Pandemie

Kommt ein neuer Lockdown in Deutschland? Merkel macht Ansage

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Julia Emmrich
In Deutschland liegt die Corona-Inzidenz bereits wieder über der Marke von 150. (Symbolbild)

In Deutschland liegt die Corona-Inzidenz bereits wieder über der Marke von 150. (Symbolbild)

Foto: dpa

Die Corona-Inzidenz steigt in Deutschland weiter an und die Zahl der Impfdurchbrüche steigt. Droht jetzt der Lockdown für Ungeimpfte?

Berlin. 
  • Die vierte Welle schlägt mit voller Wucht zu: Die Corona-Zahlen steigen
  • Die Intensivstationen werden immer voller, Ärzte warnen vor einer Überlastung
  • Kommt jetzt der Lockdown für Ungeimpfte? Angela Merkel macht eine deutliche Ansage

Pink ist schlimmer als tiefrot. Pink sind auf der Farbskala des Robert Koch-Instituts (RKI) alle Landkreise, in denen die Corona-Inzidenz über 500 liegt. Weite Regionen im Südosten sind inzwischen flächendeckend pink. Bundesweit liegt die Corona-Inzidenz ebenfalls bereits wieder über der Marke von 150, die Kliniken füllen sich. In der Politik wächst deswegen jetzt die Nervosität: Wie lassen sich die dramatisch steigenden Infektionszahlen wieder drücken? Welche Stellschrauben gibt es jetzt?

Corona: Spahn will Booster-Impfungen für alle

Das Impfen stagniert. Viele, die jetzt noch nicht geimpft sind, werden sich laut Experten auch nicht mehr impfen lassen. Gleichzeitig steigt Zahl der Impfdurchbrüche. Seit dem Wochenende wirbt der geschäftsführende Gesundheitsminister Jens Spahn deswegen für eine verstärkte Nutzung der Auffrischungsimpfungen: Bislang empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) diese Booster-Impfungen nur Risikopatienten, medizinischem Personal und allen über 70.

Spahn will nun, dass die Länder bereits Menschen über 60 Jahre schriftlich zur Auffrischung ihres Immunschutzes einladen. Mehr noch: Spahn betont, es sei genug Impfstoff da, dass alle, die wollten, eine Auffrischung bekommen könnten. Aktuelle Daten aus Israel zeigten, „dass das Boostern einen ganz entscheidenden Unterschied macht, um die vierte Welle zu brechen“.

Protest dagegen kommt aus Teilen der Ärzteschaft: Spahns Vorstoß sei blinder Aktionismus und schüre falschen Erwartungen. Die Hausärzte, hieß es bei deren Verband, folgten der Stiko-Empfehlung zur Drittimpfung ab 70.

Neue Impfkampagne soll für Booster-Impfungen werben

Doch die könnte sich bald ändern: „Die Ständige Impfkommission prüft im Moment sehr intensiv, ob sie Auffrischungsimpfungen für alle Bevölkerungsgruppen empfehlen wird“, sagte der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens unserer Redaktion. „Es gibt Daten aus internationalen Studien, die dafür sprechen, wobei geprüft werden muss, in wieweit diese Ergebnisse auf Deutschland übertragbar sind.“ Eine Entscheidung darüber werde in wenigen Wochen fallen.

Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, rät jetzt schon zur Booster-Spritze für alle: „Jeder, dessen vollständige Impfung sechs Monate zurückliegt, sollte sich bald eine Auffrischungsimpfung holen“, sagte Montgomery unserer Redaktion. „Wir brauchen in diesem Herbst eine neue, zentrale Impfkampagne, die sich nicht nur an die Ungeimpften richtet, sondern auch für allgemeine Booster-Impfungen wirbt.“

Impfzentren wieder zu aktivieren, wäre teuer

Ende der Woche treffen sich die Gesundheitsminister der Länder. Neben der systematischen Einladung für die Generation 60 plus will Spahn zudem, dass die Länder die Impfzentren wieder flächendeckend aktivieren. Mehrere Länder lehnten das am Montag postwendend ab. Auch Montgomery hält nichts davon: „Die Booster-Impfungen sollten bei den niedergelassenen Ärzten gemacht werden. Sie haben dafür die Erfahrung und auch die Kapazitäten. Das ist zu schaffen.“

