Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist / Das ist alles, was sie hört / Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist / Wenn sie ihr in den Magen fährt

Ein Textauszug aus Herbert Grönemeyers Song „Musik nur, wenn sie laut ist“ aus seinem Album „Gemischte Gefühle“ von 1983. Leider könnte das Zu-laute-Musik-hören – vor allem mit Kopfhörern – immer mehr zu einem großen Problem werden. Denn eine im Fachblatt „BMJ Global Health“ vorgestellte Metaanalyse warnt davor, dass potenziell mehr als eine Milliarde junger Menschen vor Hörverlust bedroht seien. Dabei spiele nicht nur das Tragen von Kopfhörern eine Rolle, sondern auch der Besuch von Konzerten.

35 Studien ausgewertet, mehr als einer Milliarde Menschen droht Hörverlust

Die Autorinnen um Lauren Dillard von der Medical University of South Carolina haben 35 Studien mit insgesamt 19.046 Menschen zwischen 12 und 34 Jahren untersucht. 23,81 Prozent der Probanden seien dauerhaft zu lauter Musik ausgesetzt. Die Wissenschaftlerinnen beziffern die Zahl der jungen Menschen, die vom Hörverlust bedroht seien, auf 670 Millionen bis zu 1,35 Milliarden. Sie schlussfolgern, dass es von politischer Seite dringend geboten sei, Schutzmaßnahmen des Gehörs in den Vordergrund zu stellen.

Schon 2021 hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Alarm geschlagen: Ihr „World Report on Hearing“ stellte fest, dass weltweit 1,6 Milliarden Menschen beim Hören eingeschränkt seien – davon 430 Millionen in schwerem Ausmaß. Und diese Zahl könnte bis 2050 auf 2,5 Milliarden steigen, wenn nicht entsprechende Vorkehrungen getroffen werden.

Wie unser Ohr funktioniert

Was geschieht in unserem Ohr, wenn die Musik zu laut ist? Schall wird als Impulswelle über das Trommelfell und die Gehörknöchelchen zur Hörschnecke (Cochlea) geführt. Dort befindet sich das sogenannte Corti-Organ mit rund 15.000 Haarzellen. Der Schall streicht wie eine Welle über die Haarzellen. Die wandeln den Reiz in bioelektrische Impulse um und leiten ihn als Hörinformation ans Gehirn.

Es ist hilfreich, sich diese Härchen als Getreidefeld vorzustellen. Leichter Wind richtet noch keinen Schaden an, aber heftige Böen (lauter Schall) knicken die Halme um. Dabei können sie so geschädigt werden, dass sie nicht mehr funktionieren. Hörschäden sind dann also – auch schon im Jugendalter – nicht mehr reparabel.

Hörschäden Risiko-Faktor für Demenzerkrankung

Ab wie viel Dezibel wird es gefährlich? Den Großteil der Zeit sollte der Lärm bei circa 80 Dezibel liegen. Das Problem: Viele Nutzerinnen und Nutzer von Kopfhörern bekommen durchschnittlich 105 Dezibel auf die Ohren. Zum Vergleich: Das Kreischen einer Kreissäge hat 100 Dezibel.

Ein Mann trägt AirPods, drahtlose Kopfhörer von Apple in den Ohren. Einkaufen, Bahn fahren, Freunde treffen oder die Kinder von der Schule abholen - immer mehr Leute machen das alles mit Kopfhörern im Ohr. Und das Gegenüber fragt sich: "Hört der mir eigentlich noch zu?" Manche Kopfhörer steckt man direkt ins Ohr.
Ein Mann trägt AirPods in den Ohren.© Rolf Vennenbernd/dpa

Was kann man dafür machen, um das Gehör zu schützen? Man sollte täglich nicht länger als eine Viertelstunde Musik über 100 Dezibel hören. Und bei den iPhones gibt es beispielsweise die Möglichkeit, die Kopfhörerlautstärke zu überwachen. Falls sie über einen längeren Zeitraum zu hoch ist, erhält man eine Warnung und die Lautstärke wird automatisch gedrosselt.

Der Bundesverband der Hörsysteme-Industrie (BVHI) macht deutlich, wie wichtig ein funktionierendes Gehör in jeder Lebensphase ist. Als Kind können Hörstörungen zu verzögerter Sprachentwicklung führen, als Erwachsener droht Isolation und ein höheres Erwerbslosen-Risiko. Zudem sei der Hörverlust ein Risiko-Faktor für eine früher einsetzende Demenzerkrankung.

dw/dpa