Kolumne

Freibad, Massen und Gewalt – und trotzdem gehe ich hin

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Diana Zinkler
In ihrer Kolumne „Mein Morgenland“ schreibt Diana Zinkler über Gesellschaft und das Deutschland von morgen.

In ihrer Kolumne „Mein Morgenland“ schreibt Diana Zinkler über Gesellschaft und das Deutschland von morgen.

Foto: ZRB

Massenandrang, Pöbelei und Gewalt. Das Freibad ist in Verruf geraten. Dabei ist es ein vollkommen friedlicher Ort. Meistens jedenfalls.

Berlin. Freibad am Insulaner, Berliner Süden. Es ist das Wochenende, welches das Freibad in die Schlagzeilen bringt. „Massenschlägerei im Schwimmbad“. An diesem Tag wollte ich da auch rein. Die Schlange war zur Mittagszeit mehrere hundert Meter lang, am Vortag konnte man keine Tickets mehr online buchen, das System war überlastet. Wir suchten einen Parkplatz, mein Mann geriet in Panik beim Anblick der Menschenmassen. Er ist einfach kein Freibadmensch wie ich.

Er liebt es eher einsam, Seen und so weiter. Ich hasse es, wenn ich den Grund nicht sehen kann, den weichen Seeboden, eine Melange aus Erde und was auch immer. Er wollte das nicht, er würde sich da nicht anstellen! Ich versuchte, die Stimmung im Auto stabil zu halten, damit die beiden Kinder hinten auf den Rücksitzen nicht in Panik geraten.

Freibad – der einzige Ort, der bei Hitze Sinn ergibt

Es war heiß, die Klimaanlage funktionierte nicht richtig. Jetzt kurz vor dem Ziel wollte ihr Vater mit ihnen lieber noch eine Stunde zu einem See fahren und vorher noch in der prallen Sonne irgendwo einen Kaffee trinken. Nur als Anmerkung: In der Sonne zu sitzen und nicht gleich ins Wasser springen zu können, um sich abzukühlen. Es ergibt für mich überhaupt keinen Sinn! Warum sollte man sich so etwas antun? Sonne ohne Wasser, pfft.

Jedenfalls ist es an diesem vergangenen Wochenende zu viel Streit gekommen. Am Sonntag gab es die besagte Schlägerei am Insulaner. Am Samstag ging es im Freibad Hofstede in Bochum zur Sache, dort prügelten sich Jugendliche, in Gelsenkirchen drängelte sich eine Gruppe Jugendlicher am Sprungturm vor, als ein Mann sie zur Rede stellte, schlugen sie auf ihn ein. Und im Sommerbad Neukölln randalierten 250 Leute, eine Frau erlitt einen Nasenbruch an der Rutsche.

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Freibad-Prügler sollten gleich mehrere Jahre Hausverbot bekommen

Die Polizei ermittelt. Und die Täter sollten mindestens ein Hausverbot für mehrere Jahre bekommen. Denn das Freibad ist ein derart unschuldiger und ungeschützter Ort, wo alle aufeinander Rücksicht nehmen müssen. Ein Ort mit vielen Regeln, die das schönste Zusammenleben und den friedlichsten Seelenzustand überhaupt produzieren können.

Vor ein paar Jahren war ich mit meinem Freund im Berliner Prinzenbad. Bevor jetzt Kenner dieses Bades gleich aufstöhnen, Bilder von Überfüllung, irrer Lautstärke, durcheinanderspringenden Jugendlichen, Schlammpfützen auf dem Rasen, überfüllten Mülleimern und langen Schlangen am Pommes-Stand, all die Gefühle von Überforderung, bisweilen Ekel, Chaos und Reizüberflutung entstehen – es gibt dort wirklich schöne Tage!

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Und das ist dort nicht sehr anders als in allen anderen Freibädern dieser Republik, von Essen bis Hamburg. Immer voll, wenn es heiß ist, immer wohltuend elegant, wenn das Thermometer nicht höher als 22 Grad steigt.

Im Berliner Prinzenbad kommt man ohne Schuhe wieder raus

Zurück zu dem Besuch mit dem Freund im Prinzenbad, es war kein sonniger Tag, eher kalt, aber gerade gut, um ein paar Bahnen zu ziehen und danach wie neugeboren, erfrischt durch das erhabene Himmelblau des Wasser, einen Cappuccino zu trinken. Wir zogen uns aus. Schlossen alles, bis auf die Schuhe, in Schließfächer ein.

Gingen schwimmen, fühlten uns sportlich wie Helden, duschten danach heiß, zogen uns an – und dann waren seine Schuhe weg. Es war absurd, völlig alte Treter waren das. Und dann geschah ein kleines Wunder. Der Bademeister schenkte ihm Gummistiefel. Richtig große, schwarze. Das war sehr lustig anzusehen.

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Im Freibad ist das große Glück nie weit

Was ich meine: Im Freibad ist das große Glück und der ganze Ärger nie weit von einander entfernt. Und wer an den Randzeiten und auch mal nicht so heißen Tagen sein Glück versucht, wird von diesen Momenten des Schwebens und Gleitens durch das reine Hellblau die ganze Woche zehren.

Zurück zum vergangenen Wochenende und zu der Situation im Auto. Wir konnten ihn nicht abhalten, mein Mann wendete, schmiss Google-Maps an. Wir stritten, fuhren ein anderes Bad an, ohne Erfolg. Hatten dann Glück im 37-Grad heißen vorläufigen Unglück. Auf der Rückseite eines Strandbades, in das wir nicht kamen, (weil nicht gebucht...) befand sich eine Badestelle, die nicht einmal komplett überfüllt war.

Die Kinder zogen sich schnell um, der Vater sprang mit ihnen in den See. Als alle wieder draußen waren, watete ich hinein, um mich herum Blagen, die ihre Wasserpistolen nicht im Griff hatten. Die Füße spürten den weichen, undefinierbaren Boden. Die Sonne brannte von oben. Ich dachte, immerhin Wasser, nicht ganz das Kaifu-Sommerbad in Hamburg, aber ich stürzte mich hinein. Und schwamm.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.