Nicht nur die Älteren unter uns werden sich mit Wonne erinnern: „Ra-Ra-Rasputin“, so ging der Gute-Laune-Song, bei der Massen ins Tanzfieber verfielen. Die Band dahinter nannte sich Boney M., doch die Idee kam von ihm: Frank Farian, einem der erfolgreichsten Musikproduzenten Deutschlands. Wie am Fließband schuf Farian tanzbare Welthits. Doch der Durchbruch erstaunte ihn selbst.

„Der Erfolg war eine riesengroße Überraschung“, sagte Farian einst. „Ich hatte immer gedacht, ich schaffe es nicht.“ Jetzt ist er im Alter von 82 Jahren in den USA gestorben. Er sei friedlich in seinem Apartment in Miami eingeschlafen, ließ Farians Familie am Dienstag mitteilen. Mehr dazu: Milli-Vanilli-Macher und Schlagersänger Frank Farian ist tot

Was Farian geschafft hat, gilt bis heute als einzigartig: Er machte den Disco-Sound in Deutschland groß und verpasste ihm zugleich internationalen Anstrich. Die Zeit mit Boney M. war die erfolgreichste Zeit seiner Karriere. Mit der Truppe verkaufte Farian weltweit über 150 Millionen Tonträger, darunter mehr als 60 Millionen Singles. Neben „Rasputin“ gehörten „Rivers of Babylon“, „Daddy Cool“ und „Ma Baker“ zu Farians größten Hits. Sie alle waren Hymnen der späten 70er Jahre und brachten Millionen von Menschen dazu, sich unter der Discokugel in Ekstase tanzten.

Frank Farian 1978 bei einem Auftritt in der ZDF-“Hitparade“
Frank Farian 1978 bei einem Auftritt in der ZDF-“Hitparade“© picture alliance / Sammlung Richter | Sammlung Richter

Doch Farian war ein Schlitzohr. Denn es war nicht Bobby Farrell, dessen Stimme bei Boney M. aus den Lautsprechern hallte. Der Tänzer war zwar ein starker Performer und heizte den Fans regelmäßig mit seinen Tanzeinlagen ein, bewegte seine Lippen aber lediglich zu Playback. Die sonore Stimme war die von Farian selbst. Diese Tatsache war lange ein offenes Geheimnis und schien vielen egal zu sein: Farian schrieb mit Boney M. Pop-Geschichte. Das Quartett war die erste Popgruppe seit langem, die von Königin Elisabeth II. empfangen und von ihr 1978 als „erfolgreichste Popgruppe in England“ ausgezeichnet wurde.

Farians Milli Vanilli-Lüge: So wurde sie bestraft

Doch Farians Geschäftsmodell „Mehr Schein als Sein“ führte bald zu einem der größten Musikskandale überhaupt: Das von ihm gezüchtete Duo Milli Vanilli mit Robert „Rob“ Pilatus und Fabrice „Fab“ Morvan brachte Farian erst zum Erfolg, dann an den Abgrund. Der Discopop-Hit „Girl You Know It‘s True“ verkaufte sich Ende der 80er Jahre weltweit mehr als 30 Millionen Mal, das erste Milli-Vanilli-Album ging in den USA 1989 sechsmal Platin. Das Münchner Duo gewann sogar einen Grammy für die besten neuen Künstler.

Doch als später bekannt wurde, dass Pilatus und Morvan gar nicht selbst gesungen, sondern wie Farrell die Lippen zu den Stimmen professioneller Sänger bewegt hatten, war die Musikwelt erschüttert. Die umjubelten Jungs entwickelten sich zur Lachnummer, Farian musste für den Schwindel einen Grammy zurückgeben und 400.000 Dollar an eine gemeinnützige Einrichtung überweisen. „Wir waren moderne Performer“, sagt Farian dieser Redaktion anlässlich seines 75. Geburtstages. „Wir hätten das nur besser ausweisen müssen.“

Produzent Frank Farian 1988 mit „Milli Vanilli“: links Fab Morvan, rechts Rob Pilatus
Produzent Frank Farian 1988 mit „Milli Vanilli“: links Fab Morvan, rechts Rob Pilatus© picture alliance / United Archives | Fryderyk Gabowicz

Farians Ruf hilft das nichts, der Fall gilt bis heute als einer der größten Betrugsskandale der Musikgeschichte. Ein Film von Regisseur Simon Verhoeven erzählt die Geschichte derzeit im Kino, Matthias Schweighöfer spielt darin die Rolle von Farian. Farian selbst war dafür als Co-Produzent dabei, konnte aber nach eigenen Angaben keinen direkten Einfluss auf den Film nehmen. Er habe der Filmfirma vertraut, so Farian, sah die Geschichte nach eigenen Worten jedoch nicht richtig wiedergegeben: Der Film entspreche zu „weniger als 80 Prozent“ der Wahrheit, wie er oft betonte.

Frank Farians Musikkarriere begann in einem Stall

Farians Name stand für Erfolg. Dabei lautete sein richtiger Name eigentlich anders: Als Franz Reuther kam er am 18. Juli 1941 in Kirn an der Nahe (Rheinland-Pfalz) auf die Welt. Farian, der auch mit Bands wie „Eruption“ und „No Mercy“ erfolgreich war, wurde kein leichtes Schicksal in die Wiege gelegt.

„Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, er fiel vor meiner Geburt im Krieg“, sagte Farian in Interviews über seine Familiengeschichte. „Meine Mutter war meine persönliche Trümmerfrau. Sie hat alle Steine aus dem Weg geräumt und mir alles ermöglicht, obwohl wir kein Geld hatten.“ Schon mit 14 zog der junge Franz zu Verwandten ins Saarland und lernte Koch – „weil ich ständig Hunger hatte und dachte, da habe ich immer etwas zu essen“.

Die musikalischen Anfänge von Farian waren bescheiden. Auf einem Familienabend soll ihm der Pfarrer einen Groschen zugesteckt haben, weil er „Der Mond ist aufgegangen“ so schön gesungen hatte. „Meine erste Gage“, witzelte Farian später. Mit seiner Band „Die Schatten“ nahm er 1963 in einem früheren Stall schließlich die erste Platte auf. „In der Mitte standen ein Mikrofon und ein Tonbandgerät“, so Farian.

Frank Farian mit „Boney M“ beim „Tag des Deutschen Schlagers“ am 11. November 1983.
Frank Farian mit „Boney M“ beim „Tag des Deutschen Schlagers“ am 11. November 1983.© picture-alliance / dpa | Eva von Maydell

Frank Farians Erfolgsrezept: Viel Schlaf und Spaß an der Arbeit

Nun starb der Ausnahme-Musiker in seiner Wohnung in Miami. Farians Gesundheit galt als angeschlagen: 2022 überstand der Musiker eine Operation am Herzen, bei der ihm eine Schweine-Herzklappe eingesetzt wurde. Die Zeiten, in denen er sich noch jung und fit fühlte, dürften damit vorbei gewesen sein. Lange hatte Farians Rezept schließlich geheißen: „Mindestens sieben Stunden Schlaf, wenig Alkohol, Drogen gar nicht. Und Spaß an der Arbeit.“

Arbeit, daraus zog Frank Farian jahrzehntelang die Kraft. Andere Wünsche, sagte er zu seinem 80. Geburtstag, habe er nicht. „Es ist mir ja fast alles gelungen“, sagte er damals. „Ich lebe den amerikanischen Traum auf Deutsch.“