Triage

Klinikdirektor berichtet von Triage bei Corona-Patienten

| Lesedauer: 5 Minuten
Tobias Eßer
Das Triage-System: Wenn Ärzte schwere Entscheidungen treffen müssen

Das Triage-System- Wenn Ärzte schwere Entscheidungen treffen müssen

Deutschlands Gesundheitssystem kommt mit der Coronakrise an seine Grenzen. Sachsen ist das erste Bundesland Ende 2020 welches bestätigt hat, nach dem Triage-System entschieden zu haben. Wenn die Betten zu voll sind und die Beatmungsgeräte knapp werden, muss vom ärztlichen Personal entschieden werden, welchem Patienten Sauerstoff gegeben wird.

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In einer Klinik in Sachsen soll es mehrfach zur Triage gekommen sein, berichtet ein Arzt. Nun reagiert Ministerpräsident Kretschmer.

Zittau. 
  • Was passiert, wenn alle Intensivkapazitäten ausgeschöpft sind, ist in einer Klinik in Sachsen bereits Realität geworden
  • Nicht zum ersten Mal wurde dort die Triage angewandt
  • Die Klinik äußert sich jetzt, wie es dazu gekommen ist
  • Auch Ministerpräsident Michael Kretschmer äußerte sich nun dazu

Der ärztliche Direktor des Klinikums Oberlausitzer Bergland, Dr. Mathias Mengel, hat bei einer öffentlichen Veranstaltung gesagt, dass Ärzte in seiner Klinik in den letzten Wochen mehrfach triagieren mussten. Als Triage bezeichnet man die Entscheidung darüber, welchen Patientinnen und Patienten medizinisch bevorzugt geholfen wird, wenn die Kapazitäten knapp sind. Lesen Sie hier: Was ist Triage? So entscheiden Ärzte über Leben oder Tod.

In der Klinik sei entschieden worden, welche Patienten beatmet werden und welche nicht. In einer öffentlichen Zoom-Veranstaltung zur Corona-Situation in der Oberlausitz hatte Mengel am Dienstagabend gesagt, dass in seiner Klinik die Entscheidung getroffen wurde, weil nicht genügend Beatmungsbetten zur Verfügung standen.

Intensivbetten: Triage sei mehrfach vorgekommen, berichtet Mathias Mengel

Gegenüber t-online.de bestätigte Mathias Mengel: „Wir waren in den vergangenen Tagen schon mehrere Male in der Situation, dass wir entscheiden mussten, wer beatmet wird und wer nicht.“ In entsprechenden Situationen entscheide ein kleines Team kurzfristig darüber. Ebenfalls werde versucht, die Patienten, für die es keine Versorgung gibt, in ein anderes Krankenhaus zu verlegen.

„Aber wir sind im Epizentrum“, so Mengel weiter gegenüber t-online. „Manche Häuser nehmen gar nicht mehr auf.“ Die Entscheidung könne auch bedeuten, dass es für einen nicht verlegungsfähigen Patienten dann keine entsprechende Hilfe mehr gebe.

Klinik kann Mengels Aussagen nicht dementieren

Eine Sprecherin des Krankenhauses erklärte in einer Mitteilung die Situation, ohne die Aussagen des Klinikdirektors zu dementieren. „Wir haben [...] insgesamt maximal 100 Betten für die Versorgung der Covid-Patienten“, schreibt sie zu den an den beiden Standorten des Klinikums eingerichteten Infektionsstationen. „Davon sind in Spitzenzeiten schon um die 85 belegt worden“. Allerdings sei durch „zunehmende Personalausfälle“ die Kapazitätsgrenze „deutlich unter 100 gesunken“, denn es gebe zwar Zimmer und Betten, aber nicht ausreichend verfügbares Personal.

Weiter heißt es: „Zusätzlich steht die hochmoderne intensivmedizinische Betreuung zur Verfügung, die aber aufgrund der erforderlichen Betreuungsschlüssel und Bettenkapazitäten an die Grenzen des Leistbaren stößt.“ Die Ärztinnen und Ärzte am Klinikum Oberlausitzer Bergland entschieden über die „für Patienten erforderlichen Maßnahmen und die individuellen Behandlungsnotwendigkeiten. Alle Patienten, die in unsere Krankenhäuser kommen, erhalten die bestmögliche Therapie.“

Corona-Lage in Sachsen ist prekär

Patienten, die aufgrund fehlender Betten nicht künstlich beatmet werden können, müssen trotzdem „angemessen (weiter-)behandelt“ werden: So sehen es die Handlungsempfehlungen vor, die die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) im April veröffentlicht hat, um auf eine eventuell prekäre Lage in deutschen Krankenhäusern vorbereitet zu sein.

Prekär ist die Lage in Sachsen nun allemal. Gerade der Landkreis Görlitz, in dem Zittau liegt, ist einer der am schwersten betroffenen Corona-Hotspots Deutschlands mit 533 Neuinfektionen in den letzten sieben Tagen auf 100.000 Einwohner. Damit gehört Görlitz zu den sieben deutschen Landkreisen mit der höchsten Corona-Inzidenz.

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Sachsens Intensivbetten werden knapp

Auch die freien Betten auf den Intensivstationen werden in Sachsen knapp. Nur noch 13 Prozent davon sind frei – weniger sind es nur in Berlin (elf Prozent) und Hessen (zwölf Prozent). Laut Deutschlandfunk-Journalist Alexander Moritz habe Mengel im Online-Bürgerforum auch von Überlegungen berichtet, Patienten in andere Bundesländer auszufliegen.

Ein vereinbartes Interview, das diese Redaktion mit Mathias Mengel Mittwochmorgen zu dem Thema führen wollte, wurde kurzfristig abgesagt.

Triage ist gesetzlich nicht geregelt

Eine gesetzliche Regelung zur Triage gibt es bislang nicht. Im Ernstfall können sich Ärztinnen und Ärzte neben ihrer Praxiserfahrung nur auf die Handlungsempfehlungen mehrerer medizinischer Fachgesellschaften verlassen, wie etwa die der DIVI.

Interaktiv:Corona-Krise – So ist die Lage auf Deutschlands Intensivstationen

Laut den Empfehlungen sollen Patienten nicht am Beatmungsgerät behandelt werden, bei denen „keine oder nur eine sehr geringe Erfolgsaussicht besteht“. Entscheidungen für oder gegen Patienten sollten wenn möglich nicht von einem, sondern mehreren Medizinern mit intensivmedizinischer Erfahrung getroffen werden.

„Die Wortmeldung aus Zittau ist ein Hilferuf“, sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Der Arbeitsalltag in deutschen Krankenhäusern sei „extrem angespannt“. Schutzmaßnahmen machten die Arbeit schwieriger, es gebe Personalausfall wegen Erkrankungen oder Quarantäne.

„Ich bin Bundesministerin Annegret Kramp-Karrenbauer für ihre Zusage dankbar, dass die Bundeswehr auch über den Jahreswechsel hinaus weiter im Krankenhaus helfen wird“, so Kretschmer. Am Mittwoch hatte er im Landtag erklärt, dass derzeit in Sachsen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie rund 700 Soldaten der Bundeswehr im Einsatz seien. Zudem sollen in den nächsten Wochen verstärkt niedergelassene Ärzte für die Versorgung eingebunden werden.

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