Hochwasser-Katastrophe

Ahrtal: Wie die Menschen gegen Schlamm und Schrott kämpfen

| Lesedauer: 8 Minuten
Christian Unger
Merkel: Bei Hochwasserschutz "vollkommen neu nachdenken"

Merkel: Bei Hochwasserschutz "vollkommen neu nachdenken"

Angesichts der Hochwasserkatastrophe in Westdeutschland hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dafür ausgesprochen, "vollkommen neu" über Schutzmaßnahmen nachzudenken. Die Dimension des Unglücks entziehe sich der Vorstellungskraft nicht nur der betroffenen Menschen, sagte Merkel in Berlin.

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Notstrom, Wasser aus Kanistern, überall Dreck: Wer im Ahrtal nach der Flutkatastrophe aufräumt, kommt in dieser Zeit an seine Grenzen.

Ahrweiler. 
  • Nach der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands sind die Aufräumarbeiten in vollem Gange
  • Doch der Kampf gegen Schlamm und Schrott ist beschwerlich, die Infrakstruktur ist vielerorts zerstört
  • Unser Reporter hat die Menschen besucht, die in Ahrweiler die Folgen des Hochwassers bekämpfen

Die Bundesstraße 267 schlängelt sich bei Ahrweiler durch das Tal, so wie der Fluss neben ihr, die Ahr. Weinreben säumen die steilen Hänge der Berge links und rechts des Ufers. Bis vor gut einer Woche brachte die Bundesstraße Touristen in die Region, auch Weinliebhaber, zu den Kirchtürmen, den Winzerhöfe und Promenaden.

Jetzt aber hat die Bundesstraße hier bei Ahrweiler nur noch eine Spur. Die andere Spur ist eine Müllhalde, gut eine Woche nach der Flutkatastrophe schon Hunderte Meter lang. Holzlatten und Eisenstangen stapeln sich, Sofas, Waschmaschinen, auch Motorroller, Tische und Schränke. Alles ist überzogen mit einer Haut aus gelbem Staub. Es ist ein Bild, das sonst nur aus Tsunami-Gebieten in deutsche Wohnzimmer übertragen wird. Jetzt stapeln sich die Trümmer mitten im Rheinland. Mehr zum Thema: Flutkatastrophe: Die Helden von Mayschoss retten ihr Dorf

Wo einmal Rasen war, ist nur noch Staub und Schlamm

Michael Schomisch sitzt unter dem Dach neben seiner Garage. Er raucht eine Zigarette, nippt an einer Flasche Bier, blickt dorthin, wo einmal Rasen war und jetzt nur noch Staub und Schlamm. Seit Tagen, sagt er, mache er nichts anderes als aufräumen. Er schippt den Schlamm, so gut es noch geht, denn die Hitze hat ihn hart werden lassen wie Beton. Schomisch schleppt Trümmer aus dem Keller, das Wasser stand bis unter den Balkon im ersten Stock, hier im kleinen Ort Dernau am Ufer der Ahr.

Schomisch war gerade mit seiner Frau im Urlaub in Österreich, als das Unwetter über seine Heimat hereinbrach. Er rief seinen Schwiegervater an, der auch in Dernau lebt. „Der sagte uns, dass meine Schwiegermutter im Keller ertrunken ist.“ Schomisch erzählt das mit überraschender Gelassenheit, fast nüchtern, müde, mit breitem rheinländischem Dialekt.

Dann aber sagt er: „Eine Stunde später rief der Schwiegervater noch mal an. Seine Frau konnte sich doch noch aus dem Keller retten.“ Sie kletterte durch ein Fenster, kroch durch den Lichtschacht nach oben. „Der zweite Anruf war eine Erleichterung, das können Sie sich nicht vorstellen.“

Strom läuft nur über Notaggregate, Wasser kommt aus Kanistern

Wie Schomisch leben nun viele Menschen in den Städten und Dörfern an der Ahr zwischen Schlamm, Schutt und zerstörten Wohnungen. 132 Menschen tot, fast 800 verletzt. Und immer noch werden 149 vermisst. Für dieses Wochenende sagen Fachleute neue Gewitter und Regenfälle hervor. „Das macht mir ein bisschen Angst“, sagt Schomisch. „Ich hoffe, die Wettervorhersage irrt sich.“ Lesen Sie auch: Hochwasser-Held: Dieser Mann rettete die Steinbachtalsperre

Debatte über Katastrophenschutz: Besser warnen, besser vorbeugen?
Debatte über Katastrophenschutz: Besser warnen, besser vorbeugen?

Noch immer läuft Strom nur über Notaggregate, Wasser fließt nur aus Kanistern, das Internet lahmt. Bis alles wieder funktioniert, heißt es, können Wochen vergehen. In manchen Orten vielleicht Monate. Mehr zum Thema: Hochwasser: Wie überlastet ist der Katastrophenschutz?

Zwischen 30.000 und 42.000 Anwohner sind von dem Hochwasser betroffen. Das große Aufräumen läuft auf Hochtouren. Die Menschen in Ahrweiler und Umgebung sind mit ihren Kräften am Ende – und machen doch weiter. „Es muss weitergehen“, sagt Schomisch. „Was bleibt uns übrig.“ Mehr zum Thema: Flutkatastrophe: Wie kann ich Soforthilfe beantragen?

