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Corona-Pandemie: Diese EU-Länder lockern die Maßnahmen

| Lesedauer: 6 Minuten
Michael Backfisch, Bettina Gabbe, Ulrich Krökel und Stefan Schocher
Merkel bekräftigt: Impfangebot für alle im Sommer

Merkel bekräftigt: Impfangebot für alle im Sommer

Trotz der Lieferengpässe bei den Corona-Impfstoffen versprechen Bund und Länder jedem Bürger ein Impfangebot bis zum Ende des Sommers. Ein "nationaler Impfplan" soll für eine bessere Organisation beim Impf-Management sorgen.

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Italien, Österreich und Polen lockern die Corona-Maßnahmen - trotz hoher Infektionszahlen. Wie handeln die EU-Länder? Ein Überblick.

Berlin. In Europa gibt es zwei Corona-Welten: Länder wie Deutschland pochen nach wie vor auf die Einhaltung von Beschränkungen. Länder wie Italien, Österreich oder Polen lockern bereits, obwohl sie bei wichtigen Werten schlechter als Deutschland liegen. So schwört die Kanzlerin die Bundesbürger auf weitere harte Wochen ein.

Erst am Mittwoch kommender Woche soll entschieden werden, ob der Lockdown mit geschlossenen Restaurants und Schulen über den 14. Februar hinaus verlängert wird. Angela Merkels Mantra ist die Sieben-Tage-Inzidenz: Erst wenn es weniger als 50 Neuansteckungen mit Sars-CoV-2 pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche gebe, sei Entspannung möglich, betont sie.

Die strikten Maßnahmen zeigen indes Wirkung. Die Sieben-Tage-Inzidenz, die Ende letzten Jahres in Deutschland noch bei knapp 200 gelegen hatte, sank am Dienstag auf 90. Auch die Werte der 14-Tage-Inzidenz nehmen allmählich ab (siehe Grafik). Die Zahl der Neuinfektionen ging auf 6114 zurück, 861 Todesfälle wurden verzeichnet. Italien und Österreich weisen auf die Bevölkerung gerechnet größtenteils negativere Werte auf. Dennoch fahren sie sukzessive die Corona-Blockaden zurück. Mit welcher Begründung? Ein Überblick:

Corona: Italien lockert Beschränkungen

Seit Wochenbeginn atmen viele Italiener spürbar auf. Wegen sinkender Fallzahlen wurden in 16 von 20 Regionen die Corona-Beschränkungen gelockert. Bars servieren wieder den morgendlichen Espresso und den abendlichen Aperitif, zumindest bis 18 Uhr. Auch Restaurants haben ihre Türen wieder für Gäste geöffnet, anstatt nur Speisen für den Verzehr zu Hause einzupacken. An Schulen gibt es wieder Präsenzunterricht, in Museen Publikumsverkehr. Diese Lockerungen gelten für die 16 Regionen, die im italienischen Ampelsystem auf Gelb geschaltet sind.

Die Corona-Zahlen haben sich während des Lockdowns auch in Italien verbessert, kommen aber nicht an das Niveau in Deutschland heran. So beträgt die Sieben-Tage-Inzidenz trotz monatelanger Beschränkungen 140, während sie in Deutschland bei 90 liegt. Die Regierung in Rom berücksichtigt bei der Frage von Lockerungen nicht nur die Sieben-Tage-Inzidenz.

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Die Einteilung in die unterschiedlichen Risikokategorien folgt rund 20 Kriterien. Dabei geht es auch um die Möglichkeit der Nachverfolgung der Neuinfektionen, die Auslastung des Gesundheitssystems oder die erwartete Entwicklung der Fallzahlen. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen sank von 30.000 im Oktober auf derzeit rund 13.000. Auch in den Krankenhäusern gibt es leichte Signale der Entspannung. Weniger als 30 Prozent der rund 8000 Betten auf Intensivstationen sind mit Corona-Kranken belegt.