Falsch dagegen sei es, jetzt wieder auf Impfzentren zu setzen: „Impfzentren waren am Anfang nötig, weil es zu wenig Impfstoff gab und die Lagerung der Dosen kompliziert war.“ Das sei heute anders. Impfzentren seien zehnmal so teuer wie das Impfen in den Arztpraxen, außerdem sei die Hemmschwelle für viele Menschen beim Hausarzt viel niedriger.

Lockdown für Ungeimpfte? Merkel wird deutlich

Bei einem weiteren Ansteigen der Corona-Infektionszahlen hält Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) neue Einschränkungen für möglich - diese sollen aber nur für Ungeimpfte gelten. „Wenn sich die pandemische Lage in den Krankenhäusern regional weiter zuspitzt, dann sind weitere Beschränkungen nur bei den Nicht-Geimpften möglich“, ließ Merkel am Mittwoch über ihren Sprecher Steffen Seibert in Berlin erklären. Menschen mit vollständigem Impfschutz sollten davon ausgenommen werden: „Niemand plant für sie weitere Beschränkungen.“

Solche Beschränkungen könne es dann in Form von 2G-Regeln geben, sagte Seibert. Das heißt, Geimpfte und Genesene wären von den Beschränkungen ausgeschlossen. Seibert wies darauf hin, dass die steigenden Ansteckungszahlen in manchen Regionen zu einer „wirklich schlimmen Situation“ in den Krankenhäusern geführt hätten; mancherorts würden die Intensivbetten knapp.

Merkels Sprecher fügte hinzu: „Für die ganze Gesellschaft gilt aus Sicht der Bundeskanzlerin: Da, wo wir Zugangsbeschränkungen beschlossen haben, 3G-Regeln, da müssen die auch eingehalten werden. Und einhalten heißt: Sie müssen auch konsequent kontrolliert werden.“

Zugang nur noch für Geimpfte und Genesene? Was in Restaurants oder Clubs problemlos geht, ist als flächendeckende Regel für weite Teile des öffentlichen Lebens in ganz Deutschland bislang nur eine Idee. Ärztepräsident Klaus Reinhardt regte jetzt eine Mischung aus 2G- und 3G-Regelung an. Er finde es angemessen, wenn die 2G-Regel in größeren Teilen des öffentlichen Lebens gelte, zum Beispiel im Museum oder auch in der Gastronomie.

„Und wenn die 3G-Regel zum Beispiel am Arbeitsplatz gälte, wie das die Italiener schon länger machen und die Österreicher auch, dann glaube ich, könnte das auch hilfreich sein“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer. Auch Montgomery regte an, die Regeln am Arbeitsplatz zu verschärfen: „Um die Infektionszahlen wieder in den Griff zu bekommen, sollten Arbeitgeber ein allgemeines Auskunftsrecht über den Impfstatus ihrer Beschäftigten bekommen.“ Vor allem in Bereichen, wo viele Mitarbeiter zusammenkommen oder Kundenkontakt besteht, müssten Arbeitgeber wissen, welcher Beschäftige ungeimpft ist.

Impfungen für unter 12-Jährige

Einzelne Länder planen bereits Verschärfungen für Ungeimpfte: Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) erklärte am Montag, man müsse jetzt Maßnahmen ergreifen, die später drastischere Maßnahmen verhinderten. Diskutiert wird dort etwa über eine 2G im Einzelhandel.

Experten erwarten, dass die europäische Arzneimittelbehörde EMA den Impfstoff von Biontech/Pfizer für Kinder zwischen fünf und elf Jahren Mitte Dezember zulassen wird. Damit könnten dann regelhaft auch Grundschulkinder geimpft werden. Die hohen Fallzahlen unter Schülern hatten zuletzt erheblich zum Infektionsgeschehen beigetragen. Ob es allerdings eine ausdrückliche Impfempfehlung durch die Stiko kommen wird, ist offen.