Pandemie

Die große Verwirrung an der Schwelle zum dritten Corona-Jahr

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Michael Backfisch und Flora Hallmann
Italien und Kanada werden Corona-Hochrisikogebiete

Italien und Kanada werden Corona-Hochrisikogebiete

Zum 1. Januar stuft die Bundesregierung in der Corona-Pandemie auch Italien, Kanada, Malta und San Marino als Hochrisikogebiete ein. Neue Virusvariantengebiete werden nicht ausgewiesen.

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Datenchaos, Streit um Impfpflicht und Proteste, die eskalieren: So ist die Lage in Deutschland an der Schwelle zum dritten Corona-Jahr.

Berlin. Seit Tagen scheint es eine leichte Entspannung zu geben: Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt im Wochenvergleich nicht mehr an. Doch die Werte seien trügerisch, warnt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD).

Die Variante Omikron alarmiert die Mediziner. Gleichzeitig radikalisieren sich die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen. Deutschland bietet an der Schwelle zum dritten Corona-Jahr ein Bild aus Verwirrung, Nervosität und politischem Streit.

Datenchaos bei den Corona-Zahlen

Die aktuellen Corona-Zahlen spiegelten nicht die Realität wider, gab Lauterbach zu bedenken. Grund seien Meldeverzögerungen über die Weihnachtstage. Die tatsächliche Inzidenz sei derzeit „zwei bis drei Mal so hoch ist wie die ausgewiesene“, sagte er. Vor allem der rasante Anstieg der Omikron-Variante sorgt den Minister. Es sei mit einer Verdoppelung der Omikron-Fälle binnen vier bis fünf Tagen sowie einem Anstieg der Fallzahlen insgesamt zu rechnen. Lauterbach deutete vor der Ministerpräsidentenkonferenz mit Kanzler Olaf Scholz (SPD) am 7. Januar weitere Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen an.

Der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, hält die unklare Datenlage für „mehr als peinlich“. Deutschland habe „ein riesiges Digitalisierungsproblem“.

Nicht vorbereitete Schulen

Die Schulen sollen so lange wie möglich offen bleiben: Das forderte die Kultusministerkonferenz am Donnerstag. Bis auf Thüringen wollen alle Länder nach den Weihnachtsferien in den Präsenzunterricht starten. Hans-Peter Meidinger, Präsident des Lehrerverbands, hält dagegen Wechsel- und Distanzunterricht nicht pauschal für „untauglich“, wie er unserer Redaktion sagte. Lesen Sie auch: Wie lange bleiben die Schulen noch geöffnet?

Auch seien Schulen für digitales Lernen „mit Sicherheit besser aufgestellt“ als noch vor einem Jahr. Ein „kurzer gesellschaftlicher Lockdown samt eng begrenzter Distanzunterrichtsphase nach den Ferien“ sei nicht von vornherein auszuschließen, wenn so die Corona-Welle gebrochen werden könne.

Schutz alter Menschen

Familienministerin Anne Spiegel (Grüne) warnt auch davor, Seniorenheime erneut für Besucher zu schließen. „Eine absolutes Kontakt- und Besuchsverbot, wie wir es im letzten Winter erlebt haben, müssen wir wegen der negativen gesundheitlichen Folgen für die älteren Menschen unbedingt vermeiden“, sagte Spiegel dieser Redaktion.

„Wir sind daher dabei, situationsangepasste Lösungen mit den Ländern, Trägerverbänden und Kostenträgern abzustimmen.“ Der beste Schutz für die Heimbewohner sei die Impfung plus Auffrischung.

Impfpflicht und Quarantäne

Für die Impflicht in Gesundheits- und Pflegeberufen hat der Bundestag bereits grünes Licht gegeben. Wesentlich kontroverser ist die noch nicht beschlossene allgemeine Impflicht. Vor allem in der FDP gibt es starke Vorbehalte.

Auch die Diskussion um die Quarantäne wird hitziger. Die Ausbreitung von Omikron wirft nach Einschätzung von Lauterbach die Frage nach einer Verkürzung der Quarantäne auf. Die Variante gilt zwar als infektiöser als Delta, die Krankheitsverläufe seien aber weniger schwer, heißt es in ­Studien.

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) hält sogar eine Befreiung dreifach Geimpfter von der Quarantäne für möglich. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt derzeit bei einer Ansteckung mit Omikron, dass sich Infizierte und Kontaktpersonen für 14 Tage isolieren – Geimpfte und Genesene eingeschlossen.

Länder wie die USA und Großbritannien haben die Quarantänedauer für Infizierte ohne Symptome bereits reduziert. Damit soll einem Personalmangel in Einrichtungen und Branchen vorgebeugt werden, die für die Grundversorgung und Sicherheit nötig sind.

Radikalisierung der Proteste

In Deutschland kommt es fast täglich zu Protesten von Impfgegnern. Selbst wenn Kommunen Demonstrationen wegen der Infektionsgefahr verbieten, gehen zwischen München und Bautzen Tausende auf die Straße. Dabei nehme die Gewaltbereitschaft zu, klagt die Polizei. Experten führen die wachsende Aggressivität auch auf den Einfluss von Rechtsextremisten zurück. Lesen Sie auch: Belastungsprobe: Was tun, wenn Freunde Corona leugnen?