Hochwasser

Raubzug im Katastrophengebiet – wie Plünderer Not ausnutzen

| Lesedauer: 4 Minuten
Jonas Erlenkämper
Gaffer in Hochwasserregionen

Gaffer in Hochwasserregionen

Der Südwesten von Deutschland ist aktuell mit den Aufräumarbeiten des starken Unwetters beschäftigt. Viele Familien vermissen Angehörige und müssen ihr Zuhause verlassen. Gaffer erschweren diese Situation.

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Kriminelle plündern Ruinen im Hochwassergebiet und vergehen sich an verzweifelten Menschen, die fast alles in der Flut verloren haben.

Ahrweiler/Stolberg. Sie kommen heimlich, sind schnell und nehmen mit, was sie tragen können. Mal steigen sie in ein verlassenes Hotel ein und stehlen die Fernseher aus den Zimmern, mal verschwinden ganze Restaurantküchen, mal Medikamente aus einem evakuierten Krankenhaus.

Nur wenige Täter wurden bislang gefasst, aber die Entrüstung ist groß in den vom Hochwasser heimgesuchten Gebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz: Ausgerechnet dort, wo verzweifelte Menschen fast alles in der braunen Brühe verloren haben, vergehen sich Kriminelle an den letzten brauchbaren Habseligkeiten.

Auf Raubzug im Katastrophengebiet: Die Behörden kämpfen in den noch immer vom Chaos beherrschten Regionen gegen Einzeltäter und Banden, die Not und Schockzustand der Überlebenden ausnutzen. „Wir haben mehrere Verfahren laufen, die in Zusammenhang mit Diebstahlsdelikten stehen“, stellt Staatsanwalt Jan Balthasar aus Aachen klar, in dessen Bereich die abgesoffenen Städtchen Stolberg und Eschweiler liegen. „Im Volksmund kann man das Plünderung nennen.“ Mehr zum Thema:Spenden für Hochwasser-Opfer: Wo und wie Sie helfen können

Plünderungen: Polizei betont, es handele sich um Einzelfälle

Allein im von den Unwettern verwüsteten Stolberg gab einige Festnahmen. Drei mutmaßliche Komplizen sitzen in Untersuchungshaft, sie sollen Waren aus einem zerstörten Bekleidungsgeschäft und einer Apotheke gestohlen haben.

Andere besitzen selbst wenig und sahen in der Unordnung nach der Flut wohl die Chance auf einen schnellen Euro: Das Aachener Amtsgericht hat bereits eine obdachlose Frau verurteilt, die sich in einem verschlammten Supermarkt bedient hatte.

Die Polizei betont, es handele sich um Einzelfälle. „Marodierende Horden, die Kaufhäuser leerräumen, gab es bei uns nicht“, versichert Andreas Müller, Sprecher des Aachener Präsidiums. Gerade Nutzer der einschlägigen sozialen Netzwerke sind empört und verängstigt, denn wer manche Einträge liest, bekommt das Gefühl, in der Eifel und an der Ahr herrsche totale Anarchie.

„Ich kann es nicht fassen“, schreibt ein Bewohner eines 500-Einwohner-Dorfs auf Facebook. Er sei „knapp den Wassermassen entkommen, nachdem wir noch ein paar unserer Habseligkeiten in den ersten Stock unseres Fachwerkhöfchens retten konnten. Heute stellen wir fest, dass wir geplündert wurden.“

Schränke seien aufgerissen, Kommoden durchwühlt worden. „TV-Geräte weg, Konsolen weg, Handys weg, Kleidung weg. Und offensichtlich haben sie so schwer getragen, dass eine Spielkonsole beim Rausgehen noch in den Schlamm im EG gefallen ist.“ Auch interessant:Flut offenbart erstaunliche Mängel im Katastrophenschutz

Bürger müssen wachsam bleiben

Ob solche Einträge wahr sind und wie groß die Gefahr tatsächlich ist, lässt sich schwer überprüfen. Die Polizei Koblenz berichtet auf Anfrage von bislang mehr als 70 Strafanzeigen im besonders schwer getroffenen Kreis Ahrweiler, wo mehr als 130 Menschen bei den Überschwemmungen ums Leben gekommen sind, verweist jedoch auf laufende Ermittlungen.

Manche Diebstähle werden womöglich erst noch gemeldet, wenn die Besitzer nach und nach in die zerstörten Läden zurückkehrten. Der leitende Koblenzer Oberstaatsanwalt Harald Kruse verspricht: „Sollte es dazu kommen, dass Menschen vor Ort die Hilflosigkeit der Betroffenen ausnutzen, werden wir mit der gesamten Härte des Rechtsstaates dagegen angehen.“

Allein im Ahrtal mit seinen rund 30 betroffenen Städten und Dörfern patrouillierten im Rahmen eines „Raumschutz- und Aufklärungskonzepts“ nachts zeitweise 300 uniformierte Beamte, um verwaiste Häuser zu bewachen. Doch das wird die Polizei nicht auf Dauer leisten. „Wir können nicht rund um die Uhr vor jedem Haus einen Streifenwagen hinstellen“, sagt Andreas Müller von der Polizei Aachen. Banken etwa seien selbst dafür verantwortlich, einen Sicherheitsdienst zu organisieren, wenn sie etwa den Tresorraum einer ruinierten Filiale schützen lassen wollen. Lesen Sie hier:Hochwasser enthüllt Nazi-Schatz in NRW: Experten begeistert

Auch die Bürger müssten wachsam bleiben. Neben Dieben haben auch Betrüger die Hochwassergebiete als lohnende Beuteziele entdeckt. Die tarnen sich als gutmeinende Helfer, wie auf Handyvideos in den sozialen Netzwerken zu sehen ist, gehen von Tür zu Tür und bieten Unterstützung bei der Beantragung von Soforthilfe an. Tatsächlich geht es ihnen jedoch nur darum, Kontodaten auszuspähen.

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