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Juliette Binoche: „Ich habe aus Enttäuschungen viel gelernt“

| Lesedauer: 5 Minuten
Rüdiger Sturm
Juliette Binoche wünscht sich eine Beziehung, die von Freiheit und Respekt für den anderen geprägt ist.

Juliette Binoche wünscht sich eine Beziehung, die von Freiheit und Respekt für den anderen geprägt ist.

Foto: imago stock / imago/Starface

Die „Chocolat“-Schauspielerin Juliette Binoche spricht im Interview über die wahre Liebe und die Reise zur eigenen Persönlichkeit.

Essen.  „Ich hoffe, ich habe Sie nicht gelangweilt“, meint Juliette Binoche am Ende ­dieses Gesprächs. Dass sie das mit ihrem tiefkehligen Lachen untermalt, heißt nur: Das ist nicht ernst gemeint. Die 53-Jährige, die 1992 mit dem Film „Die Liebenden von Pont-Neuf“ auf sich aufmerksam gemacht hatte und 2000 mit „Chocolat“ die Zuschauer begeisterte, ist im Herbst in einer romantischen Komödie („Un Beau Soleil Intérieur“) zu sehen. Mit Rüdiger Sturm sprach die Schauspielerin über Partnersuche, Desillusionierung und darüber, was sie aus Enttäuschungen gelernt hat.

Madame Binoche, in Ihrem neuen Film spielen Sie eine Frau, die auf der ständigen Suche nach dem Mr. Right ist. Sie selbst scheinen den ja noch nicht gefunden zu haben.

Juliette Binoche: Was auch daran liegt, dass ich die Freiheit brauchte, um neue Entdeckungen zu machen. Ich will mich nicht auf eine konventionelle Beziehung festnageln lassen. Wobei ich nicht glaube, dass es zwangsläufig einen Mr. Right gibt. Viele Leute träumen von dem Partner wie im Märchen, durch den sie sich erst wie ein ganzer Mensch fühlen, von dem sie sich Schutz erhoffen. Aber in der Realität funktioniert das nicht so einfach. Du musst dich sozusagen erst selbst heiraten und deine innere Einheit finden, danach bist du zu einer richtigen Beziehung imstande. Denn dann willst du den anderen nicht besitzen, du gibst ihm Freiraum. Wahre Liebe ist nur möglich, wenn du die andere Person so akzeptierst, wie sie ist und sie nicht mit Erwartungen überfrachtest.

Wie lernt man das?

Binoche: Durch Enttäuschung, durch Desillusionierung. Du erreichst gewissermaßen einen Zustand der Leere. Aber dadurch bist du viel offener für die Liebe. Aber wenn du sagst: „Ich werde jetzt einen Partner erobern, ich hole mir die Liebe“, dann funktioniert das nicht. Da läufst du gegen die Wand. Liebe ist keine Frage des Willens, du kannst sie nicht festhalten. Sie gehört dir nicht.

Aber zu viel Enttäuschung kann doch auch nicht gut sein.

Binoche: Was mich angeht, so kann ich sagen, dass ich aus Enttäuschungen viel gelernt habe. Das ist sicher nicht der einzige Weg. Aber wie ich schon sagte, du kannst das nicht erzwingen, sondern musst es zulassen.

Das klingt ein wenig esoterisch.

Binoche: Das kann ich nicht sagen. Aber das Entscheidende ist, dass wir in unserer materiellen Welt keine Lösung für unsere Probleme finden. Sie erstickt uns. Es kommt auf seelische Veränderungen an.

Und dazu muss man sich selbst erst mal heiraten?

Binoche: Ja, denn wer ist der Mensch, der eines Tages diese Erde verlässt? Du selbst. Da ist niemand sonst dabei. Es ist wunderschön, wenn du mit jemandem eine weite Strecke dieses Wegs gehen kannst. Aber wie viele Leute leben nur aus dem Grund 50, 60 Jahre zusammen, weil es einfacher und bequemer ist?

Kann denn nicht auch eine Beziehung helfen, zu sich selbst zu finden?

Binoche: Doch, das natürlich auch. Ich bin immer für die Liebe offen. Nur so fühle ich mich lebendig. Wenn du mit jemandem zusammen bist, lernst du dich selbst auf eine intensive, intime Weise kennen. Aber das ist zwangsläufig auch gefährlich. Solange du dich vom anderen beschützt fühlst, ist das wunderbar. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass du sehr schlimm verletzt wirst. Und sobald das passiert, geraten deine Emotionen komplett durchein-ander. Du denkst dir: „Welches Tier ist da in mich hineingefahren? Das bin ich doch nicht.“

Macht Ihnen so ein Zustand Angst?

Binoche: Ich versuche nicht, in solchen Kategorien zu denken. Denn gerade die Dinge, vor denen wir am meisten Angst haben, suchen uns heim.

Aber wie kommen Sie mit solchen Empfindungen klar?

Binoche: Du musst dich einfach weiterentwickeln, darfst deine Emotionen nicht unterdrücken. Natürlich gibt es Phasen, wo das unerträglich wird, wo du dich vor allen Beziehungen verschließen möchtest. Aber das geht wieder vorbei. Und du weißt, dass sich im Lauf der Zeit alles wieder wandelt. Du bist zum Beispiel mit 50 nicht auf die gleiche Weise eifersüchtig wie du es mit 20 warst.

Und wie geht es Ihnen?

Binoche: Ich bin jemand, der sich voll und ganz auf eine Beziehung einlässt. In Amerika gibt es dieses Konzept, dass du dich erst ein paarmal verabreden musst – das erste Date, das zweite und dann das dritte Date. Diese Vorgehensweise klingt sinnvoll, denn auf diese Weise lernst du den anderen stufenweise kennen, kannst eine Freundschaft aufbauen. Für mich dagegen ist das nichts. Aber ich weiß dabei auch, wen ich suche – nämlich jemanden, der mit mir über die grundlegenden Fragen des Lebens derselben Meinung ist, ohne dass ich unsere Unterschiede verleugnen möchte.

Können Sie Beispiele nennen, wie Sie sich weiterentwickelt haben?

Binoche: Ich bin geduldiger geworden. Die emotionalen Achterbahnfahrten von früher, die dich wirklich kaputtmachen können, erlebe ich nicht mehr so. Ich kenne meine Gefühle besser und weiß deshalb auch, wann jemand versucht, mich zu manipulieren.

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