Corona

Kinderinfektiologe fürchtet Welle der Atemwegserkrankungen

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Madeleine Janssen, Anne-Kathrin Neuberg-Vural
Kita-Kinder haben verstärkt Atemwegsinfekte

Kita-Kinder haben verstärkt Atemwegsinfekte

Die Corona-Maßnahmen wurden gelockert und die Kinder durften zurück in den Kindergarten. Dadurch steigen aber auch die Zahlen der Erkältungen an.

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Husten und Rotznase, darunter leiden viele Kita-Kinder im Winter. Corona-bedingt fiel das zuletzt aus - kommt die Virenwelle jetzt?

Berlin. Nach einer extrem ruhigen Erkältungssaison im Herbst und Winter beobachten Eltern und viele Kinderärztinnen und -ärzte aktuell eine Husten- und Schnupfen-Welle bei Kindern – insbesondere bei Kita-Kindern. Durch den Corona-Lockdown und strenge Hygienemaßnahmen hatten sich nur wenige Jungen und Mädchen mit den üblichen Erkältungsviren und anderen Krankheitserregern angesteckt. Das holen sie nun nach – zum Leidwesen der Eltern, die die Kinder ohnehin lange daheim betreuen mussten.

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Welche Erkrankungen beobachten Kinderärztinnen und -ärzte im Moment vorrangig bei Kindern bis sechs Jahre?

Es gibt vermehrt Atemwegsinfekte, berichtet der Kinderarzt Dr. Martin Karsten aus Berlin-Wilmersdorf. „Die Kinder kommen mit Fieber, Husten, Schnupfen und Halsschmerzen.“ Sie hätten „akute, obere Atemwegserkrankungen“, so Karsten. Das bestätigt Dr. Tobias Tenenbaum von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). „Stationär kommen auch mehr Kinder als sonst zu dieser Jahreszeit mit unteren Atemwegsinfektionen, spastischer Bronchitis und Lungenentzündung“, sagt Tenenbaum. Es sei ein ganz infektiöser Juli.

Ist das mehr als sonst zur Sommerzeit?

Normalerweise herrscht beim Kinderarzt in den Sommermonaten „totale Flaute“, sagt Martin Karsten. In Berlin seien wie in vielen anderen Bundesländern schon Ferien, da gingen die Atemwegsinfekte eigentlich auf „nahezu null“ zurück. Dagegen seien eher Magen-Darm-Infekte an der Tagesordnung.

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Die Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen, von Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen sowie die Wiederöffnung von Kitas und Schulen trägt nach Ansicht der Mediziner dazu bei, dass sich Erkältungsviren wieder stärker verbreiten können. Bei den Kindern seien diese Infektionen in den Monaten Januar, Februar und März um rund 95 Prozent zurückgegangen, berichtet Karsten. „An extremen Tagen hatten wir sonst rund 80 Kinder mit Husten, Schnupfen und Fieber – in diesem Jahr waren es nur noch vier oder fünf.“

Worauf kann man das zurückführen?

Die Menschen verhielten sich wieder zunehmend normal, sagt Tenenbaum. Dennoch seien die Zahlen noch immer niedriger als etwa 2019 – auch wenn die Infektionszahlen bei den Null- bis Sechsjährigen seit rund acht Wochen merklich angestiegen seien. „Es handelt sich aktuell um andere und eher harmlose Keime“, sagt Kinderarzt Karsten. Er führt den Anstieg der Infektionen auf die Rückkehr in die Kita-Gruppen zurück. Ein weiterer Grund könnte laut Johannes Hübner, dem ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), aber auch das eher durchwachsene Sommerwetter sein.

Hübner blickt jedoch mit Sorge auf den bevorstehenden Herbst und Winter: „Aktuell ist die Lage bei uns in den Kinderkrankenhäusern noch recht entspannt“, so der Leiter der Pädiatrischen Infektiologie am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Uniklinik München. Anders als etwa in Australien, Neuseeland oder den USA sei hierzulande noch kein dramatischer Anstieg etwa der RS-Viren zu beobachten. „In der nächsten Erkältungssaison wird das deutlich anders sein.“ In diesen Phasen dominieren normalerweise Influenza-, also Grippeviren, und RS-Viren und lösen Infekte der oberen Atemwege aus.

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Holen die Kinder jetzt nach, was sie sonst an Erkältungskrankheiten durchmachen?

RSV steht für „respiratory syncytial virus“ und ist weltweit die häufigste Virenart, mit der sich Kleinkinder bis drei Jahre anstecken, vor allem im Winter. Meist verlaufen derlei Infektionen leicht, in den ersten paar Lebensmonaten jedoch kommt es häufig auch zu einem Infekt der unteren Atemwege, der auch einen schweren Verlauf nehmen, etwa eine Bronchitis oder eine Lungenentzündung auslösen kann.

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„Wir haben nun einen Jahrgang, der sich während des Lockdowns nicht angesteckt hatte und so auch noch keine spezifische Immunität gegen bestimmte Viren aufgebaut hat“, so Hübner. Er fürchtet daher die mögliche Entwicklung gegen Jahresende. „Wenn die Influenza- und RS-Viren im Winter wieder rumgehen, holen sie die Infektionen nach.“ Er erwartet eine deutliche Erhöhung der Fallzahlen. „Wir bereiten uns auf einen heftigen Winter vor“, sagt Hübner. Mehr zum Thema: Corona-Impfung: Sind Vakzine in der Muttermilch nachweisbar?

Worauf müssen sich Eltern jetzt einstellen?

Eltern sollten sich also darauf einstellen, dass ihre Kinder in der kommenden Erkältungssaison vermehrt erkranken könnten. Grund zur Sorge, dass das kindliche Immunsystem durch die coronabedingten Einschränkungen und wegen ausgebliebener Infekte geschwächt sein könnte, gibt es nach Ansicht von Hübner jedoch nicht.

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„Wir sind Tag für Tag mit so vielen Antigenen, Viren und Bakterien konfrontiert, dass das Immunsystem sicher nicht verkümmert“, so der Kinderinfektiologe. Tobias Tenenbaum von der DGKJ räumt ein: „Wir wissen mittlerweile, dass der ‚Bauernhofeffekt‘ wichtig für die Verhinderung von Allergien ist. Der Austausch mit Erregern ist vor allem in den ersten Lebensjahren sehr wichtig“, sagt er. „Andererseits waren die Kinder ja nicht unter sterilen Bedingungen zu Hause.“

„Spannende Jahre für die Kinderheilkunde“

Mediziner Karsten hält es zumindest für „theoretisch möglich“, dass sich das kindliche Immunsystem wegen Corona verzögert entwickelt hat. Man wisse es noch nicht. Spannend sei es, zu beobachten, wie sich Influenza- und RS-Viren im Winter weiter entwickeln und ob sie vermehrt schlimmere Krankheitsverläufe verursachen. Hübner geht davon aktuell nicht aus. „Es ist ohnehin selten, dass betroffene Kinder stationär aufgenommen werden müssen oder Sauerstoff brauchen.“ Todesfälle seien die Ausnahme.

Um die Lage abschließend beurteilen zu können, brauche es zusätzliche Vergleichsdaten, die erst in einigen Jahren vorliegen dürften, sagt Tenenbaum. „Es werden wissenschaftlich spannende Jahre für die Kinderheilkunde.“

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