Österreich: Schulen und Geschäfte öffnen wieder

Die Alpenrepublik lockert, obwohl die Zielmarke nicht erreicht wurde. Ursprünglich hatte Österreich wie Deutschland eine Sieben-Tage-Inzidenz von 50 angepeilt. Doch nun werden die harten Corona-Maßnahmen abgebaut, obwohl sich die Wocheninzidenz knapp über 100 bewegt. Ab dem 8. Februar sollen Schulen, Museen und Geschäfte wieder öffnen dürfen. Dazu soll es regelmäßige Corona-Tests und ein Rotationssystem für ältere Schüler geben. Bundeskanzler Sebastian Kurz begründete den Lockerungsreigen so: Die Kinder hätten das Bedürfnis, wieder in die Schule zu gehen. Zudem dürfe die Wirtschaft nicht abgewürgt werden, die Arbeitslosigkeit nicht ausufern.

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In Museen und Geschäften müssen medizinische Masken getragen werden. Wer zum Friseur geht, steht in der Pflicht, einen negativen Corona-Test vorzuweisen. Treffen von Menschen aus mehr als zwei Haushalten sollen künftig erlaubt werden. Die Regierung wolle die Situation in zwei Wochen erneut bewerten und über mögliche Öffnungen von Restaurants und Cafés entscheiden, so Kurz. Derzeit kommt Österreich auf rund 1000 Neuinfektionen pro Tag. Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle, Mitte November, waren es mehr als 9000 Neuansteckungen.

Corona: Einreisebedingungen in Österreich verschärft

Gleichzeitig verschärft Österreich die Bedingungen bei der Einreise. Künftig muss jeder an der Grenze einen negativen Covid-19-Test vorlegen. Das gilt auch für Pendler, die bislang davon ausgenommen waren. Für alle anderen wird eine zwingende Quarantäne von zehn Tagen vorgeschrieben. In Skigebieten soll künftig verstärkt kontrolliert werden.

Vor allem die Hotellerie in diesen Regionen hatte zuletzt in großer Zahl Wege zur Umgehung der Maßnahmen gefunden. Da konnte man vom Forschungsaufenthalt über die Anmeldung eines Zweitwohnsitzes bis zum Skikurs für Anfänger alles buchen. Mit weitreichenden Folgen: Vor allem in Tirol und Salzburg gab es zum Teil große Cluster mit der britischen, aber auch der südafrikanischen Sars-CoV-2-Mutation.

Polen: So ist die Corona-Lage in Deutschlands Nachbarland

Die Corona-Revolte blieb erfolglos. In Polen protestierten zu Jahresbeginn immer wieder Gastwirte, Restaurantbesitzer und Hoteliers gegen die Schließung ihrer Betriebe. Einige von ihnen verstießen dabei bewusst gegen die Regeln des Teil-Lockdowns, der seit Anfang November gilt.

Als Erste öffnen dürfen aber nun, da die Infektionszahlen sinken, andere: Seit dem 1. Februar sind Geschäfte in Einkaufszentren wieder geöffnet, selbst wenn ihr Angebot über den täglichen Bedarf hinausgeht. Öffnen dürfen ebenso Museen, Kunstgalerien und Sportanlagen. „Die Zahlen lassen das zu“, erklärt Gesundheitsminister Adam Niedzielski.

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Corona-Lage in Polen entspannt sich

Damit interpretiert er die Lage optimistischer als etwa die Bundesregierung. Denn zumindest bei der Sieben-Tage-Inzidenz liegt Polen mit 99,8 derzeit noch über dem deutschen Wert von etwa 90. Allerdings hat sich die Lage im Vergleich zum polnischen Novemberhoch (473) deutlich entspannt. Am Dienstag meldete das Gesundheitsministerium in Warschau rund 2500 Neuinfektionen – weniger als ein Zehntel des Rekordwertes vom 7. November (27.875).

„Wir können die Geschäfte wieder öffnen, denn dort begegnen sich Menschen nur kurz. Außerdem tragen sie Masken“, sagt Gesundheitsminister Niedzielski. Das sei in Cafés und Kneipen, Restaurants oder Diskotheken nicht der Fall. Und die Schulen? Die Klassen eins bis drei sind im Teil-Lockdown fast durchgängig im Präsenzunterricht geblieben. Ab Klasse vier heißt es dagegen: warten.