Suizid

Action-Spezialist Scott springt von 111 Meter hoher Brücke

Mit „Top Gun“ wurde er weltberühmt, Schauspielstars rissen sich um ihn. Doch Kritiker waren oft weniger begeistert. Zum Tod von Tony Scott.

Er war der Mann fürs Grobe. Tony Scott hat stets Filme mit „harten Männer“-Themen gedreht. Nicht selten endeten sie in einer orgiastischen Schießerei. Und immer standen die Helden dabei ihren Mann, auch wenn die ganze Welt gegen sie war. Nun aber hat sich just jener Mann mit 68 Jahren das Leben genommen. Er sprang am Sonntag um 12.30 Uhr (Ortszeit) von der Vincent Thomas Brücke in den Hafen von Los Angeles. Augenzeugen berichteten, dass er über einen Zaun geklettert sei und sich in die Tiefe gestürzt habe. Welch eine Fallhöhe, möchte man denken, wenn das nicht so zynisch klänge. Doch selbst seinen Tod inszenierte Tony Scott noch als spektakulären Akt. Die Brücke, fast zwei Kilometer lang und 111 Meter hoch, war bereits Schauplatz mehrerer Actionfilme wie „Nur noch 60 Sekunden“ und „3 Engel für Charlie“. Polizei und Küstenwache bargen den leblosen Körper wenige Stunden später. Der Regisseur soll seine Kontaktdaten in seinem Wagen hinterlassen haben – und einen Abschiedsbrief in seinem Büro.

Scott wurde 1944 als kleiner Bruder von Ridley Scott im britischen Newcastle geboren. Und wurde zeitlebens immer an dem sechseinhalb Jahre Älteren gemessen. Beide kamen aus der Werbebranche und etablierten sich dann als Kinoregisseure. Beide gründeten die Ridley Scott Associates, erwarben 1995 die finanziell angeschlagenen Shepperton Studios, um der britischen Filmwirtschaft einen Schub zu geben, und gründeten in Los Angeles schließlich die Produktionsfirma Scott Free Productions. Aber während Ridley Scott früh mit „Alien“ und „Blade Runner“ Kultstatus erlangte und als Filmkünstler verehrt wurde, wurde der Jüngere als reiner Unterhaltungsfilmer spektakulärer Action gehandelt. Das brachte reichlich Kasse, aber wenig Meriten.

Spitzname aus dem Film seines Bruders

Tony (Spitzname: T-Scott) hatte sogar in einem Film des Bruders begonnen, als Darsteller. Mit 16 spielte er die Hauptrolle in dessen 27-Minüter „Boy and Bicycle“. Sein größter Erfolg war 1986 sein Film „Top Gun“, der nicht nur ihn, sondern auch seinen Hauptdarsteller Tom Cruise ganz nach oben katapultierte. Kritiker bemängelten indes die offensichtliche Werbeästhetik, die das Drama um einen Air-Force-Piloten zu einem Wehrertüchtigungsfilm, einem reinen Werbeclip für Reagans damaliges Aufrüstungsprogramm machte. Derartige Einwände kümmerten Scott, dessen Markenzeichen am Set wie auf Premieren eine rote Basecap war, wenig. Es folgten weitere Thriller, klassisches Männer-Kino, oft mit Denzel Washington, wie „Crimson Tide“ oder „Man under Fire“ – ein Titel, der eigentlich über so ziemlich jedem seiner Filme hätte stehen können. Mit Cruise drehte er noch das Rennfahrerdrama „Tage des Donners“. Bei den Dreharbeiten lernte er seine dritte Frau, die Schauspielerin Donna Wilson, kennen. Sein größter Erfolg neben „Top Gun“ wurde „Staatsfeind Nr. 1“, in dem Will Smith in einer Welt der totalen Überwachung gejagt wird.

Seine letzten Filme, „Stoppt die U-Bahn Pelham 1-2-3“ (2009) sowie „Unstoppable – Außer Kontrolle“, beide wieder mit Washington, konnten nicht an frühere Erfolge anknüpfen, während der große Bruder gerade mit „Prometheus“ wieder im Kino reüssiert. Als Produzent arbeitete Tony, mit seinem Bruder, zuletzt an einem Bankenthriller namens „Potsdamer Platz“ (der aber in Puerto Rico gedreht werden soll) sowie an der Fernsehserie „Coma“.

Die Gründe für seinen Selbstmord sind noch völlig unklar. Scott hinterlässt seine Ehefrau Donna Wilson sowie ihre gemeinsamen Zwillingssöhne. Simon Hall, der Agent der Scott-Brüder, bestätigte Tonys Selbstmord, bat aber, die Trauer der Familie zu respektieren.