Polizeigewalt

Mutmaßlicher Übergriff: 11-Jähriger in Handschellen

| Lesedauer: 3 Minuten
Theresa Martus
Ein Polizist mit Handschellen und Pistole am Gürtel.

Ein Polizist mit Handschellen und Pistole am Gürtel.

Foto: dpa

Polizisten in Singen sollen einen 11-jährigen Sinto in Handschellen gelegt und festgenommen haben. Die Familie hat Anzeige erstattet.

Singen. Im baden-württembergischen Singen (Hohentwiel) sollen Polizeibeamte einen 11-jährigen Jungen mit Handschellen gefesselt und festgenommen haben. Erst auf der Polizeiwache sollen dem Jungen die Handschellen wieder abgenommen worden sein, bevor er nach Hause gehen konnte. Die Familie vermutet einen antiziganistischen Hintergrund – der Junge ist Sinto.

Der Vorfall soll sich am vergangenen Samstag zugetragen haben. Mehrere Kinder, so schreibt es der Verband der Deutschen Sinti und Roma in einem Statement auf seiner Website, spielten vor dem Haus ihrer Großmutter, als zwei Polizeibeamte kamen und sie kontrollierten.

Singen: 11-Jähriger in Handschellen genommen

Nach der Kontrolle gingen die Beamten weg, kurz darauf sollen zwei neue Beamte erschienen sein und die Kinder erneute kontrolliert haben. Einer der Polizisten soll dabei den 11-jährigen Tiziano L. in „gebrochenem Romanes“ angesprochen und auch bedroht haben, wie der Verband schreibt. Romanes ist eine Sprache, die viele Sinti und Roma sprechen.

„Während die Beamten da standen, sollen die Handys der Kinder geklingelt haben“, sagt Anwalt Mehmet Daimagüler, der die Familie juristisch vertritt, dieser Redaktion. Die Mutter und der Vater eines der Cousins hätten angerufen, weil die Kinder zum Essen kommen sollten. „Die Familien waren nicht weit weg, man hätte einfach rübergehen können.“

Stattdessen sollen die Beamten den Kindern verboten haben ans Handy zu gehen, den 11-Jährigen in Handschellen gelegt und mitgenommen haben. „Warum ist völlig unklar“, sagt Daimagüler.

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Handschellen wohl erst auf Polizeiwache abgenommen

„Mit körperlicher Gewalt“, so der Verband, sei das Kind auf den Rücksitz des Polizeiwagens gesetzt worden. Als der Junge darauf hingewiesen habe, dass er Asthma habe und nach einem Unfall drei angebrochene Rippen, soll eine Polizeibeamtin „Halt die Schnauze“. Erst auf der Polizeiwache sollen die Handschellen demnach abgenommen worden sein. Der Junge sei dann allein nach Hause geschickt worden.

„Allein das Kind auf die Wache mitzunehmen ohne den Eltern Bescheid zu geben, verstößt schon gegen zahlreiche Regelungen“, so Anwalt Daimagüler. Mit der Anwendung von Handschellen kämen möglicherweise noch eine Reihe von Straftatbeständen dazu, darunter Nötigung im Amt und Freiheitsberaubung im Amt. „Wir haben explizit auch wegen Beleidigung Strafanzeige gestellt, weil ein Beamter etwas gesagt haben soll wie ‚die Zigeuner kennen wir‘“, so der Jurist.

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Verbands Deutscher Sinti und Roma fordert Aufklärung

Bei der zuständigen Polizeibehörde äußert man sich zurückhaltend. Man kenne den Fall nur aus Presseberichten, schreibt ein Sprecher des zuständigen Polizeipräsidiums Konstanz auf Anfrage. Bis zum Eingang einer Beschwerde und genauer Prüfung des Sachverhalts könne man deshalb keine weiteren Angaben machen.

„Wir fordern eine vollständige Aufklärung dieses Übergriffs“, sagt Daniel Strauß, Vorstandsvorsitzender des Verbands Deutscher Sinti und Roma in Baden-Württemberg.

Man werde sich deshalb Innenminister Thomas Strobl (CDU) und die Koordinatorin des Rates für die Angelegenheiten der deutschen Sinti und Roma in Baden-Württemberg wenden, Staatsministerin Theresa Schopper (Grüne).

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