ZDF-Show

Markus Lanz will es allen recht machen

Für den Moderator ist „Wetten, dass..?“ im ZDF eine große Herausforderung. Warum tut er sich das an?

Foto: CONTRAST / action press

Der Zeigefinger. Das ist das Erste, was man von ihm sieht. Er ragt steil in die Luft. Er zeigt auf das Logo jener Sendung, von der jetzt viel abhängt, für ihn persönlich, aber auch für das ZDF. Markus Lanz steht im Blitzlichtgewitter. Es ist sein großer Auftritt vor der Premiere am 6. Oktober 2012. Das ZDF stellt ihn in Köln jenen vor, denen er im Fernsehen bislang noch nicht begegnet ist, was eigentlich unmöglich ist, denn Lanz ist ja praktisch überall. Er talkt. Er kocht. Und jetzt erfindet er sich auch noch neu, als Gastgeber von Europas größter Unterhaltungsshow.

Der Mann ist ein Glücksfall für die Fotografen. Er ist geduldig. Er macht, was sie wollen. Verschränkt die Arme vor der Brust. Hält sich die beiden Finger der rechten Hand vor das rechte Auge. Die bekannte ZDF-Geste. Der Mann kann verkaufen, vor allem sich selbst. Tipptopp sitzt der schwarze Anzug, die Haare sind akkurat verwuschelt, keine Schweißperle auf der Stirn. Grinsegrübchen. Doch irgendetwas scheint die Fotografen zu stören.

Eine Spur zu beflissen

Markus Lanz kann nichts dafür. Auf der Wand hinter ihm leuchtet das Logo der Show, die er schon bald moderieren wird. „Wetten, dass..?“ steht da in gestochen scharfen Lettern. Man denkt an Bagger, die auf Biergläsern stehen, an Hollywood und an einen bunt gewandeten Herrn, der dieses Spektakel verkauft. Doch der Zirkus, das ist das eine – und Markus Lanz das andere. Er passt gut zu dem stromlinienförmigen Setting, mit dem das ZDF die Sendung jetzt auch optisch verjüngt hat, aber nicht zu der Assoziation, die der Name „Wetten, dass..?“ immer noch weckt. Ein Mann, der aussieht, wie man sich den Chefeinkäufer eines Autohauses vorstellt, immer höflich, aber eine Spur zu beflissen.

23 Jahre lang hat Thomas Gottschalk „Wetten, dass..?“ moderiert. Die Bilder aus dieser Zeit sind schon ein bisschen vergilbt, noch kleben sie im Familienalbum einer Nation, die sich vielleicht erst als solche fühlte, wenn der Direktor sie in seinen Zirkus lud. Es sind analoge Fotos, so richtig zum Anfassen. Man kann sie nicht auf Knopfdruck löschen, man muss sie herausreißen. Vielleicht wird den Fotografen das erst in diesem Moment bewusst, dieser radikale Schnitt.

Thronfolger von Thomas Gottschalk

Und deshalb muss Markus Lanz jetzt etwas machen, was sonst nur die Bürgermeister auf dem Land tun, wenn ihre Gemeinde endlich eine Bushaltestelle bekommen hat und der Fotograf der örtlichen Presse auch begriffsstutzigen Lesern einhämmern will, wem sie das zu verdanken haben. Er muss also den Oberkörper um 45 Grad nach hinten drehen und mit dem Finger immer wieder auf das „Wetten, dass..?“-Logo zeigen. Da, da, da. Noch sechs Tage, dann ist es so weit: Dann inthronisiert das ZDF den Talkmaster als Thronfolger von Thomas Gottschalk.

Als die Fotografen im Dock One ihre Arbeit beenden und die Blitze aufhören, schließt Lanz kurz die Augen. Er seufzt. Das Dock One ist eine alte Fabrikhalle. Ihre Mauern sind unverputzt, das passt zur Verfassung von Europas größter TV-Show. Alles ist noch eine Baustelle, und Markus Lanz hat die Rolle des Baumeisters.

Ein Mann vom Boulevard, knallhart in der Sache, geschmeidig im Auftreten, 43 Jahre alt. Sein Handwerk hat er bei RTL gelernt, als Moderator eines Magazins, das „Explosiv“ heißt. Markus Lanz hat die Redaktion fünf Jahre lang geleitet. Seine Kollegen von früher wollen nicht über ihn sprechen.

Es ist nicht lange her, da galt dieser Mann als Verlegenheitskandidat für einen Job, den keiner machen wollte, nicht Jörg Pilawa, nicht JohannesB. Kerner und Hape Kerkeling schon gar nicht, der Mann, den sich alle gewünscht hätten, das ZDF und die Zuschauer. Die Suche nach Ersatzkandidaten wurde immer absurder, da schob das ZDF einen Mann ins Rampenlicht, den niemand auf dem Schirm gehabt hätte, wenn er sich nicht vorher selbst ins Gespräch gebracht hätte.

