Prominente

Aus dem Verlies in die Freiheit – Natascha Kampusch wird 30

Natascha Kampusch, die acht Jahre lang in einem Keller gefangen gehalten wurde, wird 30 Jahre alt. Ihr Wunsch: „Endlich Frau sein“.

Natascha Kampusch wurde über Jahre in einem Verlies gefangen gehalten. Sie konnte fliehen, der Täter nahm sich das Leben.

Natascha Kampusch wurde über Jahre in einem Verlies gefangen gehalten. Sie konnte fliehen, der Täter nahm sich das Leben.

Foto: dpa Picture-Alliance / Peter Trykar / picture alliance / dpa

Wien.  Sie hat ein wenig gehadert mit dem Alter, aber nun ist sie doch froh: Am Samstag wird Natascha Kampusch 30. „Ich will endlich Frau sein“, hat sie kürzlich einmal gesagt, nicht mehr das, was die Menschen in ihr immer noch sehen: das ewige Kind aus dem Keller.

Im Sommer wird es zwölf Jahre her sein, dass sich die damals 18-Jährige aus ihrem Kellerverlies bei Wien befreite und damit von dem Mann, der das Grundschulkind vor inzwischen 20 Jahren von der Straße entführt und in einem unterirdischen Versteck beherrscht, misshandelt und, wie man erst heute weiß, missbraucht hatte.

Nach acht Jahren war Natascha Kampusch endlich frei, jedenfalls glaubte sie das. Manchmal feiert sie auch diesen „Geburtstag“, den sie den „Tag meiner Selbstbefreiung“ nennt: weil sie an jenem 23. August Mut hatte, „eine gute Entscheidung“ traf und die Chance zur Flucht nutzte.

Von eigener Familie träumt Kampusch nicht mehr

Nur, wie kann jemand frei sein, der seither immer wieder gefragt wird, wie er lebt? Und warum? Und mit wem?

Mit niemandem, um das vorwegzunehmen; einen Partner kann sich die Österreicherin zwar vorstellen, eine eigene Familie, von der sie einmal träumte, inzwischen nicht mehr. Feiern aber wird sie am Samstag: mit Familie und Freunden, hat sie der Deutschen Presse-Agentur erzählt.

Dabei sind „Freunde“ Menschen, die Natascha Kampusch lange nicht kannte. Die pure Freude, das lange vermisste Mädchen endlich wiederzufinden, währte damals nicht lange. Neid begleitete die ersten mühsamen Schritte in ein neues, noch lange nicht selbstbestimmtes Leben, das Misstrauen all derer, die an Schwäche nicht glauben wollten, weil die junge Frau so stark wirkte. Dabei sehnte sie sich nach Liebe.

Ihre Therapie hat sie bis heute beibehalten

Bis heute geht Kampusch zur Therapie, lernte dort, auf sich selbst zu hören. Dabei hatte sie es tatsächlich geschafft, in den acht Jahren mit Wolfgang Priklopil, für sie bis heute nur „der Täter“, sie selbst zu bleiben. Mehr noch: eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

„Draußen“, sagt sie heute, habe sie anfangs vieles spannend gefunden, sich aber auch an Leuten orientiert, die sie belächelten oder ausnutzen wollten. „Es war wichtig zu sagen, ich bin in Ordnung, so wie ich bin“: Natascha Kampusch, kreativ, wortgewandt, zurückhaltend, eine junge Wienerin, die ihr Haar, einst oft geschoren, nun immer lang trägt.

Als „Schauspielerin“ wird sie im Onlinelexikon Wikipedia geführt, erst dann als „österreichische Schmuckdesignerin und ehemalige Fernsehmoderatorin“. An eine Schauspielerin kann sich keiner erinnern, eine eigene Talkshow wurde schon nach drei Folgen eingestellt, zwei Bücher über ihr Martyrium aber hat sie geschrieben: „3096 Tage“ und „Zehn Jahre Freiheit“.

Im Herbst hat sie, die nach dem nachgeholten Schulabschluss eine Goldschmiedelehre abbrach, eine eigene Schmucklinie vorgestellt. „Fiore“ heißt die, italienisch für Blume; ihr Stiel hat einen Knick, wie das Leben der Natascha, aber daraus, das ist ihr wichtig, wächst doch eine Blüte. Sie will das Zarte in sich zeigen und mit etwas Humor auch hier, was sie ist: „eine Überlebenskünstlerin“.

Zu ihrem Geburtstag will sie Spenden – keine Geschenke

Es hat lange gedauert, bis Österreich von ihrer Überlebensgeschichte abgelassen hat, mehrere Untersuchungsausschüsse gab es, immer neue Ermittlungen, neue Verdächtige. Aber „der Täter“, dabei blieb die nun 30-Jährige immer, war der einzige.

Nun sind die Akten geschlossen, Natascha Kampusch sagt, sie leide nicht mehr sehr. „Es ist mehr so ein Gefühl“, sie weiß zu verhindern, dass es sich in ihr heutiges Leben „frisst“. Manchmal vermisst sie die Pubertät, die sie nie leben konnte, manchmal wundert sie sich über ihre Bodenständigkeit: „Ich hätte gedacht, dass ich reiselustiger bin oder gar auswandern werde.“

Aber eigentlich möchte sie nicht mehr darüber reden. Lieber darüber, dass sie sich für wohltätige Zwecke engagiert. Auch zu ihrem Geburtstag will sie Spenden und keine Geschenke. Warum? Aus einem Schuldgefühl heraus, weil sie überlebt habe? Viele Opfer empfinden so. Nein, das Überleben mache ihr keine Schuldgefühle. Im Gegenteil. „Das find ich prima.“

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.