Ex-EKD-Ratsvorsitzende

Margot Käßmann: „Für Frauen war mein Weg eine Ermutigung“

Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann geht in Rente. Im Interview blickt zurück auf ihr Leben – und auch auf große Fehler.

Margot Käßmann im Landeskirchenamt in Hannover.

Margot Käßmann im Landeskirchenamt in Hannover.

Foto: Christian Burkert / BM

Berlin.  Wenn Margot Käßmann an diesem Sonnabend mit einem Gottesdienst in Hannovers Marktkirche in den Ruhestand verabschiedet wird, dann heißt das nicht, dass wir von ihr nichts mehr hören werden. 35 Jahre hat sie im Dienst der evangelischen Kirche gearbeitet. Ihr Aufstieg ist für eine Frauenkarriere in Deutschland bisher beispiellos: von der Vikarin bis zur Ratsvorsitzenden der EKD. Ihr Abstieg ebenso. Nach einer betrunkenen Autofahrt tritt sie 2010 zurück. Dafür und für ihre Predigten musste sie viel Kritik einstecken. Den Mund verbieten lassen, will sie sich aber auch in Zukunft nicht.

Frau Käßmann, offiziell gehen Sie nun in den Ruhestand. Wie geht es Ihnen damit?

Käßmann: Ich freue mich riesig und ich weiß, dass es ein großes Privileg ist, mit 60 Jahren in den Ruhestand gehen zu dürfen.

Warum schon mit 60?

Käßmann: Zum einen, weil mit dem Abschluss des Reformationsjahres für mich als Botschafterin dieses Jubiläums eine Aufgabe gut zu Ende gegangen ist. Und zum anderen möchte ich gern jetzt entpflichtet werden, so heißt der Austritt aus dem Amt. Aber die Kür bleibt mir ja, denn eine Pfarrerin kann ein Leben lang predigen, Vorträge halten und schreiben. Außerdem ist mein sechstes Enkelkind unterwegs.

Sie waren nie eine klassische Pastorin, kann das sein?

Käßmann: Manchmal ist mir ja vorgeworfen worden, ich sei nicht pastoral genug. Nicht genug Theologin. Zu unreflektiert, zu unmittelbar. Ich bin keine Person, die lange abwägt, was sie sagt. Und damit habe ich oft angeeckt. Das merke ich auch an den Briefen, die ich bekomme.

Erleben Sie Anfeindungen?

Käßmann: Die netteren gehen so: „Nun halten Sie mal den Rand, was verstehen Sie schon?“ Dann gibt es lustige Mails, in denen ich gefragt werde, wie ich als Frau der Kirche hohe Absätze oder kurzes Haar tragen könne. Und dann gibt es böse Hassmails, wie „Wir werden dich auf der Kanzel abknallen“ oder „Halal ausbluten lassen“.

Gehen Sie dagegen juristisch vor?

Käßmann: Im vergangenen Jahr gab es ja eine AfD-Kampagne gegen mich. Da reichte es mir dann. Ich habe die Briefe in drei Stapel eingeteilt: Die einen, die ich gelöscht habe, eine weitere Kategorie waren Briefe, auf die ich geantwortet habe, und die dritte Kategorie von Briefen habe ich der Staatsanwaltschaft übergeben, weil sie strafrechtlich relevant sind. Zehn Verfahren laufen jetzt gerade.

Glauben Sie, das wird jetzt weniger?

Käßmann: Ja. Es reicht jetzt auch. Trotzdem werde ich mir von Leuten, die mir drohen, nicht den Mund verbieten lassen. Aber dieser Hass und die Sprachverrohung, da frage ich mich schon, woher das kommt.

Haben Sie eine Erklärung?

Käßmann: Diese Hasssprache entsteht ja auch, weil Schritt für Schritt eine Enttabuisierung vorgenommen wird, die uns verrohen lässt. Da geht Herr Gauland mal wieder drei Schritte zu weit und sagt dann wieder: So habe ich es ja gar nicht gemeint. Dann sagen andere wieder, aber eigentlich hat er ja recht.

