Verbrechen

Jens Söring: Was nach 33 Jahren Haft besonders überfordert

| Lesedauer: 4 Minuten
Philipp Hedemann
33 Jahre lang war Jens Söring in US-Haft. Über sein erstes Jahr in Freiheit hat er ein Buch geschrieben.

33 Jahre lang war Jens Söring in US-Haft. Über sein erstes Jahr in Freiheit hat er ein Buch geschrieben.

Foto: Boris Roessler / dpa

Seit einem Jahr ist Jens Söring frei. Er hat ein Buch geschrieben – und berichtet, welche Entscheidungen ihn besonders anstrengen.

Berlin. Die Zahlen wird Jens Söring nie vergessen: 33 Jahre, sechs Monate und 25 Tage hat er im Gefängnis verbracht, den größten Teil davon in den USA. Verurteilt zu zwei Mal "lebenslänglich" für den Mord an den Eltern seiner damaligen Freundin. Aus Naivität habe er, der deutsche Diplomatensohn, ein Geständnis abgelegt, um seine Freundin zu schützen, sagt Söring. Dass er es widerrufen hatte, half ihm nicht. Unter öffentlichem Druck wurde Söring (55) dann im November 2019 auf Bewährung entlassen und nach Deutschland abgeschoben. In seinem Buch "Rückkehr ins Leben" schreibt er nun über das erste Jahr in Freiheit.

Dass er auf freien Fuß kam, hält Söring heute für "ein stilles Unschuldseingeständnis". Denn: "Jeder, der sich mit der amerikanischen Justiz auskennt, weiß, dass Menschen, die zu einer lebenslangen Haft verurteilt wurden, nur ganz, ganz selten rauskommen", sagte er unserer Redaktion. Politiker und Prominente wie der Bestseller-Autor John Grisham und viele weitere Menschen in Deutschland und den USA hatten sich jahrzehntelang für seine Freilassung eingesetzt. Söring: "Ohne sie hätte ich es nicht geschafft."

Beim Bäcker überfordert

Nach seiner Freilassung hat er Unterschlupf bei einer Gastfamilie in Hamburg gefunden. Ihm gehe es jetzt gut, aber es sei nicht leicht gewesen, Fuß zu fassen. "Ich wache jeden Tag glücklich auf und gehe jeden Tag glücklich ins Bett", sagt er. Doch der Alltag sei nicht ganz einfach gewesen. Gerade am Anfang hätten ihn die Entscheidungen, die er im Alltag treffen musste, überfordert. "An der Wursttheke, beim Bäcker, im Supermarkt: Immer und überall muss man Entscheidungen treffen."

In seinem Buch "Rückkehr ins Leben" geht es auch um das Leben im Knast, um das brutale Miteinander der Häftlinge und dass er einer Vergewaltigung nur durch viel Glück entkommen war. All diese habe nicht dazu geführt, dass er in Therapie ist. Gegenüber dem "Spiegel" sagte er: "Ich komme gut an meine Emotionen ran." Aber noch immer brauche er Hilfe im Alltag. Und sei es nur ein Ratschlag, wie man ein Flugticket bucht.

Jung war er, als sein Leben aus der Bahn lief: Mit 19 Jahren gestand er, die Eltern seiner Freundin Elizabeth Haysom ermordet zu haben. Mit der Aussage habe er ihr helfen wollen. Beide waren nach einer gemeinsamen Flucht in London gefasst worden, sie wurde später wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. "Ich handelte in bester Absicht. Ich dachte, ich könnte einen Menschen, den ich geliebt habe, vor der Todesstrafe retten, indem ich ein falsches Geständnis ablege. So habe ich mein eigenes Leben zerstört."

Kein Studium, keinen Beruf und keine Familie, die ihn unterstützt

Heute besteht sein Kampf darin, ein ein normales Leben zu führen. Er hätte auch gerne Kinder. "Natürlich! Das wäre schön. Aber ich bin jetzt 55 Jahre alt. Leider bin ich nicht Mick Jagger, der mit 73 Jahren zum achten Mal Vater wurde. Allerdings muss ich auch erst mal Geld verdienen, bevor ich eine Familie gründen kann. Ich habe keine Ersparnisse, habe nie in die Rentenkasse eingezahlt, beziehe kein Hartz IV und habe keine Familie mehr, die mich unterstützt." Da er auch kein Studium und keine Berufsausbildung hat, wird es schwer.

Doch er hat Vorstellungen, wie er Geld verdienen kann: "Als Schriftsteller und Redner." Er will den Menschen sagen, "dass das Unmögliche möglich ist. So wie bei mir. Denn bis zur letzten Minute hätte ja kaum jemand gedacht, dass ich jemals lebendig das Gefängnis verlassen würde."

Ob ein rechtskräftig verurteilter Doppelmörder je wieder richtige auf die Beine kommen wird? "In den Vereinigten Staaten wäre das sicher viel schwieriger. Aber hier in Deutschland ist die Gesellschaft toleranter. Ich halte es zumindest für möglich, dass die Menschen mir eine Chance geben."