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Warum ESC-Gewinner Måneskin gar nicht so wild sind

| Lesedauer: 4 Minuten
Oliver Stöwing
Italienische Rockband Måneskin siegt im ESC-Finale

Italienische Rockband Måneskin siegt im ESC-Finale

Die italienische Rockband Måneskin hat im Finale des Eurovision Song Contest (ESC) den Sieg davongetragen. Maneskin gewann mit ihrem Song "Zitti e Buoni" bei der Show am Samstagabend knapp vor Frankreich und der Schweiz.

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Die ESC-Gewinner Måneskin aus Italien sind so wild gestylt wie diszipliniert. Ihre Botschaft: „Jeder kann das sein, was er will“.

Berlin. Die jungen Rolling Stones erschienen zu Interviews, wenn es schlecht lief, gar nicht, wenn es gut lief, Stunden zu spät. Dann unterhielten sie sich oft in einer Art Geheimsprache miteinander statt mit dem Interviewer.

Lou Reed verstand man auch oft nicht – weil er lallte. Prince dagegen sprach bei seinem ersten TV-Interview sehr deutlich – aber genau drei Wörter: „Ja“, „Nein“ und „Vielleicht.“

Wie viel angenehmer ist es im Jahr 2021, Rockstars zu interviewen. Man sitzt bei Mineralwasser in einer schicken, runtergekühlten Lounge der Plattenfirma mit Sicht über Berlin, und mit angekündigter, moderater Verspätung erscheinen dann Damiano (22), Victoria (21), Thomas (20) und Ethan (20).

Als Måneskin sorgten die jungen Römer, die sich schon aus der Schule kennen, für eine Sensation: Ein rotziger Glamrock-Titel aus Italien, „Zitti e Buoni“ („Halt die Klappe und benimm dich“), siegte beim Eurovision Song Contest, der bislang vor allem für Discodudelware, Balkan-Beats und Herzweh-Hymnen bekannt ist. In Italien sind sie längst Stars.

Platz 2 und 3 in den deutschen Singlecharts

Etwas müde sind sie, aber zugewandt und freundlich. Und so ganz können sie immer noch nicht fassen, was da gerade mit ihnen passiert. Während viele ESC-Sieger schon mit dem Abspann in Vergessenheit gerieten, sind Måneskin gerade mit zwei weiteren Songs auf Platz 2 und 3 der deutschen Singlecharts geschossen.

Statt mit Übermut reagieren sie darauf mit Dankbarkeit und Bescheidenheit: „Es war verrückt, hier in Berlin so viele Fans draußen zu sehen. Wir hatten vielleicht zehn erwartet, aber es kamen Hunderte.“

Nach den Interviews gaben Måneskin ein Konzert in einem Schwulenclub, das über Tiktok übertragen wurde. Und so haben sie auch den typischen Look der E-Boys und E-Girls, wie man die „elektronischen Kids“ nennt, deren Lieblingskanal ebenjenes Tiktok ist.

Die Kernidee dieses sozialen Netzwerks war es, die Nutzer eigene Musikvideos aufnehmen zu lassen – jeder ist ein Star. Der Geschlechtergrenzen gegenüber gleichgültige Modestil der E-Kids liegt zwischen Emo, japanischem Manga und 70er-Jahre-Glamrock, Hauptsache, die Augen sind düster geschminkt. Unbedingt sind sie „woke“, was so viel heißt wie, dass sie sensibel sind für Missstände.

Måneskin machen sich stark für die LGBT-Gemeinschaft

Auch Måneskin machen sich stark für die Rechte sexueller Minderheiten und helfen dem Interviewer sanft auf die Sprünge, als er mit den Buchstaben der LGBT-Gemeinschaft durcheinanderkommt. „Es ist unsere Botschaft, dass jeder das sein kann, was er sein will. Wenn wir uns klar positionieren, sehen die Fans, dass sie nicht allein sind und verstanden werden“, sagt Victoria.

Positionieren heißt aber nicht, sich selbst als „schwul“ oder „bisexuell“ oder etwas anderes zu bezeichnen. Denn auch das ist irgendwie von gestern. Alles fließt bei dieser Generation, überlagert sich und ist gleichzeitig möglich, wie im Internet, mit dem sie groß geworden sind.

Wo sich früher Punks und Popper die Köpfe einhauten, finden Måneskin es langweilig, in Genres zu denken. Damiano: „Wir wollen Italo-Pop nicht abschaffen, weil wir ihn auch mögen. Wir wollen nur etwas hinzufügen.“ „Etwas Pfeffer“, ergänzen die anderen. Auch Nationalität ist für sie keine Kategorie. Was an ihnen typisch italienisch ist? „Manche unserer Klamotten kommen aus Italien“, sagen sie.

Selbstoptimierung statt Selbstzerstörung

Kurz hatte es so ausgesehen, als wären die vier wirklich eine Skandaltruppe, nämlich als Sänger Damiano während des ESC gefilmt wurde, wie er sich über den Tisch beugte. Noch am selben Abend dementierte er, Kokain geschnüffelt zu haben, ein freiwilliger Drogentest fiel negativ aus.

Warum die Eile? Ein Hauch von Skandal kann doch einem Rockstar nur zuspielen, oder? Damiano sieht das anders: „Wir sind Profis, wir haben Respekt vor dem, was wir tun, und wir respektieren unsere Zuschauer. Um 100 Prozent geben zu können, muss man nüchtern und fokussiert sein. Also empfand ich den Vorwurf als ein bisschen beleidigend.“

Selbstoptimierung statt Selbstzerstörung – mit den drogenbenebelten Glamrockstars der 70er haben Måneskin nur den Sound und die Retro-Klamotten gemein.

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