Die Kennzeichen der Autos verraten: Viele reisen von weit her an

Schomisch ist nicht allein. Er sagt, die Hilfe sei „überwältigend“. Von allen Teilen Deutschlands seien Menschen angereist. Auf einmal standen sie mit Spaten und Eimern in Schomischs Garten und Keller.

Wer sich den Orten der Ahr an diesem Wochenende nähert, steckt oft im Stau. Lastwagen rollen an, Jeeps, Autos mit Anhängern. Die Kennzeichen verraten: viele reisen an, manche sogar aus Belgien und den Niederlanden. Auch interessant: Hochwasser: Müssen Chefs Helfer von der Arbeit freistellen?

Im ganzen Ahrtal sind Stationen entstanden mit Kisten voll mit Kleidung, Zahnbürsten, Eimern. Männer und Frauen, die zum ersten Mal im Ahrtal sind, schenken Getränke aus, braten Würstchen, schaufeln und schippen. Das ist die gute Nachricht. Lesen Sie hier: AfD-Politiker will Klimakrise widerlegen - und scheitert

Die schlechte: An diesem Wochenende ist es erstmals so, dass die Region überfordert ist mit der riesigen Anzahl an Spenden und freiwilligen Helfern. Die Straßen im Ahrtal sind teilweise zerstört, allein 62 Brücken und 7 Eisenbahnbrücken riss die Flut mit.

So viele Helfer - jetzt droht der Infarkt

Jetzt, am Wochenende, haben die Menschen Zeit. Sie sehen die Bilder von der Ahr, setzen sich ins Auto, wollen helfen. Doch vor Ort droht der Infarkt. Die Straßen sind überlastet – und auch die Menschen, die Tausende Helfer verteilen müssen zu den Einsatzstellen.

Die Behörden im Landkreis schreiben am Samstagvormittag: „Große Bitte an die unglaubliche Anzahl von Helfern. Bitte verzichtet ab sofort auf die Anreise in das Hochwassergebiet. Alle Parkplätze sind voll, Shuttles ausgelastet.“ Die Regierung hat eigene Busse eingesetzt, allerdings erst einige Tage nach der Flutkatastrophe. Viele Helfer bringen zudem schweres Gerät mit, Pumpen, Stromgeräte, teilweise Bagger und Jeeps. Das frisst Platz.

Auch Sascha Hurtenbach hat gemischte Gefühle, wenn er auf die große Zahl der freiwilligen Helfer blickt. Er sagt, er sei begeistert, wie Müllmänner aus ganz Deutschland in wenigen Tagen hier zu Hurtenbach anreisten. Hurtenbach ist Geschäftsführer beim Abfallwirtschaftsbetrieb im Kreis Ahrweiler. Gerade kommt er aus einer Krisensitzung mit seinem Team. „Wir haben hier schon 22.000 Tonnen Sperrmüll hertransportiert. Das ist ein Drittel vom gesamten Müll, der sonst in einem ganzen Jahr anfällt.“

Die Sperrmüll-Transporte bleiben im Stau stecken

Der Schlamm und Schrott von der Bundesstraße 267, vom Ufer der Ahr, schafft es langsam hoch bis in das Industriegebiet, wo Hurtenbachs Abfallzentrum liegt, transportiert vor allem in Lastwagen und Müllabfuhren. Auf der Straße vor der Einfahrt zieht der gelbe Staub einen langen Teppich.

Doch nun, sagt Hurtenbach, rufen ihn seine Fahrer immer wieder an und sagen, dass sie im Stau stehen. Nicht zur Müllhalde kommen, weil die Straßen im Ahrtal und die Autobahn verstopft sind.

Hurtenbach steht vor einem Feld mit Hallen und Toren. Hinter ruckeln Lastwagen in einer langen Schlange langsam in Richtung Müllhalde. So hoch wie eine Turnhalle türmt sich schon der Sperrmüll. Mit 40.000 alten Elektrogeräten rechnen sie hier noch, Waschmaschinen, Fernseher, Kühlschränke. So gut es gehe, sagt Hurtenbach, würden die Baggerfahrer in den zerstörten Dörfern den Schrott schon vorsortieren. Mülltrennung soll auch im Katastrophenfall noch funktionieren.

Dann setzt der Regen wieder ein

Als Sascha Hurtenbach von dem Hügel aus Schrott und Sperrmüll zurück in sein Büro geht, setzt der Regen ein. Erst langsam, aber binnen Sekunden regnet es stärker. Es ist eine Sorge, die viele haben: Dass das Wasser wiederkommt. Viel und schnell. „Ich hoffe bei Gott, dass das gut geht“, sagt Hurtenbach und läuft los in eine Halle, um sich unterzustellen.

Auch in den Orten im Ahrtal warnen die Behörden aus Lautsprecherwagen. „Bitte haltet euch zu eurer eigenen Sicherheit vom Fluss fern. Und sucht einen Unterstand.“ Bis zum frühen Samstagabend bleibt die Lage ruhig. Der Regen hört auf, die Sonne kommt sogar raus. Zu den vielen freiwilligen Helfern aus der ganzen Republik schreiben die Behörden vor Ort an diesem Tag trotzdem: „Eure Hilfe wird auch in den nächsten Monaten noch benötigt.“

Lesen Sie hier den zweiten Teil der Reportage: Wie es den Flut-Opfern jetzt geht

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