Kommentare

#allesdichtmachen: Eine plumpe oder richtige Aktion?

| Lesedauer: 4 Minuten
Corona: Heftige Debatte um #allesdichtmachen Aktion

Corona: Heftige Debatte um #allesdichtmachen Aktion

Die Satire-Aktion #allesdichtmachen gegen die Corona-Politik erhitzt die Gemüter. Mit der Aktion kritisieren Schauspieler die Corona-Politik und ernten Empörung. Mehr dazu im Video.

Beschreibung anzeigen

Unter Hashtag #allesdichtmachen protestieren Schauspieler gegen die Corona-Regeln. Unsere Autoren bewerten die Aktion unterschiedlich.

Berlin. 
  • Unter dem Hashtag #allesdichtmachen haben sich mehr als 50 deutsche Schauspieler kritisch zu den Corona-Regeln geäußert
  • Mit der provokanten Aktion wollten sie zur Diskussion anregen und sorgten für viel Kritik
  • Unsere Kommentatoren haben unterschiedliche Meinungen zu dem Projekt

Pro: Die Empörung über #allesdichtmachen ist intolerant

Der Konformitätsdruck ist riesig. Abseits vom Mainstream droht Ungemach. Die politisch aseptische Meinung zur aktuellen Corona-Politik lautet: Macht alles dicht. Über 50 deutsche Künstler setzen sich unter dem Schlagwort #allesdichtmachen damit so auseinander, wie es Kunst darf und soll: eigenwillig, emotional, sarkastisch, provokant.

Auch in der Corona-Pandemie gibt es Komfortzonen: All die Leute mit Weißen-Kragen-Berufen im Homeoffice leiden auf hohem Niveau. Für andere bedeuteten die vergangenen Monate im Ergebnis ein Berufsverbot, wie die Geigerin Anne-Sophie Mutter sagt. Lassen wir das Geld beiseite: Was soll ein Theaterschauspieler ohne Publikum?

Lesen Sie hier: #allesdichtmachen-Initiator: „Wir leugnen Corona nicht“

Mit der Notbremse stellt sich die Frage, ob die Corona-Auflagen angemessen sind oder die Angst im Souffleurkasten die Stichworte gibt. Fast alle unsere Nachbarn in Europa haben höhere Inzidenzen und trotzdem gelernt, mit dem Virus zu leben, ohne ihre Gesellschaften endlos zu ersticken. Mit dem Virus leben heißt nicht: es zu leugnen.

Die Künstler können nichts für den Beifall der AfD. Der Hinweis auf die Igitt-Partei wirkt wie eine Schere im Kopf. Der Rest ist Schweigen.

Irgendwann wird man ein Stück über diese Zeit schreiben. Es wird davon handeln, wie dünn die Firnis der Liberalität ist. Die Empörung über #allesdichtmachen ist in­tolerant.

Contra: Als Satire getarnter AfD-Populismus

Volker Bruch fordert die Bundesregierung auf, ihm wieder mehr Angst vor der Corona-Pandemie zu machen. Jan Josef Liefers beglückwünscht die Medien dazu, die Corona-Maßnahmen nicht kritisch genug zu hinterfragen. Nina Gummich erzählt, dass sie ihre Meinung lieber für sich behält, weil Meinungsfreiheit zurzeit wirklich krass „unsolidarisch“ wäre.

Das ist alles ironisch gemeint. Aber Ironie hat auch immer einen wahren Kern, der sich hinter all der Überspitzung verbirgt. Legt man den frei, meint also der Schauspieler Volker Bruch, die Bundesregierung verbreitet absichtlich Angst.

Und der bekannte „Tatort“-Darsteller Liefers glaubt demzufolge, die Medien wären alle unkritisch, hätten sich abgesprochen und gäben nur eine Wirklichkeit wieder. Und glaubt man Frau Gummich, dann kann man in Deutschland zurzeit seine Meinung nicht frei äußern.

Wer sich jetzt an Parolen der AfD erinnert fühlt, der täuscht sich nicht. Diese Videos sind platter Populismus – getarnt hinter dem argumentativen Versteckspiel der Ironie und Satire.

Lesen Sie auch: Bundes-Notbremse: Wie geht es für die Schulen weiter?

Die Schauspieler wollten mit ihrer Kunst der Darstellung offenlegen, was in Deutschland gerade nicht stimmt. Über das, was dabei herausgekommen ist, erschrecken sich einige der Darsteller inzwischen wohl selbst. Sie haben sich von ihrem Aufruf zu – ja, zu was eigentlich gleich noch mal: zu mehr Wachsamkeit, zum Aufstehen, zum Widerstand gegen die Corona-Regeln? –, jedenfalls von ihrem total missglückten politischen Videoprojekt distanziert.

Interessant ist die Frage, warum sie jetzt erst bemerken, was sie da für Parolen verbreiten. Die Videos sind so aufwendig produziert, dass die Vorbereitung Wochen oder vielleicht sogar Monate gedauert haben muss. Vielleicht ist ihnen erst beim Jubel von rechts – der AfD und Anhängern von Verschwörungstheorien – aufgegangen, wessen Gedankengut sie da aufgesessen sind.

Das war also nicht schlau. Jeder darf seine Meinung in Deutschland sagen, aber er muss auch damit rechnen, dass andere das auch tun.