Kommentar

Gewalt gegen Männer: Die Gesellschaft versagt hier besonders

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Birgitta Stauber
Angelina Jolie fordert mehr Schutz für Opfer häuslicher Gewalt

Angelina Jolie fordert mehr Schutz für Opfer häuslicher Gewalt

In einem emotionalen Appell hat Hollywood-Star Angelina Jolie den US-Kongress aufgefordert, schnell eine Gesetzesreform für den Schutz der Opfer häuslicher Gewalt zu beschließen.

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Gewalt gegen Männer ist zu einem ernsten Phänomen geworden, schreibt unsere Autorin. Doch die Gesellschaft hat darauf keine Antwort.

Berlin. Geht es um häusliche Gewalt, sind sofort die klassischen Bilder im Kopf: Es ist der Mann, der unterdrückt, terrorisiert, zuschlägt. Es ist die Frau, die Hilfe und Schutz braucht, um dem täglichen Horror in den eigenen vier Wänden entfliehen zu können.

Der aktuelle Bericht des BKA zeigt nun: So eindimensional ist die Täter-Opfer-Zuteilung nicht. Tatsächlich ist bei jedem fünften gemeldeten häuslichen Gewaltausbruch der Mann das Opfer, und zwar längst nicht nur in einer Beziehung mit einem Mann. Dass auch Frauen ihre Partner unterdrücken, ihre Leben überwachen, mit ihrem Kontrollwahn terrorisieren, dass sie beleidigen, verbal verletzen und letztlich auch zuschlagen und sexuell nötigen, ist kein Randphänomen.

Für männliche Opfer von Gewalt gibt es kaum Anlaufstellen

Ohne die Not der vielen Frauen, die Hilfe suchen, zu schmälern: Es gibt viel zu wenig Hilfe für männliche Opfer von häuslicher Gewalt, viel zu wenig Anlaufstellen.

Wie ohnmächtig muss sich ein männliches Opfer fühlen, für dessen Not in den Köpfen der Gesellschaft kein Platz ist? Wenn es kaum öffentliche Unterstützung gibt, weil häusliche Gewalt gegen Männer gar kein Thema ist.

Wenn Spenden fehlen, ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, Menschen, die zuhören, die auch glauben, was passiert ist. Vor allem: wenn Schutzräume fehlen, Männerhäuser, wo Betroffene verschnaufen, sich sammeln und Kraft tanken können für eine Exit-Strategie aus einer toxischen Beziehung.

Häusliche Gewalt ist für die Opfer immer traumatisch

Für Opfer von häuslicher Gewalt sind die Erlebnisse immer traumatisch. Schließlich sollte doch das Zuhause ein Schutzraum sein, ein Raum der Sicherheit. Doch leider ist die Realität für viel zu viele der Betroffenen: Die eigene Wohnung ist der Ort, wo sie schutzlos ausgeliefert sind.

Männer schlagen ihre Frauen, erwachsene Kinder die betagten Eltern, Väter und Mütter die Kinder. Das hat mit Abhängigkeiten zu tun, mangelnder Kontrolle, psychischen Erkrankungen, Sucht – und auch: Hass.

Gewalt in der Familie kommt in allen Schichten vor, allen Generationen, allen kulturellen und religiösen Milieus. Sich dem zu entziehen, ist kaum ohne öffentliche Hilfe möglich. Vor allem während der Corona-Lockdowns, als Eltern und Kinder zu Hause arbeiteten und lernten, als kaum eine Flucht möglich war, stiegen die Fallzahlen häuslicher Gewalt signifikant an.

Lehrer, Kolleginnen und Ärzte sollten genau hinsehen

Was zeigt: Es ist die Öffentlichkeit, die Gesellschaft, die vor häuslicher Gewalt schützt. Es sind schließlich Lehrerinnen und Lehrer, die Hämatome bei verprügelten Kindern bemerken. Oder Kollegen, Freunde, Verwandte, auch Ärztinnen und Ärzte, die nachfragen: Ist alles in Ordnung? Vorausgesetzt, die Lehrer, die Kolleginnen, die Freunde und Nachbarn schauen hin, hören zu – und rufen im Zweifel auch die Polizei.

Allerdings muss auch in den gesellschaftlichen und politischen Debatten ankommen, wie vielschichtig häusliche Gewalt ist. Dazu zählt eben nicht nur physische Gewalt. Auch tagelanges Schweigen, Einschüchterungen, Kon­trolle und Bespitzelung dienen dazu, Machtverhältnisse auszunutzen und das Familienmitglied einzuschränken.

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Es ist eben nicht okay, seinen Partner oder sein Kind zu überwachen. Handys auszuspionieren, Freundschaften zu verbieten. Und es ist eben nicht automatisch der Mann der Täter, die Frau das Opfer.

Die Politik beschäftigt sich intensiv mit der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Das ist gut, greift aber zu kurz. Bislang gibt es lediglich elf Männerhäuser, ein zwölftes ist geplant. Für Betroffene kommt neben all dem Leid mit der Partnerin noch die Erfahrung einer krassen Diskriminierung hinzu.