Tricks den Amerikanern

Lanz überlässt nichts dem Zufall. Daraus macht er keinen Hehl, auch nicht aus seiner Talkshow-Philosophie. Er hat seine Tricks den Amerikanern abgeschaut, Kollegen wie Jay Leno oder Larry King. Er sagt, deren Gäste wüssten, worauf es in der Talkshow ankomme, nämlich auf eine gute Performance, eine knackige Story. Ob die wahr sei oder nicht, sei ihm egal. „Lieber erstunken und erlogen, aber dafür lustig.“

Thomas Gottschalk würde das wohl unterschreiben. Aber dann hört die Gemeinsamkeit auf. Er erlag dem verhängnisvollen Irrtum, er selbst sei das Programm. So vermessen ist Markus Lanz nicht. Quoten, das ist seine Währung, Knalleffekte sind sein Instrument. Sie zu produzieren ist Arbeit, harte Arbeit. Und vielleicht ist Lanz deshalb genau der richtige Mann bei „Wetten, dass..?“. Er ist ein Workaholic.

Er arbeitet in Hamburg, lebt aber in Köln. Vor einem Jahr hat er geheiratet, in seiner Südtiroler Heimat. Seine Frau Angela ist 13 Jahre jünger als er, eine Deutsch-Japanerin, die als Betriebswirtin arbeitet. Einen Bauernhof in seiner Tiroler Heimat hat er sich auch gekauft. Und seither spekuliert die Yellow Press über Nachwuchs.

Von Gottschalk zu Lanz, das ist, als würde das ZDF vom Rolls-Royce auf den Opel Zafira umsteigen, von der Limousine auf die Familienkutsche. Es geht nicht mehr um den Moderator, es geht um die Kandidaten. Lanz fällt es nicht schwer, ihnen den Vortritt zu lassen. Ihm bleibt genug Raum, um sich zu profilieren.

Er wird in jeder Sendung als Kandidat gegen einen Zuschauer antreten. Die Marktforschung spricht für Markus Lanz. 76 Prozent der Deutschen kennen ihn nach einer Umfrage von Emnid. Mit einer Note von 2,5 schneidet er immerhin ein bisschen besser als sein Vorgänger Gottschalk (2,6). Doch die Zahlen sind das eine – die Frage der Chemie etwas anderes. Jauch, Gottschalk oder auch Dieter Bohlen sind ja auch deshalb so beliebt, weil sie einzigartig sind. Typen, die für etwas stehen. Aber Markus Lanz?

Er ist einer, der es allen recht machen will und bemüht ist, nirgendwo anzuecken. Als größten Streber im deutschen Fernsehen hat ihn der „Spiegel“ bezeichnet. Kein schmeichelhaftes Etikett, er hat sich maßlos darüber geärgert. Er sagt, er sei dünnhäutiger geworden, und da ahnt man, dass es vielleicht einen Markus Lanz gibt, der sich hinter seiner Rolle als Baumeister versteckt. Da sind die gedrechselten Sätze, denen man anmerkt, wie sehr er sich das Hirn verrenkt hat, um sie scheinbar zufällig aus dem Ärmel zu zaubern. Sätze wie: „Das ist hart, aber es geht noch härter: Hertha BSC.“ Und da sind seine Gesten, die immer wie einstudiert wirken. Zum Beispiel der Zeigefinger.

Suche nach Grenzerfahrungen

Lanz stochert damit in der Luft herum, wenn er nach einer Antwort sucht. Er legt ihn sich auf die Lippen, wenn er in den Modus „nachdenklich“ schaltet. Und wenn er auftrumpfen will, streckt er ihn aus. „Obacht!“, bedeutet das. Es spricht für Lanz, dass er Ausschnitte daraus in den Image-Trailer schneiden ließ, den ihm das ZDF zum Amtsantritt spendiert. Nie war Lanz authentischer als in der Lanz-Parodie. Man würde gerne wissen, warum er sich das antut. „Wetten, dass..?“, das ist zwar noch der größte Unterhaltungsdampfer, doch die Sendung gilt als Auslaufmodell. Wenn er Pech hat, bleibt die Niederlage an ihm hängen. Vielleicht findet man den Schlüssel für seinen Ehrgeiz alles richtig zu machen in seiner Kindheit.

Er war 14 Jahre alt, als sein Vater, ein Fuhrunternehmer, an Leukämie starb. Es muss ein traumatisches Erlebnis gewesen sein. Der Verlust des Vaters. Das Leben in dünner Luft. Kein Mensch, der ihn tröstete. Grenzerfahrungen sucht er heute freiwillig, auf Reisen ins ewige Eis des Südpols zum Beispiel. Er sagt: „Das ist gelebte Physik.“ Seit seinem letzten Trip in die Antarktis ist ihm das Gefühl in seinen Fingerspitzen abhandengekommen. Vielleicht eine gute, vielleicht aber auch eine schlechte Voraussetzung für seinen neuen Job.

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