Graciano Rocchigiani

Ein Leben mit „Rocky“ - Drogen, Prostituierte und zwölf Jahre Ehe

Nach der Scheidung von Graciano Rocchigiani veröffentlicht Ex-Frau Christine ihre Autobiografie. Sie handelt vom dramatischen Leben an der Seite von Box-Weltmeister „Rocky“. Auch Gewalt gehörte dazu.

Sie hatten sich nicht gesucht, aber irgendwie gefunden. Die Kellnerin am Savignyplatz und der Box-Weltmeister. Der Vulkan, Graciano Rocchigiani, die meiste Zeit ruhig, ja phlegmatisch – mit gelegentlichen Eruptionen, die dann stets schwere Erschütterungen nach sich zogen. Und die brodelnde Quelle, der Geysir, Christine Rocchigiani, immer aktiv, mit einigen Ausbrüchen, die denen des Vulkans in nichts nachstanden.

Rund zwölf Jahre hat die Ehe der heute 46-Jährigen mit dem drei Jahre älteren Rocky gedauert. Analog zu den im Profiboxen üblichen zwölf Runden hat Christine Rocchigiani wenige Tage nach der Scheidung – „Wir sind gute Freunde geblieben“ – ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben. „K.o. nach zwölf Runden“ lautet der Titel. Die „Bild“-Zeitung bringt einen Vorabdruck.

Es soll eine Lebensbeichte sein, die nichts auslässt. Weder heftige Drogenabstürze noch Affären bis hin zu Bordellbesuchen des Faustkämpfers, während die treu sorgende Gattin im heimischen Ehebett keine Ruhe findet.

Fünf Mal am Tag Sex

Weder das eigene Liebesleben („Bild“: Vier bis fünf Mal Sex am Tag), noch Erlebnisse, bei denen Vulkan Rocky von seinen „Qualitäten“ Gebrauch gemacht hat, er unvermittelt zugeschlagen hat, sollen ausgespart werden. Unvermittelt zuschlagen war keine Einbahnstraße. Zitat aus dem Vorabdruck: „Ich stürze mich auf Graciano, reiße ihm die Cola-Flasche aus der Hand und prügele mit der harten Plastikflasche auf ihn ein.“

Rocky und seine Christine, das waren aber auch lange Spaziergänge am Teltowkanal, mit Gesprächen über einen neuen Haarschnitt, Spielen mit Hündin Blue oder einfach auf der Couch sitzen und ein Western mit John Wayne auf der Mattscheibe. Und Rocky und seine Christine, das war ein ganz großer Sieg. Gegen einen der vier Weltboxverbände.

Rückblende: „Det kannste nich vajessen, det is viel zu selten und zu kurz!“ Ausgepumpt, im Gesicht schwer gezeichnet, aber mit spitzbübischem Lächeln beschrieb Graciano Rocchigiani in der Nacht vom 21. zum 22. März 1998 seine Gefühle.

Zwei Weltmeistertitel

Etwa eine Stunde zuvor hatte er sich einen Traum erfüllt und zwei Millionen Mark verdient. Zwölf Runden, das sind 36 im Boxring schier endlose Minuten, musste der Berliner in der Max-Schmeling-Halle an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit gehen, um jene des Amerikaners Michael Nunn zu übertreffen.

Christine Rocchigiani hatte ihn bis zur Erschöpfung angefeuert. Hatte gebrüllt, geweint und konnte am Ende den neuen Weltmeister in einer schier endlosen Umarmung an sich drücken.

Zehn Jahre nachdem Rocchigiani gegen Vincent Boulware (USA) die Krone im Supermittelgewicht erkämpft hatte, ließ sich der Berliner vor 9000 Zuschauern zum zweiten Mal in seiner 15-jährigen Berufsboxkarriere als Weltmeister ausrufen. Als erster Deutscher hatte er das „they never come back“ durchbrochen.

Jene Regel, die besagt, dass ein entthronter Weltmeister nie wieder Champion wird. Gut vier Monate später, in der Nacht zum 19. Juli, wurde er um seinen sportlichen Lohn gebracht. Der Weltverband WBC kürte in New York den Amerikaner Roy Jones zum neuen Weltmeister, hatte Rocchigiani schlicht den Titel gestohlen. Christine Rocchigiani drehte durch.

Der geschlagene Weltmeister kommt wieder

Langsam aber stetig wuchs der Entschluss, das Unmögliche zu wagen. Eine Klage gegen das World Boxing Council. „Diese Arschlöcher haben uns betrogen“, waren damals noch die freundlichsten Worte, die Christine Rocchigiani zu diesem Thema zu entlocken waren.

Graciano saß, kurz zusammengefasst, wegen Tätlichkeiten und Verstößen gegen Bewährungsauflagen im Gefängnis. Nicht eben gute Voraussetzungen für juristische Auseinandersetzungen in den USA. „Ohne sie hätte ich das nie geschafft“, gab Rocky zu.

Zur fraglichen Zeit lebten die beiden schon getrennt. Rockys Lebensabschnittspartnerin hieß damals Eilene. Alle drei flogen zur Gerichtsverhandlung nach New York und kamen strahlend zurück. 31 Millionen Dollar Schadenersatz wurden dem deutschen Boxer zugesprochen.

Der Weltverband drohte mit Konkurs. 2004 ging Rocchigiani auf das Vergleichsangebot von 4,5 Millionen Dollar ein. Ein Zurück zu Christine gab es aber nicht. „Ich wollte mich entwickeln, wollte vorankommen. Er wollte das nicht. Es hatte keinen Zweck“, blieb die frisch Geschiedene sachlich, wenn sie auf die Trennung angesprochen wurde.

Eines gilt aber bis heute: „Wenn er will, bin ich für ihn da.“ Sicher auch zu Rockys 50.Geburtstag am 29. Dezember.