Was ist mit Begriffen wie „Asyltourismus“ oder „Asylgehalt“, wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sie verwendet?

Käßmann: Das Wort „Asyltourismus“ ist eine Enttabuisierung. Dass ein Mensch sich aufmacht und sein Leben und das seiner Familie riskiert, um in Frieden und Freiheit leben zu können, ist kein Tourismus. Wenn Politiker wie Markus Söder so sprechen, dann ist das verantwortungslos.

Der Begriff kommt von einer Partei, die das C für „Christlich“ im Namen trägt.

Käßmann: Ja, Herr Söder sollte sich als evangelischer Christ sehr gut überlegen, was solch ein Begriff wie Asyltourismus für seinen christlichen Glauben bedeutet. Er will überall in Behörden in Bayern Kreuze aufhängen, spricht aber von Asyltourismus, das passt nicht zusammen. Für mich ist diese Diskussion nicht christlich: In der Bibel steht, den Fremden, der vor der Tür steht, sollt ihr aufnehmen. Gleichzeitig bin ich dafür, Gesetze anzuwenden.

Wie nehmen Sie den Asylstreit zwischen CDU und CSU wahr?

Käßmann: Der regt mich total auf, weil wir wirklich wichtigere Probleme im Land haben. Zum Beispiel: Wie geht es mit der Pflege voran, mit den Kitas, mit der Altersarmut, mit dem sozialen Wohnungsbau? So eine Engführung führt zu Politikverdrossenheit. Ich kann die Diskussion kaum noch ertragen. Von gewählten Politikern können wir doch erwarten, dass sie sich zusammenreißen. Und die Kanzlerin ist die Kanzlerin, die kann Minister auch entlassen.

Ein harter Übergang jetzt: Sie werden bis heute mit Ihrer Trunkenheitsfahrt im Februar 2010 in Hannover in Verbindung gebracht. Wie blicken Sie heute auf diesen Abend zurück?

Käßmann: Es war ein Riesenfehler, für den ich die Konsequenz getragen habe. Ich bin im Nachhinein immer noch froh, dass ich bei der Pressekonferenz, bei der ich meinen Rücktritt verkündet habe, nicht geweint habe. Aber ich bin darüber hinweg.

War der Rücktritt von allen Ämtern, als EKD-Ratsvorsitzende, als Bischöfin unvermeidlich?

Käßmann: Ja, denn mir wäre der Fehler immer wieder vorgehalten worden. Aber natürlich hätte ich an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland gern noch länger gewirkt. Vor allem habe ich ein schlechtes Gewissen denen gegenüber, die mich damals als geschiedene Frau in dieses Amt gewählt haben.

War das ein unverzeihlicher Fehler?

Käßmann: Ich habe ihn mir jedenfalls verziehen.

Es wurde immer spekuliert, wer eigentlich neben Ihnen im Auto saß. Warum musste das ein Geheimnis bleiben?

Käßmann: Diesen Hype um meinen Beifahrer habe ich noch nie verstanden. Aber die Freiheit, in dieser Sache zu schweigen, die nehme ich mir. Nur so viel, es war nicht Gerhard Schröder.

2016 hat der damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel sie als Bundespräsidentin ins Gespräch gebracht. Wie lief das damals ab?

Käßmann: Das lief knapp ab. Sigmar Gabriel und ich kennen uns ja gut aus unseren Zeiten in Hannover. Wir hatten dann Kontakt, er hat mich gefragt, und ich habe Nein gesagt. Wochen später war ich bei meiner Kosmetikerin, schaltete danach das Handy an und sah 46 neue Nachrichten. Da hatte das der Linke-Vorsitzende Bernd Riexinger öffentlich gemacht. Die Sache war da aber längst durch für mich.

Wieso wollten Sie nicht?

Käßmann: Das Amt der Bundespräsidentin wäre nichts für mich. Die Anfrage war eine große Ehre. Aber ich sehe mich nicht Militärparaden abschreiten. So ein Repräsentationsamt passt nicht zu mir. Ich liebe die Freiheit.

Wenn Sie nicht gern repräsentieren: Was haben Sie denn als Bischöfin am liebsten gemacht?

