Faktencheck

Tote nach Corona-Impfung? Das ist dran an Impfstoff-Mythen

| Lesedauer: 8 Minuten
Daran erkennen Sie Verschwörungsmythen

Man hört eine absurde Nachricht und weiß erstmal nicht so recht, was man damit anfangen soll. Dieses Video hilft Ihnen dabei, falsche Nachrichten und Verschwörungsmythen zu enttarnen.

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Kann man am Corona-Impfstoff sterben? Oder nach der Impfung unfruchtbar werden? Wir klären auf, was es mit den Mythen auf sich hat.

Berlin. 
  • In Deutschland wird gegen das Coronavirus geimpft – über 3,5 Millionen Menschen haben bereits eine Immunisierung erhalten
  • Die verwendeten Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca wurden in Rekordzeit entwickelt
  • Viele Menschen haben deswegen Angst vor Nebenwirkungen und Langzeitfolgen
  • Wir überprüfen die bekanntesten Gerüchte auf ihren Wahrheitsgehalt - Impfstoff-Mythen im Faktencheck

Können nach einer Corona-Impfung Unfruchtbarkeit, Veränderungen des Erbguts und im schlimmsten Fall der Tod drohen? Die Vakzine gibt es erst seit einigen Wochen, doch schon jetzt ranken sich zahlreiche Mythen um die Spritze. Die Impfbereitschaft in Deutschland wächst jüngsten Umfragen zufolge trotzdem.

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Viele Menschen haben allerdings Bedenken, weil es den Corona-Impfstoff erst so kurze Zeit gibt. Erkenntnisse zu Langzeitfolgen liegen noch nicht vor. Inzwischen gibt es vereinzelt Berichte über Todesfälle kurz nach Corona-Impfungen, die ohne weitere Informationen verunsichernd sein können. Doch haben sie wirklich mit dem Vakzin zu tun? Die größten Impfstoff-Mythen im Faktencheck. Auch interessant: Corona-Quarantäne - Länder planen Zwangseinweisungen bei Verstößen

Corona-Mythos: Kann die Impfung zu Unfruchtbarkeit führen?

Mythos: Durch die Corona-Impfstoffe könnten Frauen unfruchtbar werden. Sie seien dann nicht mehr in der Lage, Kinder zu bekommen.

Tatsache: Falsch. Die Corona-Impfstoffe führen nicht zu Unfruchtbarkeit.

  • Häufig wird bei der Behauptung die Argumentation auf die vermeintliche Ähnlichkeit zwischen dem sogenannten Spike-Protein des Coronavirus, mit dem der Erreger an menschliche Zellen andockt, und dem körpereigenen Protein namens Syncytin-1 gestützt.
  • Syncytin-1 ist bei gebärfähigen Frauen etwa für die Bildung der Plazenta verantwortlich, über die der Nachwuchs in der Gebärmutter seine Nährstoffe erhält.
  • Die Unfruchtbarkeitsthese lautet fälschlicherweise: Wenn der Körper nach einer Impfung eine Immunabwehr gegen das Corona-Spike-Protein bildet, weite sich diese Reaktion zugleich auch auf Syncytin-1 aus und verhindere so die Bildung der Plazenta. Lesen Sie hier: Corona-Impfrechner - Wann kann ich mich impfen lassen?

Expertin über Corona-Impfstoff: "Kreuzreaktion im Grunde unmöglich"

Jedoch liege überhaupt keine besondere Ähnlichkeit zwischen den beiden Proteinen vor, so „dass eine Kreuzreaktion des Impfstoffs im Grunde unmöglich ist“, sagte die Leiterin der Forschungsgruppe Biochemie und Bioorganische Chemie an der Universität Leipzig, Annette Beck-Sickinger, der „Freien Presse“.

Lars Dölken, Professor für Virologie und Immunbiologie der Universität Würzburg, sagte der Deutschen Presse-Agentur (dpa): Selbst wenn beide Proteine Ähnlichkeiten aufweisen würden, könne man nicht schlussfolgern, dass die körpereigenen Abwehrkräfte gegen das Coronavirus auch das Protein Syncytin-1 angriffen.

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Wenn es tatsächlich zu einer solchen erweiterten Reaktion käme, müsste auch eine Covid-Erkrankung schädliche Auswirkungen auf Schwangere haben, so Dölken. Der Körper bildet bei einer Infektion schließlich dieselben Abwehrmechanismen wie nach einer Impfung. In Sars-CoV-2-Studien konnten allerdings weder eine erhöhte Zahl an Fehlgeburten noch Komplikationen in der Schwangerschaft beobachtet werden.

Führt die Corona-Impfung zur Veränderung des Erbguts?

Mythos: Bei einer mRNA-Impfung kommt es zu Genveränderungen.

Tatsache: Dass es bei mRNA-Impfungen zu Genveränderungen kommt, ist ausgeschlossen. Klassische Impfstoffe wie etwa gegen Grippe beinhalten häufig abgetötete oder geschwächte Viren oder Teile davon. Die Corona-Mittel von Biontech und Moderna funktionieren hingegen erstmals über die sogenannte mRNA ( „m“ bedeutet „messenger“, „RNA“ „Ribonukleinsäure“).

