Interview

DJ Ötzi: „Ich habe in einem permanenten Angstzustand gelebt“

| Lesedauer: 7 Minuten
Rüdiger Sturm
Schlager sind sein Leben – aber sein Leben war eine Achterbahnfahrt: Dj Ötzi.

Schlager sind sein Leben – aber sein Leben war eine Achterbahnfahrt: Dj Ötzi.

Foto: Johannes Ehn / picture alliance / Johannes Ehn / picturedesk.com

Depressionen und ein Gang durch die Hölle – DJ Ötzi hat seine Autobiografie veröffentlicht und erzählt darin von vielen Tiefpunkten.

Sei du selbst – Party 2.0“ heißt das neue Album von DJ Ötzi. Auf den ersten Blick scheint der 50-Jährige damit nahtlos an seine klassischen Pop-Schlagerhits anzuknüpfen. Aber parallel veröffentlicht der Österreicher damit auch noch seine hoch persönliche Autobiografie „Lebensgefühl“, und das ist kein Zufall.

Denn der Entertainer, der als einer der erfolgreichsten Musiker des deutschsprachigen Raumes gilt, will mit beiden Projekten die Erkenntnisse seines Lebens teilen – ob zur Überwindung seiner Depression, seiner Spiritualität oder der Essenz von Glück.

Sie veröffentlichen nicht nur mit „Sei du selbst“ Ihr bislang persönlichstes Album, sondern parallel dazu auch Ihre Autobiografie. Warum gerade jetzt?

DJ Ötzi: Nach meinem Gefühl suchen viele Menschen gerade nach einer Orientierung. Und es gibt viele Leute, die nicht nur mit mir feiern, sondern auch das hören, was ich zu sagen habe. Für sie erzähle ich meine Geschichte – musikalisch und als Autobiografie, ich versuche, die Menschen zu inspirieren.

Wenn sie sehen, dass ich so offen mit meinem Schicksal umgehe, dann kann ihnen das helfen, an sich zu arbeiten und an sich zu glauben. Wer sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, der geht mit einem leichteren Rucksack durchs Leben. Das ist meine Erfahrung nach zehn Jahren Aufarbeitung und Reflexion.

Sie hatten ja, wie Sie schildern, Jahre lang mit Depressionen zu kämpfen. Ist diese schwere Phase überstanden?

DJ Ötzi: Das ist viel weniger geworden. Ich habe das toll im Griff. Denn diese Depressionen haben mit den Verletzungen meiner Kindheit und Jugend zu tun – dem Gefühl der Ablehnung durch meinen Vater und der Zeit, als ich obdachlos war und unter der Brücke gelebt habe. Ich habe da in einem permanenten Stress- und Angstzustand gelebt.

Und wenn du an dir arbeitest, dann werden diese Gefühle leichter. Während dieses Prozesses der Aufarbeitung gehst du durch die Hölle. Dazu musst du also bereit sein. Aber es lohnt sich zu kämpfen. Dadurch bin ich in der Seele viel freier als früher.

Mit welcher Einstellung haben Sie es geschafft, die schlimmsten Tiefpunkte Ihres Lebens zu überwinden?

DJ Ötzi: Ich habe trotz allem mein Leben immer als Geschenk gesehen. Ich habe in mir eine Kraft und das Bewusstsein gespürt, dass ich auf dieser Welt noch etwas zu tun habe. Und weil ich ein verantwortungsbewusster Mensch bin, habe ich nicht aufgegeben.

Einer der Songs auf dem Album heißt „Wenn Gott so will“. Inwieweit hat Ihnen der Glaube geholfen?

DJ Ötzi: Der Glaube hat sicher auch einen großen Anteil. Ich bin dabei kein extremgläubiger Mensch, aber ich finde Jesus cool. Gott selbst ist mir zu groß. Ich denke mir, - mal ganz naiv gesagt -, er hat echt andere Sachen zu tun, als auf mich zu schauen. Das mag für manche komisch klingen, aber ich empfinde das so.

Mit Jesus dagegen kann ich sprechen, indem ich mit mir selbst spreche. Ich bitte ihn um nichts, meistens sage ich „Danke, dass du mir diese Prüfung gegeben hast. Die muss ich jetzt durchziehen, indem ich an mir arbeite.“

Eine entscheidende Stütze dürfte auch die Musik gewesen sein. Es wurde besser, als ich anfing, zu singen. Man kann sagen, ich habe wunderschöne, bunte Bilder malen dürfen, mit denen ich die Dunkelheit besiegt habe.

Für viele Ihrer Fans sind Sie aber der Sänger von Partyschlagern wie „Hey Baby“. Stört es Sie angesichts Ihrer Geschichte, dass Sie so wahrgenommen werden?

DJ Ötzi: Vielleicht kann ich mit meiner Autobiografie solche Ansichten ändern. Aber ich habe sie nicht geschrieben, um den Menschen zu gefallen, sondern um meinen Leuten, die mich lieben und einen Zugang zu mir haben, Inspiration zu geben. Der Rest meines Publikums kann mich als Sänger von Partyschlagern sehen, damit habe ich kein Problem. Und wenn mich jemand gar nicht hören will, ist das auch okay.

Vom Titel her könnten ja neue Songs wie „Party ohne Ende“ missverstanden werden.

DJ Ötzi: Wenn man genau hinhört, dann ist die klare Aussage: Steh zu dir und ziehe es durch, was du bist. Das mag ein einfaches Lied sein, aber die Botschaft ist klar. Oder nehmen Sie ein Lied wie „Anton aus Tirol“. Da heißt es „Ich bin so schön, ich bin so toll“.

Wer das mitgesungen hat, hat vielleicht dadurch sein Bewusstsein so gesteuert, dass es ihm danach besser geht. Jeder Mensch ist irgendwie schön, irgendwie toll, er muss sich nur bewusst darüber werden.

Zwei der Songs sind wiederum Liebeserklärungen an Ihre Frau. Ist sie damit okay, dass Sie Ihre Gefühle so öffentlich machen?

DJ Ötzi: Ich glaube schon. Ich habe ihr Rosen in Wörtern gegeben. Die werden ihr ganzes Leben bestehen bleiben, während die Blumen irgendwann verwelken.

Auf Ihrer großen Suche im Leben haben Sie auch den Jakobsweg zurückgelegt. Was war das für ein Gefühl, als Sie den geschafft hatten?

DJ Ötzi: Einfach nur ein Gefühl, angekommen zu sein. Nicht mehr und nicht weniger. Und ich war irrsinnig glücklich und bin in mir geruht.

Haben Sie sich dieses Gefühl bewahrt?

DJ Ötzi: So etwas bleibt in dir.

Ist Glück der Zweck unseres Lebens?

DJ Ötzi: Soll die Blume das ganze Jahr blühen? – Das geht nicht. Es kann nicht immer nur die Sonne scheinen, daraus lerne ich nichts. Wenn ich dem Glück so sehr verbunden bin, dann habe ich kein Glück, sondern renne etwas hinter, was von mir wegrennen könnte.

Natürlich gibt es Phasen, wo ich glücklich bin. Aber das ist nur ein Moment. Ich bin dankbar, dass ich ihn fühlen und haben darf. Aber ihn immer haben zu wollen, ist der falsche Weg.