Käßmann: Predigen. Aber nicht irgendwo in der ersten Reihe sitzen.

Ihre Neujahrspredigt 2010 hat Wellen geschlagen. Sie haben mit Blick auf den Afghanistan-Einsatz gesagt: „Nichts ist gut in Afghanistan.“ War der Satz klug?

Käßmann: Der Satz war vielleicht nicht klug, aber er war richtig. Es gab damals eine gewollte Skandalisierung. Die Angriffe haben mich sehr getroffen. Aber später wurde allen klar, dass die Bundeswehr in Afghanistan kein THW ist, das Brunnen bohrt und Mädchenschulen baut. Das war Krieg. Bis heute hat sich die Situation dort nicht verbessert. Die Predigt wurde später mit dem Rhetorikpreis der Uni Tübingen ausgezeichnet. Ich habe übrigens in derselben Predigt gesagt: „Nichts ist gut in Deutschland, wenn jedes sechste Kind in Armut aufwächst.“ Aber das hat keiner zitiert.

Hat sich Ihr Glaube über die Jahre verändert?

Käßmann: Beim Älterwerden wird der Glaube tiefer. Leiderfahrungen, die den Glauben erschüttern können, akzeptierst du im Alter eher. Ich denke, ich werde durch mein Älterwerden zur ruhigeren und besseren Seelsorgerin. Ich habe viele Menschen sterben sehen. Ich bin da in einer Beziehung, die Höhen und Tiefen erlebt hat, es ist wie in einer langen, vertrauensvollen Freundschaft.

Ihr eigenes Leiden war auch öffentlich. Sie sind geschieden, sie hatten Krebs. Haben Sie sich da gefragt: Warum ich?

Käßmann: Nein, das habe ich mich nie gefragt. Jede sechste Frau in Deutschland bekommt Brustkrebs. Da kann ich nicht sagen: Ich bin Bischöfin, bei mir geht das nicht. Ich hatte damals großes Glück, weil der Krebs früh erkannt wurde. Für viele Frauen war mein Weg eine Ermutigung. Es ist trotzdem nicht schön, wenn so viel Privates öffentlich wird.

Weil man damit eine Angriffsfläche bietet.

Käßmann: Das ist traurig. Krankheit ist doch nicht Schwäche. Ich hätte in meinem Amt jedenfalls kein Geheimnis daraus machen können. Auch nicht bei der Scheidung. Es wäre alles herausgekommen.

Haben Sie sich nie schwach gefühlt?

Käßmann: Nein. Nach der Scheidung hatte ich ein schlimmes halbes Jahr. Es war ein Spießrutenlauf. Jeder guckt dich an nach dem Motto: Soso, die hat sich scheiden lassen. Auch in der Pfarrerschaft musste ich den Schritt oft rechtfertigen.

Sie haben als Bischöfin ein kirchliches Scheidungsritual befürwortet. Gilt das noch?

Käßmann: Dazu stehe ich. Die Kirche bietet einen tollen Rahmen für herrliche Hochzeiten. Aber wo sind die Gottesdienste für diejenigen, die in Scheidung leben? Da hat Kirche auch eine Verantwortung. Wenn aus einer Ehe Kinder hervorgehen, dann wäre so ein kirchliches Scheidungsritual auch für die Kinder wichtig. In der Kirche könnten wir zeigen, dass Paare friedlich auseinandergehen können. Vielleicht legen die Ehepartner sogar die Ringe zurück auf den Altar. Ich will nicht Scheidungen segnen. Aber ich sehe, wie Kinder leiden, wenn die Eltern gegeneinander kämpfen und sich hassen. Die Kirche kann hier Frieden stiften.

Letzte Frage: Ist Gott ein Mann oder eine Frau?

Käßmann: Meine Tochter hat mir neulich eine Postkarte geschickt, auf der stand: Ich habe Gott getroffen. Sie ist schwarz.

Und Ihre Vorstellung von Gott?

Käßmann: Ich selbst bin vielleicht etwas altbacken: Ich bete zum Vater im Himmel.