Erdogan-Satire

Böhmermann bittet Bundesregierung um Beistand

Preisträger Jan Böhmermann hat seine Teilnahme an der Grimme-Gala abgesagt. Seine Erdogan-Satire beschäftigt jetzt auch das Kanzleramt.

Grimme-Preis für „Varoufakis-Bluff", Anzeigen wegen Erdogan-Gedicht: Jan Böhmermann

Grimme-Preis für „Varoufakis-Bluff", Anzeigen wegen Erdogan-Gedicht: Jan Böhmermann

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Berlin/Marl.  Einer der Hauptdarsteller der Grimme-Preisverleihung am Freitagabend in Marl hatte abgesagt: TV-Moderator Jan Böhmermann (35) wollte der Gala lieber fernbleiben. Für seine Satire um den Mittelfinger des griechischen Ex-Finanzministers Janis Varoufakis hätte er einen Grimme-Preis bekommen sollen. Doch Böhmermann war nicht nach Feiern zumute. Er sagte kurzfristig ab. Sein Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan beschäftigt inzwischen nicht nur die Staatsanwaltschaft, sondern auch die Bundesregierung.

Direktmail an Peter Altmeier

Kanzleramtsminister Peter Altmaier bestätigte dieser Zeitung, dass Böhmermann ihn wegen seines umstrittenen Erdogan-Gedichts um Beistand gebeten hat. „Herr Böhmermann hat mir eine Direktmail übermittelt, die er selbst als privat und nicht öffentlich eingestuft hat“, sagte der CDU-Politiker. Demnach zeigte der TV-Spaßvogel Reue.

Böhmermann habe „selbst gesagt, dass seine Äußerungen über den türkischen Präsidenten als Schmähkritik zu verstehen sind, die in dieser Form gar nicht gestattet sei“, verteidigte Altmaier Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Verständnis für die Klagen aus der Türkei gezeigt hatte. Böhmermanns Formulierungen in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ seien „bewusst verletzend“ gewesen, rügte Merkel, die in der Angelegenheit mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu telefonierte.

„Ich fühle mich erschüttert“

Am frühen Freitagmorgen hatte Böhmermann auf seiner Facebook-Seite gepostet: „Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe. Mein Team von der Bildundtonfabrik und ich bitten um Verständnis, dass wir heute Abend nicht in Marl feiern können.“

Die Mainzer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Satiriker, weil er in seiner Late-Night-Show vor gut einer Woche in einem Gedicht über Erdogan mit Begrifflichkeiten unterhalb der Gürtellinie gearbeitet hatte. Die Ermittlungen wurden nach Anzeigen gegen Böhmermann und ZDF-Verantwortliche wegen des Verdachts der Beleidigung von Organen oder Vertretern ausländischer Staaten aufgenommen.

Ermittler warten auf Strafverlangen

Bisher lägen weder eine Ermächtigung der Bundesregierung noch ein Strafverlangen der Türkei vor, sagte die Leitende Oberstaatsanwältin Andrea Keller am Freitag. Diese seien für eine Strafverfolgung in solchen Fällen nötig, aber „nicht zeitnah zu erwarten“. ZDF-Intendant Thomas Bellut drückte dem türkischen Botschafter „sein Bedauern“ darüber aus, „dass der Beitrag Gefühle von Zuschauerinnen und Zuschauern verletzt hat“.

Medienanwalt Christian Schertz, der Böhmermann vertritt, kritisierte laut „Spiegel“ das Verhalten der Bundesregierung: „Besonders schwierig finden wir, dass die Kanzlerin sich bereits öffentlich mit einer rechtlichen Bewertung geäußert hat und das Auswärtige Amt Gutachten anfertigen lässt“, sagte Schertz. „Man sollte hier die Grundsätze der Gewaltenteilung beachten.“

Böhmermann hat „#witzefrei“

Am Donnerstagabend zeigte ZDFneo eine neue Ausgabe von Böhmermanns „Neo Magazin Royale“, die er unter das Motto „#witzefrei“ stellte. Erdogan-Witze verkniff er sich, nur einige Anspielungen gab es. Mit seinem Sidekick Ralf Kabelka unterhielt er sich über neue berufliche Perspektiven. Vielleicht mal ein Wechsel in die Privatwirtschaft? „Ich überleg mir gerade, mich beruflich mal umzugucken...“, sagte Böhmermann und stellte sein neues Label Böhmer-wohnen.de vor: „Wer träumt nicht diese Tage davon, so zu leben wie ich?“

Als Gast präsentierte Böhmermann die ARD-Talkerin Anne Will. Deren Thema am Sonntagabend lautet: „Streit um Erdogan-Kritik - Kuscht die Bundesregierung vor der Türkei?“