Pop-Band

„Tokio Hotel“ haben ihre wilde Zeit hinter sich gelassen

| Lesedauer: 6 Minuten
Annika Schönstädt
Längst nicht mehr so verrückt wie vor zehn Jahren: „Tokio Hotel“ (v.l.) mit Georg Listing, Bill Kaulitz, Tom Kaulitz und Gustav Schäfer.

Längst nicht mehr so verrückt wie vor zehn Jahren: „Tokio Hotel“ (v.l.) mit Georg Listing, Bill Kaulitz, Tom Kaulitz und Gustav Schäfer.

Foto: Reto Klar / Berliner Morgenpost / Reto Klar

Die Band „Tokio Hotel“ meldet sich mit einem neuen Album zurück. Ein Gespräch über Erfolg, übers Heiraten und das Leben in Los Angeles.

Berlin.  Die Jungs von „Tokio Hotel“ hatten ihre wilde Zeit vor etwa zehn Jahren: Bill und Tom Kaulitz (27), die Zwillinge, Georg Listing (29) und Gustav Schäfer (28) haben unzähligen Mädchen die Köpfe verdreht. Nach jahrelanger Funkstille ist die Band aus Magdeburg mit dem Album „Dream Machine“ endlich zurück. In den Berliner „Black Box Music“-Hallen sprach Annika Schönstädt mit den Bandmitgliedern über Musik, Freundschaft und wie es sich anfühlt, bald 30 zu werden.

Euer letztes Album war eher mäßig erfolgreich. Setzt euch das unter Druck?

Bill Kaulitz: Wenn man sein erstes Album macht, ist man total unschuldig. Niemand hat Erwartungen, es gibt keinen Druck. Dahin wollten wir dieses Mal beim Songschreiben zurück, weil man dann einen ganz anderen Zugang zur eigenen Kreativität bekommt. Wir sind in der luxuriösen Situation, dass wir noch immer eine sehr feste Fan Base haben. Deshalb hatten wir auch 2015 ein super Tourjahr. Wir können sehr entspannt sein.

Tom Kaulitz: Und wir werden immer weiter Alben machen. Egal ob da mal eins dabei ist, was sich schlechter verkauft. Das ist ja auch immer Ansichtssache. Die letzte Platte hat Gold gemacht und fast überall die Nummer eins bei iTunes erreicht. Abgesehen von Alben machen wir immer Musik. Ein Album ist nur eine Zusammenfassung dieser Zeit. Es gibt für uns keine Alternative. Wir können ja auch nichts anderes.

Erfolg im Sinne von Bekanntheit ist für euch heute vermutlich nicht mehr besonders erstrebenswert.

Bill Kaulitz: Für uns ging es nie ums Berühmtwerden. Wenn wir keine Platte zu vermarkten haben, sieht man uns auch nicht in Talkshows oder auf roten Teppichen. Ich fand es problematisch, als es irgendwann mehr um uns als Personen als um die Musik ging. Das war gerade in Deutschland extrem. Deshalb sind wir nach Los Angeles abgehauen und haben vier Jahre lang nichts gemacht. Das war menschlich und karrieretechnisch für uns die einzige Lösung. Jetzt können wir Auftritte wieder anders genießen. Eine Zeit lang waren wir nur unterwegs und vollkommen isoliert vom normalen Leben und normalen Menschen.

Gustav, du bist im vergangenen Jahr Vater geworden. Was bedeutet das für dich?

Gustav Schäfer: Man wird auf jeden Fall entspannter. Ich zerbreche mir heute nicht mehr so den Kopf. Und ich habe meinen Alkoholkonsum ein wenig eingeschränkt.

Bill Kaulitz: Ich denke, die Balance ist für uns alle wichtiger, jetzt wo wir ein bisschen älter sind. Früher kamen wir aus der Schule und haben danach Musik gemacht. Etwas anderes gab es nicht. Wir hatten gar keine sozialen Kontakte außerhalb der Band. Heute ist das anders. Gustav ist Papa und verheiratet, Georg hat sein Leben mit seiner Freundin, jeder macht sein Ding.

Freundschaften verändern sich häufig, wenn Menschen Eltern werden.

Tom Kaulitz: Das stimmt, aber ich glaube, das ist bei Frauen extremer. Ich hatte auch diese Befürchtung, aber bisher ist alles so geblieben, wie es war.

Wie sieht es bei den anderen von euch mit der Familienplanung aus?

Tom Kaulitz: Bill und ich haben so eine Lebensplanung gar nicht.

Bill Kaulitz: Ich fühle mich manchmal wie 100. Dann denke ich, ich habe schon alles gesehen und erlebt. Dann wünsche ich mir so ein Erlebnis, das noch einmal alles erschüttert und verändert. Ein anderes Mal fühle ich mich wie zwölf, und mich erschreckt diese Vorstellung. Dann denke ich, ich kann auf keinen Fall schon heiraten. Ich habe aber auch so eine Beziehung wie Gustav noch nicht erlebt.

Wie fühlt es sich an, so lange am Stück zurück in Deutschland zu sein?

Tom Kaulitz: Das ist wie mit der gesamten Karriere. Wir können das jetzt ganz anders genießen, weil wir danach wieder wegkönnen.

Bill Kaulitz: Wir können Deutschland jetzt wieder vermissen. Und es ist immer ein bisschen wie Urlaub. Wenn wir sagen, wir fliegen nach Hause, dann meinen wir damit mittlerweile Los Angeles.

Und dort wohnt ihr immer noch beide zusammen?

Bill Kaulitz: Genau. Schon immer. Wir haben einen Männerhaushalt. Aber Tom ist megaordentlich.

Tom Kaulitz: Das liegt aber auch daran, dass wir so selten zu Hause sind. Wir essen dreimal täglich im Restaurant. Der Kühlschrank ist leer. Da braucht man dann auch die Geschirrspülmaschine nie anzumachen.

In nicht allzu langer Zeit werdet ihr alle 30? Macht das was mit euch?

Bill Kaulitz: Früher habe ich gedacht, so alt werde ich gar nicht. Aber mir macht das Älterwerden auch gar nichts aus.

Georg Listing: Ich möchte gerne sehr alt werden. So entspannte 200, wenn ich gesund bin, natürlich.

Und was muss bis dahin noch erledigt werden? Haus bauen, Baum pflanzen, Sohn zeugen?

Bill Kaulitz: Ich möchte unbedingt heiraten. Irgendwann. Und ich möchte mal einen eigenen Club besitzen, den geilsten in Europa. Und eine Modelinie.

Für eure Tour probt ihr seit Dezember hauptsächlich in Berlin.

Bill Kaulitz: Berlin ist für uns das deutsche Pendant zu L.A. Es ist wahnsinnig international. Es hat das beste Nachtleben der Welt.

Könntet Ihr Euch auch ein Leben in Magdeburg vorstellen?

In Magdeburg würde ich nie auf der Straße langlaufen. In Berlin schon.

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