  • Injiziert werden keine abgetöteten Sars-CoV-2-Erreger, sondern eine Art Bauanleitung für einen Bestandteil des Virus – das Botenmolekül mRNA.
  • Daraufhin stellen die Körperzellen Teile des Viren-Hüllproteins (Spike-Protein) selbst her.
  • Gegen dieses entwickelt das Immunsystem dann wiederum bestimmte Faktoren, so dass es bei einem späteren Kontakt mit dem Coronavirus die Struktur des Proteins wiedererkennen und den Erreger gezielt abwehren kann.

Corona-Impfung: RNA wird nicht in die menschliche DNA eingebaut

Die Informationen der RNA kann dabei nicht in die menschliche DNA eingebaut werden. Verhindert wird dies allein schon durch die unterschiedliche chemische Struktur von mRNA und DNA. Zudem kann die mit der Impfung aufgenommene mRNA gar nicht die Zellkerne erreichen, in denen das Erbgut in Form von DNA lagert. Die Botenmoleküle wandern nur ins Zellplasma, wo sie abgelesen und schnell abgebaut werden – und zwar so rasch, dass es lange als ausgeschlossen galt, sie überhaupt therapeutisch nutzen zu können. Lesen Sie auch: Probleme bei Astrazeneca - 60 Prozent weniger Corona-Impfstoff für die EU

Zwar hatten jüngst US-Forscher herausgefunden, dass in sehr seltenen Fällen und unter extremen Umständen einer Corona-Infektion womöglich kleine Erbgut-Schnipsel des Virus in die menschliche DNA gelangen könnten. Ihre bislang noch nicht geprüfte Vorabveröffentlichung behandelt jedoch keine Impfstoffe. „Völlig ausgeschlossen wird jedoch sein, dass der RNA-Impfstoff in DNA umgeschrieben und integriert wird“, betonte seinerzeit etwa Joachim Denner vom Robert Koch-Institut (RKI) hinsichtlich der US-Studie.

Corona-Impfung – Mehr zu den Impfstoffen:

Tod durch Corona-Impfung: Kann man an dem Impfstoff sterben?

Mythos: Bei Testläufen starben sechs Menschen durch den Biontech-Impfstoff. Auch nach der Zulassung des Impfstoffs sind in Deutschland mehrere Leute gestorben, kurz nachdem sie gegen Corona geimpft wurden.

Tatsache: Die Wahrscheinlichkeit, durch eine Corona-Impfung zu sterben, ist minimal. An der Phase-3-Studie von Biontech haben insgesamt 43.448 Menschen teilgenommen. Sechs Teilnehmer starben im Studienzeitraum zwischen Ende April und Mitte November 2020 – allerdings nicht wegen der Impfung. Mehr zum Thema: Impfpflicht und weitere Corona-Verschwörungstheorien im Faktencheck

„Alle Todesfälle stellen Ereignisse dar, die in der allgemeinen Bevölkerung der Altersgruppen, in denen sie auftraten, mit einer ähnlichen Rate vorkommen“, so die für die US-Zulassung des Präparats zuständige Behörde FDA. Auch die europäische Zulassungsbehörde EMA sieht „keinen Zusammenhang“ der Fälle: „ Andere Vorerkrankungen waren eher die Todesursache.“

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Corona-Impfstudie: Tote erhielten Placebo

  • Vier der Toten in der Studie hatten gar nicht den Impfstoff erhalten, sondern ein Placebo.
  • Sie starben beispielsweise an alterstypischen Krankheiten wie einem Infarkt oder einem Schlaganfall.
  • Einer der beiden Toten aus der Testgruppe, die den Impfstoff erhielt, erlitt rund zwei Monate nach dem zweiten Pikser einen Herzinfarkt. Der zweite hatte diverse Vorerkrankungen.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hatte schon vor der EU-Zulassung des Biontech-Präparats darauf hingewiesen, dass aufgrund der statistischen Wahrscheinlichkeit „Menschen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung versterben werden“ – etwa weil zuerst „ die alten und hochaltrigen Menschen“ geimpft werden, die allgemein ein höheres Sterberisiko aufweisen.

Zehn Todesfälle nach Corona-Impfungen: Zusammenhang unwahrscheinlich

Auch bei den bundesweit bis Donnerstag zehn gemeldeten Todesfällen kurz nach einer Corona-Impfung halten Experten des Paul-Ehrlich-Instituts einen Zusammenhang mit der Immunisierung für unwahrscheinlich. „Aufgrund der Daten, die wir haben, gehen wir davon aus, dass die Patienten an ihrer Grunderkrankung gestorben sind – in zeitlich zufälligem Zusammenhang mit der Impfung“, sagte Brigitte Keller-Stanislawski vom Institut.

(raer/dpa)

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