Pandemie

Nordkorea: Corona könnte Kim Jong Un in Bedrängnis bringen

| Lesedauer: 5 Minuten
Fabian Kretschmer und Michael Backfisch
In Nordkorea kämpft jetzt die Armee gegen Corona

In Nordkorea kämpft jetzt die Armee gegen Corona

Lange Zeit gab es in Nordkorea offiziell keinen einzigen Corona-Fall, nun meldet die Regierung plötzlich 1,7 Millionen Infizierte. Bei der Bekämpfung der Seuche soll nun die Armee helfen. Was konkret die Soldaten unternehmen sollen, bleibt unklar.

Beschreibung anzeigen

Das völlig isolierte Land hatte die Pandemie lange geleugnet. Jetzt breitet sich das Virus aus wie ein Lauffeuer. China wird nervös.

Peking/Berlin. Kim Jong Un ist wütend. Bei einer Sitzung des Zentralkomitees der Arbeiterpartei liest Nordkoreas Machthaber den Staatsdienern seines Landes kräftig die Leviten. Die "nicht-positive Haltung, die Nachlässigkeit und die Untätigkeit führender Beamter des Staates" trügen dazu bei, dass der Staat die Krise nicht bewältigen könne, wettert er. Die anwesenden Politbürokraten – alle im schwarzen Hemd – blicken betreten auf den Tisch und schreiben brav mit.

Die "Krise", von der Kim redet, heißt Corona. Die Pandemie, gegen die sich das Regime nach eigenen Angaben lange Zeit erfolgreich abgeschottet hat, hat das Land mit voller Wucht erreicht. Nur wenige Tage, nachdem die Regierung erstmals Corona-Infektionen im Land zugegeben hat, sind die offiziellen Zahlen rasant in die Höhe geschossen.

230.000 Corona-Neuinfektionen: Staats-Propaganda spricht von "mysteriösem Fieber"

Allein am Mittwoch sprachen die Behörden von weiteren 230.000 Fällen, insgesamt sollen sich bereits mehr als 1,7 Millionen Nordkoreaner angesteckt haben. Davon sind über 60 an dem Virus gestorben, knapp 700.000 Menschen befinden sich noch in Quarantäne. Und das sind nur die offiziellen Zahlen.

In der Staats-Propaganda wird dabei stets von einem "mysteriösen Fieber" gesprochen – wohl vor allem, weil die Behörden nur über begrenzte Kapazitäten für PCR-Tests verfügen. Kim ordnete landesweite Lockdowns an. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA sind fast 3000 Militärsanitäter im Einsatz, um die Medikamentenversorgung sicherzustellen.

Nordkorea ist neben Eritrea der einzige Staat ohne Impfkampagne

Das Regime hat die Zeit der Isolation nicht dafür genutzt, seine knapp 26 Millionen Bürgerinnen und Bürger gegen Sars-CoV-2 zu impfen. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Nordkorea neben Eritrea sogar der einzige Staat, der überhaupt noch nicht mit einer Impfkampagne begonnen hat.

Pjöngjang hat bislang auf keine der internationalen Hilfsangebote reagiert. Vergangenes Jahr lehnte Nordkorea ein Angebot über drei Millionen Dosen eines chinesischen Covid-19-Impfstoffs mit der Begründung ab, diese sollten lieber an "bedürftigere Länder" abgegeben werden. Seit letztem Jahr bereits versucht die Covax-Initiative zudem vergeblich, Vakzine ins Land zu entsenden.

Selbst das verfeindete Südkorea bietet Hilfe an

Doch auch aktuell stehen viele Länder bereits Schlange, um mit medizinischem Gerät und Impfstoffen auszuhelfen – darunter auch Südkorea, das seit kurzem vom konservativen Hardliner Yoon Seok-yeol regiert wird. "Ich habe wiederholt gesagt, dass ich immer offen für humanitäre Hilfe bin, ganz gleich ob der militärischen Probleme, die zwischen Nord- und Südkorea liegen", sagte Yoon vor der Nationalversammlung in Seoul.

Kim ist bislang nicht darauf eingegangen. Laut dem südkoreanischen Vereinigungsministerium habe man über den einzig betriebsfähigen Gesprächskanal ein Fax gen Norden geschickt, aber keine Antwort erhalten.

Der Aufbau von Feindbildern gehört zur Idee des Machterhalts

Das hat auch mit dem Gründungsmythos der Kim-Dynastie zu tun: Die Diktatorenfamilie behauptet von sich, eine Welt voller Gegner von der eigenen Bevölkerung fernzuhalten. Dass man sich von Südkorea, dem "Hund der US-Imperialisten", aushelfen lässt, würde da nicht so recht ins Bild passen.

Der Aufbau von Feindbildern gehört zur Idee des Machterhalts. Nach dem nordkoreanischen Propaganda-Narrativ lauern die äußeren Feinde vor allem in Amerika und Südkorea. Innen hat Kim jetzt die "faulen Beamten" als Auslöser der Coronakrise ausgemacht. Der 38-jährige Kim versucht, sich als alldominanter Schutzherr der Bevölkerung zu inszenieren.

Die Wirtschaft liegt darnieder, das Gesundheitssystem ist marode

Diese grellen Gemälde sollen von der Schwäche des Regimes ablenken. Die Wirtschaft liegt darnieder, das Gesundheitssystem ist marode, weite Teile der Bevölkerung sind unterernährt. In einigen Regionen herrscht Hunger. Doch die Gefahr eines Aufstandes hat Kim nicht zu fürchten. Die Herrscherfamilie hat ihre Macht seit Jahrzehnten in einem totalitären System zementiert. Es gilt nur das Wort des "Führers", der die Medien zu einem publizistischen Begleitkommando gleichgeschaltet hat.

Trotz allem hoben am Montag drei nordkoreanische Cargo-Flieger ab, um in der nordostchinesischen Stadt Shenyang Fracht aufzuladen aufzuladen. Ob darunter auch Impfstoffe waren, ist bislang nicht bekannt. Noch am selben Tag flogen die Maschinen wieder zurück, wie die südkoreanische Zeitung Kyunghyang Sinmun meldete.

China hat Angst, dass nordkoreanische Flüchtlinge das Virus über die Grenze schleppen könnten

Peking selbst hat starkes Interesse, seinem kleinen Nachbarn zu helfen – allein schon aus Selbstschutz: Beide Länder teilen nämlich eine 1400 Kilometer lange, poröse Grenze. Auch wenn die Volksrepublik China in den letzten Jahren flächendeckend Zäune errichtet hat, besteht weiterhin die Gefahr, dass nordkoreanische Flüchtlinge das Virus über die Grenze schleppen könnten.

Doch an Nordkoreas elementaren Problemen wird sich mittelfristig wenig ändern. Denn weiterhin steckt das Regime seine spärlichen Ressourcen allem in sein Militär. Derzeit deuten Satellitenbilder darauf hin, dass Kim den Test einer Interkontinentalrakete plant – möglicherweise gar einer Atomrakete. Am Wochenende wäre dafür aus Sicht Pjöngjangs der perfekte Zeitpunkt: Dann wird nämlich US-Präsident Joe Biden auf Staatsbesuch in Seoul erwartet.