Fotomodell

Anna von Rüden macht mit 66 Jahren Karriere auf dem Laufsteg

Anna von Rüden ist Großmutter, Autorin und ein gefragtes Modell. Sie beweist, dass man sein Leben zu jedem Zeitpunkt noch ändern kann.

Foto: jörg Krauthöfer

Berlin.  Diese Frau weiß, wie sie sich vor einer Kamera bewegen muss. Locker und lässig sind ihre Posen beim Interview-Termin in einem Berliner Café. Anna von Rüden strahlt professionelle Gelassenheit aus. Die 66-Jährige ist ein „Best-Ager-Model“ (Model im besten Alter). Über so einen Begriff kann sie nur lächeln. „Irgendwie hat man auch bestimmte Vorstellungen von dem Begriff – und da passe ich nicht rein.“

Vor elf Jahren wurde sie auf der Straße entdeckt, seitdem ist sie für internationale Modemarken auf dem Laufsteg unterwegs. In ihrer Jugend gab es bereits einen kurzen Ausflug in die Modewelt, der von ihren Eltern jedoch schnell unterbunden wurde.

Zwölf Enkelkinder hat sie betreut

Sie studierte Sozialpädagogik, leitete einige Jahre eine Kindertagesstätte in einem sozialen Brennpunkt, bekam dann vier Kinder. Mit 55 Jahren erst die Scheidung, dann der Neustart als Model, aber auch als Großmutter. Zwölf Enkelkinder hat sie mittlerweile, alle wurden und werden bis zum Eintritt in die Kita von ihr betreut. Auch die große Liebe hat sie gefunden – mit einem 25 Jahre jüngeren Mann.

In ihrem Buch „Jeden Tag aufs Neue glücklich“ will sie zeigen, dass man sein Leben zu jedem Zeitpunkt noch ändern kann. Es kommt, so sagt sie, auf die nötige Offenheit an. Der Verlag Gräfe und Unzer sei auf sie zugekommen, weil sie in einer Fernsehsendung für Falten im Alter einstand. „Das konnte ich wohl so überzeugend rüberbringen“, sagt sie.

Viele kleine Dinge machen sie glücklich

Das Buch über ihr Leben war für sie „wie eine Abenteuerreise“, da sie einen großen Teil ihrer Erlebnisse schon vergessen hatte. Das Aufarbeiten sei nicht nur einfach gewesen. Manchmal sei sie auch an ihre Grenzen gegangen, „wenn ich einmal im Monat meine 92-jährige Mutter im Ruhrgebiet besuche und sehe, dass sie jedes Mal ein bisschen weniger wird und immer mehr schläft“.

„Jeden Tag aufs Neue glücklich“ – das klingt nach Schwerstarbeit. Doch von Rüden sagt, dass es nicht die großen Dinge sind, die für sie Glück bedeuten, sondern die vielen kleinen Sachen, aus denen sie Kraft schöpft. Kaffee und Kuchen mit ihrer Tochter und den Schwiegertöchtern. Auf dem alten Fahrrad ihres Vaters fahren. So ­etwas hebe ihre Stimmung.

Schönheitsoperationen kommen nicht infrage

Ihr Job, aber auch ihre Einstellung zum Leben halten sie offen für Neues – wie einen Instagram-Account, Video-Drehs (zum Beispiel mit der Band Rammstein) oder das Entdecken für sie neuer Musikrichtungen (wie Metal). Schon in jungen Jahren hat sie sich für Doro Pesch , die „Queen of Metal“, begeistert („Tolles Mädchen!“). Bewundert hat sie auch Diana Rigg als Emma Peel in „Mit Schirm, Charme und Melone“. „Eben Frauen, die Schmackes haben“, sagt sie.

Ihre Haare sind ungefärbt und damit weiß, sie hat Falten, wie sie jeder mit Mitte 60 hat – und wirkt damit äußerst jugendlich. Schönheitsoperationen kämen für sie nicht infrage. „Wer das machen möchte, kann das gern tun. Das verdamme ich überhaupt nicht. Aber die meisten sehen einfach nur anders alt aus.“ Sie komme gut damit zurecht, dass die Haut nicht mehr aussieht wie mit 20. Sie fühle sich auch viel sicherer in ihrem Körper als früher.

Casting-Stress erfordert gute Fitness

Fit hält sie sich zu Hause mit Gymnastik. Für die Enkel muss sie in Form sein. Aber auch der Job erfordert eine stabile Konstitution, wenn der Casting-Stress auf sie zukommt. „Ich war im letzten Jahr bei der großen Modeschöpferin ­Vivienne Westwood in Paris. Und es ging wie am Fließband: Sachen anziehen, laufen, umziehen, laufen.“

Dabei habe sie aber viel gelernt. Und so war es keine verlorene Zeit, obwohl sie am Ende nicht ausgewählt worden ist. In ihrem Alter kann sie damit umgehen. Aber „wenn ich sehe, wie ganz junge Mädchen bei Castings nicht genommen werden, und die stehen dann da mit ihren Büchern – das finde ich ganz schlimm.“

Freiheit war ihr immer wichtig

Deshalb würde sie auch ihren Enkelkindern nicht die Teilnahme an „Germany’s next Topmodel“ empfehlen. Ihrer elfjährigen Enkelin erklärt sie immer wieder, dass sie bei solchen Sendungen sehr viel warten muss. „Was man hinterher sieht, ist wirklich nur ein Bruchteil von dem, was man erarbeitet hat.“ Sie empfehle erst einmal eine Ausbildung. „Danach können sie machen, was sie wollen.“

Toni ist die Siegerin bei "Gemany's next Topmodel" 2018

So hat es Anna von Rüden auch mit ihren vier Kindern gehandhabt: „Ich habe immer versucht, ihnen größtmögliche Freiheiten zu geben, und geschaut, was sie so können und machen, und ihnen dabei geholfen.“ Bloß kein Stress – das sei schon immer ihr Lebensmotto gewesen.