um das Geschlecht der Leibesfrucht zu bestimmen. Das Testkit ist für rund 30 Euro zu haben, die anschließende Analyse im Labor kostet 250 Euro, das Ergebnis ist auf der Website der Firma einzusehen.

Test stammt aus Italien

Das neue Nachweis-Prinzip stammt aus Italien. Vor rund zwei Jahren publizierten Forscher um Silvia Galbiati vom Hospitale San Raffaele in Mailand die Methode im Fachmagazin „Science“. Die Genetiker suchen im Blut der Mutter nach dem Erbgut des Kindes. Die Geschlechts-Chromosomen entscheiden über männlich und weiblich. Sie suchen im mütterlichen Blut nach dem Y-Chromosom, jenem Mitglied der Erbgut-Familie, das es nur bei Männern gibt. Beim Menschen sind alle Chromosomen doppelt vorhanden, nur die Geschlechtschromosomen tanzen aus der Reihe: Frauen haben zwei X, Männer ein X und ein kleineres, verkümmertes Y.

Die Forscher untersuchten 1837 Schwangere. Fazit: Sechs Wochen nach der Befruchtung finden sich im Blut der Mutter geringste Spuren vom Erbgut des Fötus. Für einen sicheren Nachweis müssen die Forscher die DNA im Labor millionenfach vervielfältigen. Stoßen sie anschließend auf das Männlichkeits-Chromosom Y, steht fest: Die Mutter trägt einen Jungen im Bauch. Finden sich nur X, erwartet die Schwangere ein Mädchen. Wahrscheinlichkeit: 95 Prozent.

Bisher lässt sich das Geschlecht des Fötus zwar auch ab der siebten Woche recht zuverlässig feststellen – allerdings ist der Nachweis mit erhöhtem medizintechnischem Aufwand und erheblichen Risiken für Mutter und Kind verbunden. Das Geschlecht darf vor der 12.Schwangerschaftswoche nur mitgeteilt werden, wenn medizinische Gründe vorliegen. Hintergrund: Eltern könnten mit diesem Wissen alle weiblichen Föten abtreiben lassen – vor allem in Kulturen, in denen der Mann einen höheren Status hat, besteht die Gefahr.

Was aber, wenn die Geschlechtsbestimmung fast so leicht ist wie ein Schwangerschaftstest? „Es ist ein sehr gefährlicher Test“, sagt Claudia Schumann von der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe, „natürlich haben Frauen das Recht zu erfahren, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, aber die Gefahr des Missbrauchs ist groß.“ „Vor allem in Ländern mit patriachalen Strukturen werden das vielfach nur die Jungen überleben“, sagt Arif Ünal, Leiter des Gesundheitszentrums für Migranten in Köln, „dazu kommt der Druck auf die Frauen durch ihre Familien.“

In Indien, China und arabischen Ländern könnte der Test eine erhebliche Schieflage auslösen. In westlichen Ländern kommen heute statistisch 106 Jungen auf 100 Mädchen. Anders im Nahen Osten, Indien oder China: Schon heute kippt die Verteilung in vielen Ländern zugunsten der männlichen Bevölkerung: In einigen Staaten zählen Statistiker bis zu 140 Jungen auf 100 Mädchen.