Psychologie

Alltag mit Angst und Stress: Darum macht Corona aggressiv

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Petra Koruhn
Weltweit jetzt mehr als drei Millionen Corona-Tote

Weltweit jetzt mehr als drei Millionen Corona-Tote

Die Zahl der weltweiten Corona-Todesopfer seit Beginn der Pandemie hat einer Zählung der Nachrichtenagentur AFP zufolge am Samstag die symbolische Marke von drei Millionen überschritten. Wie AFP unter Berufung auf die Gesundheitsbehörden meldet, stieg die tägliche Todesrate weltweit zuletzt wieder an.

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Corona-Angst im Alltag. Angstforscher Professor Borwin Bandelow erklärt, warum Menschen in der Pandemie häufig aggressiv reagieren.

Berlin. In Corona-Zeiten spielt die Angst eine zentrale Rolle: Angst vor dem Virus, Angst vor der Krankheit, Angst vor Impfung. Doch das Leben mit der Pandemie hat die Menschen verändert, so Bestseller-Autor und Angstforscher Prof. Borwin Bandelow von der Uni Göttingen.

Sie sagen, dass die Menschen jetzt nicht mehr so viel Angst wie ganz am Anfang der Pandemie

Borwin Bandelow: Die Angst ist oft auch etwas sehr Irrationales. So hatten die Menschen zu Beginn der Pandemie erheblich größere Angst, an Corona zu sterben, als vor bekannten Gefahren, wobei dann ausgeklammert wird, dass es ja auch Tausende Tote durch Krebserkrankungen oder sogar durch Freizeitunfälle gibt. Die Panik des Anfangs war dann bald verflogen. Man gewöhnte sich sozusagen daran.

Experte: Psychiater haben während Corona weniger zu tun

Hat Corona die Zahl der psychischen Erkrankungen in die Höhe getrieben?

Borwin Bandelow: Dazu gibt es keine wirklich belastbare Zahlen. Die Psychiater haben sogar – wegen Corona - weniger Besuche als vorher. Psychiatrische Beratungen über Videoschalten werden nicht wirklich gut angenommen. Der Mensch verfügt über eine große Resilienz. Er ist also extrem widerstandsfähig. Diese Fähigkeit ist angeboren. Wir können dank dieser Resilienz gut mit Gefahren umgehen. Zum Beispiel macht es uns keine Angst, ins Auto zu steigen, obwohl wir wissen, dass Autofahren gefährlich, sogar tödlich sein kann.

Man beobachtet in diesen Zeiten eine Zunahme der Aggressivität – ob im Supermarkt oder auf der Straße. Macht Angst aggressiv?

Bandelow: Ja, Angst macht aggressiv. Weil sie uns hilflos macht. Es entsteht ein Gefühl des Ausgeliefertseins. Evolutionär würde der Mensch bei Angst kämpfen oder flüchten. Aber das hilft hier natürlich nicht. Die Angst ist zwischen dem 30 und 50. Lebensjahr am stärksten ausgeprägt. Da gibt es mehr Angsterkrankungen als in anderen Lebensabschnitten. Menschen über 60 Jahre haben so viel Erfahrung. Sie wissen, dass man auch in schwierigen Situationen doch noch die Kurve kriegt. Sie haben in der Regel ein großes Zutrauen zu sich selbst.

Am Anfang der Krise gab es die meisten Corona-Witze

Hilf Humor in der Krise?

Bandelow: Humor tritt meistens am Anfang einer Krise auf. Zum Beispiel gab es am Anfang der Pandemie die meisten Corona-Witze. Humor hilft natürlich. Er schafft Gelassenheit und Ruhe. Und zeigt Auswege, dass das Leben eben noch Auswege bietet aus dem Jammertal.

Wie läuft das im Kopf ab mit der Angst?

Bandelow:Es gibt ein Vernunftgehirn und ein Angstgehirn. Das Angstgehirn ist ein altes Überlebensgehirn, das in Krisensituationen aus dem Keller hervorgeholt wird. Es kann nicht mit Zahlen und Fakten umgehen. Zum Beispiel zu begreifen, was die prozentuale Häufigkeit einer Sinus-Venenthrombose bei Astrazeneca genau bedeutet. Chancen-Abwägung, dazu ist das Vernunfthirn da. Aber das wird ein wenig durch das Angsthirn blockiert. Nehmen wir die Querdenker. Das sind keine Menschen, die ihr Vernunfthirn nutzen. Sie sind, auch wenn sie noch sehr mit Schlagwörtern um sich werfen, eher überängstliche Typen. Wenn man denkt: „Corona gibt‘s gar nicht“, dann wird das Angstgehirn beschwichtigt. Dazu muss allerdings das Vernunfthirn komplett ausgeblendet werden.

Viele macht es nervös, dass jeder Wissenschaftler etwas anderes sagt. Das erzeugt auch Angst, oder nicht?

Bandelow:Man muss eben auch aushalten können, dass Wissenschaftler unterschiedlichen Meinungen haben. Das ist nun mal Wissenschaft. Das Denken in Wahrscheinlichkeiten können viele, die sich nur auf ihr Angsthirn verlassen, einfach nicht leisten. Man muss auch mit Widersprüchen umgehen können, sie einordnen können und wissen, dass es keine endgültigen Wahrheiten gibt.

Zur Person:

Prof Borwin Bandelow ist Psychiater und Neurologe, Psychologe und Psychotherapeut. Er ist Senior Scientist an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen. Borwin Bandelow ist ein Experte für Angsterkrankungen und Autor mehrerer Bestseller über psychologische Themen.