Als der Richter allen Anwesenden „fröhliche Ostern“ wünscht und sagt, das Osterfest sei doch ein passender Termin für einen Neubeginn, fällt Sandra Völker ihrem Vater in die Arme. Ein paar Tränen fließen, die ganze Last der vergangenen zehn Jahre fällt in diesem Moment von ihr ab. „Es ist vorbei, endlich!“, sagt sie. Sandra Völker (44) lächelt.
Im Saal C15 des Amtsgerichts Lübeck, Am Burgfeld 7, hat der Richter am Gründonnerstag das Insolvenzverfahren 53b IN 215/13 gegen die ehemalige Weltklasse-Schwimmerin, Weltmeisterin, Weltrekordlerin und viermalige Olympiateilnehmerin für beendet erklärt und die Restschuldbefreiung ausgesprochen. 19 Gläubiger haben dem Insolvenzplan von Völkers Hamburger Anwältin Verena Vogt zugestimmt. „Frau Völker hat in den vergangenen vier Jahren alles getan, um so viel Geld wie möglich zurückzuzahlen“, sagte Vogt.
Völker meldet mit 113.000 Euro Schulden Insolvenz an
Als die ehemalige Profisportlerin am 11. November 2013 Insolvenz anmeldet, hat sie 113.000 Euro Schulden. Völker ist nach der Zahl der nationalen Titel und internationalen Medaillen, es sind am Ende ihrer Karriere mehr als 60, Deutschlands bisher erfolgreichste Schwimmerin.

Sie hat gut verdient, Insider schätzen ihr damaliges Jahreseinkommen an Prämien und Sponsorengeldern auf umgerechnet mehr als 120.000 Euro. Sie kauft für rund 800.000 Mark (409.000 Euro) eine Eigentumswohnung in Hamburg-Winterhude, 120 Quadratmeter mit Garten – als Absicherung.
Einen Monat später geht ihr wichtigster Sponsor pleite, eine Firma, die antiallergische Produkte vertreibt. Der langjährige Vertrag hat die Größenordnung des Kaufpreises ihrer Wohnung. Das Unternehmen soll sich zugleich am Stiftungskapital ihrer Asthma-Stiftung für Kinder und Jugendliche beteiligen, die Völker im Jahr 2001 gründet.
Das war der erste Schritt in die Insolvenz
Die Schwimmerin übernimmt die ganze Summe von 100.000 Mark (51.130 Euro), „weil ich alle, die für dieses Projekt gearbeitet hatten, nicht enttäuschen wollte“. Im Nachhinein ist dies der erste Schritt in die Insolvenz.
Im Jahr 2007 kommt ihre erste Tochter Lotta zur Welt, die inzwischen beim Vater lebt. Die monatlichen Belastungen bleiben hoch, sie werden zu hoch, als sie 2008 ihre Laufbahn beendet. Doch trotz aller Probleme bewahrt sie sich ihren Stolz. Ein Angebot des Fernsehsenders RTL, für 50.000 Euro ins „Dschungelcamp“ einzuziehen, lehnt sie ab. Was bleibt, ist der Insolvenzantrag und Hartz IV.
In den Jahren 2015 und 2016 werden ihre nächsten beiden Töchter geboren. Vom Vater trennt sie sich. Sandra Völker lebt heute mit ihren Kindern in einem Mehrgenerationenprojekt in Scharbeutz an der Ostsee, ihre Eltern sind zu ihr gezogen.
Ehemalige Profischwimmerin ist mit sich im Reinen
Sie arbeitet jetzt gelegentlich als Wasser-Botschafterin für die Firma Blue Safety in Münster. Beim Lübecker Schwimmverein gibt sie Seniorentraining, als Personaltrainerin will sie sich weitere Einnahmen erschließen.
Nach dem Gerichtstermin fährt Völker in Lübeck ins Hörfunkstudio des NDR, spricht zum Thema „Scheitern und Neuanfang“. Was sie sich jetzt am sehnlichsten wünscht? „Urlaub“, sagt sie, „zwei Wochen auf einem Bauernhof auf Fehmarn mit meinen Kindern ausspannen, die Sorgen des Alltags einmal ausblenden.“
Sandra Völker lacht. Sie ist mit sich im Reinen. „Ich habe mein Leben zurückgewonnen. Das ist heute das Leben, das zu mir passt. Ich habe mich endlich freigeschwommen.“


