- Mittwochnachmittag landet König Charles in Berlin
- Längst nicht sein erster Besuch in Deutschland
- Ein Rückblick auf seinen Besuch in den Neunzigern
Etwa 30 Besuche in Deutschland – privat wie dienstlich – hat König Charles III., 74, mittlerweile absolviert. An einen davon wird er persönlich keine guten Erinnerungen haben. Als er im Herbst 1995 zu Gast war, lag das nicht an einem missglückten Programm, sondern an dem Unheil, das sich für ihn zeitgleich in London anbahnte – im Vorfeld eines historischen TV-Interviews, das das Königshaus und den damaligen Kronprinzen in eine ernsthafte Krise stürzte. Royal-Experte Andy Englert hat Charles damals in Berlin begleitet und erinnert sich.
Wenig Rummel um Charles Berlin-Besuch Im Jahr 1995
Das Interesse der Medien hielt sich 1995 in Grenzen, die Zahl der Zuschauer war noch überschaubarer. Gerade mal eine ältere Dame mit Gehbehinderung wartete im Foyer des Berliner Rathauses auf den Kronprinzen und Eberhard Diepgen, damals Regierender Bürgermeister, der an diesem Tag, dem 13. November 1995, auch noch Geburtstag hatte. Jedem überreichte sie ein selbstgemachtes Geschenkpäckchen unbekannten Inhalts und erklärte: „Ick mag, dat er so viel für die Umwelt tut. Und unseren Regierenden find ick ooch jut“. Diepgen wirkte auf jeden Fall deutlich entspannter als der Gast aus London und lachte auch wesentlich freundlicher in die Kameras.
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Plattenbauwohnung und Rotkäppchen-Sekt – Charles in Berlin-Hellerdorfs
Fünf Jahre nach der Wiedervereinigung wollte sich Charles in Berlin und Umgebung umsehen – ein Ziel der Reise war, „das Leben der Menschen“ zu studieren. Interessant wirkt bei seinem Programm rückblickend vor allem der Punkt „Besuch einer Familie in einer typischen Plattenbauwohnung“. Die auserwählte Familie hieß Kunz, wohnhaft Ernst-Bloch-Straße 35 in Hellersdorf, nahe dem Cecilienplatz.
Der Prinz fuhr vor, ging schnellen Schrittes in den Hausflur. Der Großteil der Journalisten musste draußen bleiben. Die Hausbewohner und Nachbarn waren mit Blick auf den royalen Besuch geteilter Meinung. Einige rühmten, dass im Vorfeld des prominenten Gastes die Klingelplatte am Haus erneuert und einige Verschönerungsarbeiten durchgeführt worden waren. Andere diskutierten darüber, dass sie eigentlich lieber Boris Becker oder Michael Schumacher als Stargäste im Viertel gesehen hätten. Ein Rentner mit zwei schweren Tüten erläuterte ungefragt jedem, ob er es wissen will oder nicht, dass Katzenfutter diese Woche im Angebot sei.
Charles ging so zügig, wie er gekommen war. In der Lokalpresse war hinterher zu lesen, dass er bei Familie Kunz Rotkäppchen-Sekt für 9,98 Mark die Flasche und Mon Chéri angeboten bekommen habe, sich über die Länge des Schulwegs für den siebenjährigen Sohn und die Hellhörigkeit der Wände im Hochhaus interessiert hätte. Und, dass die Gastgeber das Sektglas, aus dem der royale Gast getrunken hatte, nicht als besondere Devotionalie verwahrt, sondern umgehend in die Spülmaschine geräumt hätten.
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Der Prinz reiste weiter, besuchte unangemeldet einen Friseursalon („Det war’n Rambazamba“, erinnert sich später die Besitzerin), das Ökodorf Krummenhagen, Potsdam und die Stadt Stralsund. In Stralsund, wo er einen Stadtrundgang unternimmt, gibt es zeitgleich eine Bombenwarnung. Kurze Aufregung, blinder Alarm.
Zeitgleich: Dianas Interview über das Ehe-Scheitern
Die wirkliche Bombe platzte aber zeitgleich in London. Während Charles durch Ostdeutschland und Berlin tourte, wurde bekannt, dass Noch-Ehefrau Diana unter strengster Geheimhaltung ein TV-Interview mit dem Journalisten Martin Bashir, heute 60, aufgezeichnet hatte.
Das Interview wurde schließlich am 20. November, einige Tage nach Charles‘ Rückkehr, ausgestrahlt. Ein 54-minütiges Zeitdokument, in dem Diana das Scheitern ihrer Ehe mit dem heutigen König beklagt und harte Vorwürfe gegen Camilla, mittlerweile „Queen Consort Camilla“, 75, erhebt. Jahre später wird bekannt, dass sich Bashir über Dianas Bruder Charles 9th Earl Spencer, 58, das Interview mit nicht haltbaren Vorwürfen erschlichen hatte.
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Der diesjährige Berlin-Besuch sollte entspannter ablaufen
An den Deutschland-Besuch während der denkwürdigen – und vor allem für Charles folgenschweren – Tage im November 1995 erinnern sich heute nur noch Insider. Das signierte Foto im royalen Prunkrahmen, das er als Gastgeschenk in Stralsund hinterlassen hat, ruht heute im Depot des „Stralsund Museums“. Familie Kunz zog einige Jahre später aus ihrer Wohnung in Hellersdorf aus.
Das Ökodorf Krummenhagen samt seiner Töpferei, im den sich Charles sich damals selbst an die Töpferscheibe setzte, gibt es noch immer. Charles ist heute König – und vermutlich bei seinem bevorstehenden Deutschland-Besuch in wesentlich entspannterer Stimmung als bei der fast vergessenen Visite vor etwas mehr 27 Jahren.
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