Interview

Moritz Bleibtreu gesteht: „Ich habe früher oft rotgesehen“

Moritz Bleibtreu spielt in „Die dunkle Seite des Mondes“ einen drogensüchtigen Anwalt. Im Interview spricht er über Ängste und Alkohol.

 Moritz Bleibtreu bei seinem Interviewtermin in Berlin. Dort sprach er offen über seinen Jähzorn als Jugendlicher, den er heute bereut

Moritz Bleibtreu bei seinem Interviewtermin in Berlin. Dort sprach er offen über seinen Jähzorn als Jugendlicher, den er heute bereut

Foto: Reto Klar

Berlin.  In seinem aktuellen Kinofilm „Die dunkle Seite des Mondes“ nascht Moritz Bleibtreu (44) Pilze und kommt auf einen bösen Trip. Im Interview spricht er über seine eigenen Erfahrungen mit Drogen, seinen jugendlichen Jähzorn und die Angst vor dem Rausch.

Sie spielen in dem Film einen kompletten Unsympathen ...

Moritz Bleibtreu: … und spätestens in dem Moment, wenn meine Rolle, dieser Urs Blank, die Katze umbringt, ist es vorbei. Ganz wichtig war der Moment des Erkennens. Der kommt bei Martin Suter, der die Romanvorlage geschrieben hat, so ja nicht vor. Aber Blank beginnt sehr früh durchzudrehen. Und Kino braucht Identifikation. Deshalb musst du als Zuschauer sein Gewissen sehen, sonst willst du nicht mehr mit ihm gehen.

Es geht im Film um Abgründe und Kontrollverlust. Sind das Themen, die Ihnen nahegehen?

Bleibtreu: Ich würde mich nicht als Kontrollfreak bezeichnen. Aber es ist schon so, dass mir Kontrollverlust Angst macht. Da gibt es auch Bezugspunkte in meinem eigenen Leben. Meine Mutter hatte eine Zeit lang hier oder da ein Glas zu viel getrunken, ich war da sehr dicht dran. Das sind Dinge, die einem Kind immer Angst machen, weil der Schutz ins Wanken gerät.

Die Frage muss natürlich trotzdem kommen: Haben Sie schon mal solche Pilze versucht wie der Urs Blank im Film?

Bleibtreu: Solche nicht. Aber ich hab mal Psylopsybin genommen. Wenn es denn auch wirklich Psylopsybin war. Aber davon gehe ich mal aus. Das war ganz lustig, aber völlig unterdosiert, so richtig für Memmen. Und ich hab schon da gemerkt, dass ich das so nicht wieder will. Und schon gar nicht mehr davon. Da bin ich raus. Deshalb habe ich auch nie so was wie LSD genommen, weil ich genau davor Angst hätte, dass ich nicht mehr Herr meiner selbst bin und mein Hirn komische Sachen macht. Da lasse ich lieber die Finger von.

Gab es sonst Situationen, in denen Sie etwas in einem Rauschzustand getan haben, was Sie später bereut haben?

Bleibtreu: Ich war in meiner Kindheit und Jugend jähzornig. Das kommt dem sehr nahe, das ist auch eine Form von Kontrollverlust. Ein Gefühl, das nicht aufhört. Ich habe da wirklich rotgesehen, das sagt man ja oft so daher, aber das gibt es wirklich, das wissen die meisten gar nicht. Dein Gesichtsfeld färbt sich rot ein, die Schilddrüse und dein Hals schwellen an. Und du willst alles kurz und klein schlagen. Ich habe das wirklich so erlebt. Das war nicht schön. Hat aber zum Glück irgendwann nachgelassen.

Gab es in solchen Situationen irgendwen oder irgendwas, was Sie da wieder runtergeholt hat?

Bleibtreu: Ich wollte in solchen Situationen eigentlich immer in den Arm genommen werden. Da haben aber frühere Freundinnen echt Schiss gehabt. Ich fürchte, wenn ich mich so erlebt hätte, hätte ich mich auch nicht in den Arm genommen. Das ist sicher irgendeine Form von Chemie, die anders ausgeprägt ist im Gehirn, woran immer das liegt. Am besten heilt da, wie bei allem, die Liebe. Zuspruch ist das Wichtigste.

Ist Schauspielerei manchmal vielleicht auch eine Art Drogenersatz? Weil man Hemmschwellen abbauen kann?

Bleibtreu: Wenn man Drogen als etwas konsumiert, was einem eine Realitätsflucht schenkt, dann sicher. Das ist dann auch eine gesündere Variante, als sich die Hucke vollzusaufen. Wobei das eine mit dem anderen ganz oft einhergeht, gerade bei Schauspielern. In der Generation meiner Mama war der Staatstheaterbetrieb vom Alkohol fast nicht zu trennen. Ich durfte das in meiner Kindheit aus nächster Nähe beobachten, und ich erinnere mich an keinen, das ist jetzt wirklich nicht übertrieben, der nicht getrunken hätte. Das hat sich inzwischen etwas geändert.

Das Phänomen ist beim Theater aber wohl stärker als beim Film?

Bleibtreu: Es gibt auch viele, die vor der Kamera saufen. Alkohol ist eine feine Sache, weil es enthemmt. Und beim Schauspiel geht es ja darum, nicht eitel zu sein im Ausdruck, über Schamgrenzen zu gehen. Ich kenne auch Kollegen, ich nenn jetzt keine Namen, die haben unter Alkohol grandios gespielt. Und wenn sie nicht getrunken haben, waren sie eine leere Hülle. Aber beim Drehen ist ein Arbeitslauf stringenter als beim Theater. Da musst du viel präziser arbeiten.