"Rachepornos"

Rachepornos: Wie Betroffene jahrelang an den Folgen leiden

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Oliver Stöwing
Wenn intime Bilder im Internet landen, erfahren die Betroffenen viel Leid.

Wenn intime Bilder im Internet landen, erfahren die Betroffenen viel Leid.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Wenn intime Bilder im Internet landen: Für viele Frauen sind die Folgen von sogenannten Rachepornos verheerend. Betroffene erzählen.

Berlin. Das Luxushotel Sofitel in Paris. Der brasilianische Fußballstar Neymar (29) verabredet sich in seiner Suite mit einer Landsfrau, einem Model. Was folgt, ist einvernehmlicher Sex – sagt er. Er sei betrunken und aggressiv gewesen und habe sie schließlich vergewaltigt, sagt die Frau. In São Paulo erstattet sie Anzeige.

Neymars Reaktion: Er stellt intime Fotos des Models ins Netz. Nach 24 Stunden entfernt Facebook die Bilder. Bis dahin sind sie 50 Millionen Mal geklickt worden. Den Vergewaltigungsvorwurf halten die Behörden für unglaubwürdig – wegen des Postings laden sie Neymar allerdings vor. 500.000 derartige Fälle prüft Facebook weltweit – monatlich.

Rachepornos werden jene privat aufgenommenen Nacktbilder oder Sexvideos genannt, die im Netz landen – meist um den Ruf des Opfers zu schädigen, es zu mobben oder um es zu erpressen. Betroffen sind vorwiegend Frauen, Täter sind häufig Ex-Partner, aber auch enttäuschte Verehrer oder missgünstige Bekannte, manche auch ganz ohne „Rache“-Motiv.

Beratungsstellen gehen von einer Zunahme aus, erklären sie unter anderem mit dem Anstieg des Pornokonsums im Lockdown um 20 Prozent – Sexseiten als Schmiede für schädliche Ideen.

Den ganzen Horror erlebte Rebecca Baden. Sie war erst 15 und Schülerin in einem luxemburgischen Dorf, als sie ihren Freund mit Nacktfotos überraschte. Der war wenig begeistert und fürchtete, die Bilder könnten in falsche Hände geraten. Und so geschah es: Zwei Jungen aus ihrer Klasse stahlen ihr Handy, ein Mädchen stellte die Fotos auf ein Blog. Auf dem Schulflur sagte eine Mitschülerin: „Die ganze Schule kennt jetzt deinen Arsch.“ Lesen Sie auch: Frauen wehren sich mit Kreide gegen Sexismus im Alltag

Betroffene wie Baden fühlen sich gedemütigt, schämen sich. Dazu kommt das Gefühl, sich die Misere selbst eingebrockt zu haben. Auch für sie geriet die Welt aus den Fugen: „Ich dachte damals wirklich: Das ist das Ende meines Lebens, ich muss auf eine andere Schule, ich muss in ein anderes Land ziehen. Ich kann mich nie wieder blicken lassen“, so die 29-Jährige.

Racheporno – in Großbritannien ein Straftatbestand, in Deutschland eine Beleidigung

Lea Römer von der Beratungsstelle Juuuport unterstützt jugendliche Betroffene. 16 Prozent haben bereits Erfahrungen gemacht mit Bildern oder Videos, die gegen ihren Willen gepostet wurden. Gemobbt mit Begriffen wie „Schulschlampe“, kommt es in Einzelfällen sogar zum Suizid. „Die Opfer sind oftmals furchtbaren Beleidigungen ausgesetzt und erfahren wenig Unterstützung, weil sie aus Sicht der Außenstehenden selbst schuld an der Situation sind.“

Wäre es nicht der beste Schutz, keine Nacktfotos aufzunehmen? „Damit macht man denjenigen, der es trotzdem tut, nur wieder zum Schuldigen“, findet Rebecca Baden. Dabei habe jeder das Recht, innerhalb des gesetzlichen Rahmens solche Aufnahmen zu machen.

Doch es tut sich was im Bewusstsein: In Großbritannien ist der Racheporno bereits ein eigener Straftatbestand. 3146 Anzeigen gab es 2020, im Vorjahr waren es nur 681. In Deutschland fällt er unter Beleidigung, Verleumdung oder Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs. Die Landesjustizminister haben im Juni härtere Strafen für Rachepornos beschlossen, wie hoch genau, ist noch unklar. Derzeit droht eine Strafe von bis zu zwei Jahren.

Was einmal im Netz ist, bleibt tatsächlich im Netz. Daran wurde auch Rebecca Baden jetzt wieder erinnert. Ein Bekannter aus Schulzeiten schickte ihr eines der Bilder mit den Worten „Erinnerst du dich?“ Sie habe den Mann direkt geblockt. Verziehen aber hat sie allen Beteiligten: „Ich will keine negativen Gedanken mehr. So konnte ich damit abschließen.“