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Film „Rocketman“: Taron Egerton spielte nicht selbst Klavier

Taron Egerton verkörpert im Film „Rocketman“ die Poplegende Elton John. Ein Gespräch über echten Gesang und falsches Klavierspiel.

Der 29-jährige Taron Egerton spielt Elton John in „Rocketman“.

Der 29-jährige Taron Egerton spielt Elton John in „Rocketman“.

Foto: KIMBERLY WHITE / Getty Images for Paramount Pictu

Berlin. Mit den „Kingsman“-Agentenfilmen wurde der Brite Taron Egerton bekannt. Sein Porträt des Elton John in „Rocketman“ stößt nun in neue Sphären vor. Doch so sehr sich der 29-Jährige dem realen Popmusiker verbunden fühlt, seine Ambitionen sind viel bescheidener.

Wie viel Angst hatten Sie vor der Rolle des Elton John?

Taron Egerton: Ganz gewaltige. Ich war sehr eingeschüchtert. Der Druck war riesig.

Warum haben Sie sie dann übernommen?

Egerton: Weil ich instinktiv wusste, dass ich diese Rolle spielen kann und auch spielen sollte.

Woher diese Gewissheit?

Egerton: Ich hatte das Gefühl, dass es zwischen Eltons und meiner Persönlichkeit Gemeinsamkeiten gibt. Nicht dass es in meinem Leben solche Exzesse gegeben hätte, aber ich kann auch ziemlich extrem in meinen Emotionen sein. Ich halte mich mit meinen Gefühlen nicht zurück, und ich kann schon mal mein Ego heraushängen lassen. Aber ich bin gleichzeitig sehr verletzlich – Elton ist das meiner Meinung nach auch.

Aber Sie mussten die Rolle nicht nur emotional meistern, sondern auch noch singen können, da Ihre Stimme zu hören sein sollte.

Egerton: Ursprünglich war ich ja ohnehin nicht dafür vorgesehen, das war mein Kollege Tom Hardy. Ich fragte meinen Agenten immer wieder „Ist er noch am Projekt beteiligt?“ Und das Singen hat mir erst keiner zugetraut. Aber ich hatte mit Produzent Matthew Vaughn bei „Eddie the Eagle“ zusammengearbeitet, und bei der Promotion für den Film wollte ich damals einen Song zum Besten geben. Er meinte nur: „Du kannst singen?“ Er dachte wohl, ich sei verrückt. Aber als er mich dann hörte, bot er mir die Rolle von Elton John an.

Und Klavierspielen mussten Sie auch noch lernen...

Egerton: Soll ich Ihnen ein furchtbares Geständnis machen? – Es sind nicht meine Hände, die Sie im Film sehen. Nur die Großaufnahmen zeigen mich. Ich habe Monate lang allein damit verbracht, so zu trainieren, dass ich die entsprechenden Bewegungen faken kann.

Wie haben Sie sich dann in den Charakter Elton Johns hineinvertieft?

Egerton: Ich habe ihn einige Male getroffen, er gab mir auch seine Tagebücher zu lesen. Aber es ist nicht so, dass ich mich in ihn verwandelt hätte. Ich kenne diese ganzen Formulierungen, die man gerne bei Schauspielern gebraucht: „Er war von dieser Rolle wie besessen.“ Solche Phrasen klingen gut im Marketing, aber sie passen nicht für meine Arbeit. Ich glaube nicht an Dämonen, die von einem Besitz ergreifen. Ich schaffe eine Figur; der möchte ich gerecht werden und ihr Reverenz erweisen. Ich bin ebenso wenig Elton John wie ich ein Grashüpfer bin.

Wie gut haben Sie den wahren Elton John kennengelernt?

Egerton: Er kam nicht zu den Dreharbeiten, denn das hätte mich nur abgelenkt. Aber durch unsere anderen Treffen sind wir Freunde geworden. In echt. Und wenn ich jetzt mit ihm Zeit verbringe, dann gibt er sich völlig unverstellt. Wir hängen einfach zusammen ab, teilweise ohne großartig Konversation zu betreiben. Er macht ständig Kreuzworträtsel, damit er geistig auf Zack bleibt. Sein Verstand ist unglaublich – wie ein Katalog. Er erinnert sich an absolut alles. Er ist ein wunderbarer Mensch, der mir sehr viel bedeutet. Und das möchte ich auch der Welt vermitteln. Ich weiß, alle Leute lieben ihn sowieso. Aber jetzt sollen sie sich noch einmal in ihn verlieben.

Gibt es etwas, das man von ihm lernen kann?

Egerton: Es ist grundsätzlich schwierig, etwas aus dem Leben anderer Menschen zu lernen. Betrink dich nicht 20 Jahre lang und nimm kein Kokain? – Wenn du das machen willst, dann machst du’s. Das ist die menschliche Natur. Folglich ziehen wir auch nicht aus den Fehlern anderer unsere Schlüsse.

Sie scheinen also nicht den gleichen Versuchungen zu erliegen?

Egerton: Das nicht, aber ich kann es verstehen. Als Künstler musst du etwas über deine Erfahrung der Welt vermitteln, folglich musst du dich selbst offenbaren. Infolge dessen interessiert sich die Öffentlichkeit für dich. Und das kann sehr heftig werden. Du stehst im Rampenlicht, man schreibt über dich, folglich hast du keine andere Wahl, als dich dagegen zu schützen. Aber gleichzeitig musst du sehr sensibel sein, weil das für deine Kunst notwendig ist. Dieser Spagat ist extrem schwer hinzukriegen.

Wie holen Sie sich seelische Balance?

Egerton: Indem ich irgendetwas Unschuldiges tue: mit meinen Freunden abhänge und irgendeinen Film einwerfe oder mit meinen kleinen Schwestern spiele. Letztlich findest du nur in deinem Familienleben Stabilität. Auf jeden Fall werde ich mich nicht in einen Typen wie Elton John verwandeln.

Was war denn die extremste Erfahrung, die Sie je gemacht haben?

Egerton: Ich war nie in wirklicher Gefahr. Aber meine Mutter brachte vor ein paar Jahren noch zwei Mädchen auf die Welt, und die Geburt war schwer. Ich hatte eine Heidenangst um sie.

Das heißt, Sie streben auch nicht den Weltruhm eines Elton John an?

Egerton: Mein Ziel ist es, dass ich meinen nächsten Verwandten, meiner Mutter, meiner Tante, allen Häuser kaufen kann – ohne Hypothekenzahlungen. Dass sie nur noch ihren Lebensunterhalt und die Steuern zu zahlen brauchen. Das würde ich sehr gerne tun. Wenn mir das gelungen ist, kann ich den Rest meines Lebens ganz entspannt angehen.

Also keine künstlerischen Ambitionen?

Egerton: Das würde ich nun auch nicht sagen. Ich würde schon gerne Fußspuren auf der Welt hinterlassen. Das ist ja das Tolle am Medium Film. Vielleicht wird irgendjemand in 150 Jahren, wenn ich schon lange unter der Erde liege, diesen Streifen einlegen und dann weiß er: Es gab einmal einen Typen namens Taron Egerton. Das fände ich hübsch. Aber dafür möchte ich sicher nicht mein Leben und meine Gesundheit ruinieren.