Pandemie

R-Wert unter 1,0 – Kommt nun die Corona-Trendwende?

| Lesedauer: 6 Minuten
Julia Emmrich
Videografik: R-Wert gibt Aufschluss über Ansteckungsrate

Videografik- R-Wert gibt Aufschluss über Ansteckungsrate

Die Basisreproduktionszahl R0 gibt an, wie viele Menschen von einer infektiösen Person durchschnittlich angesteckt werden. Liegt der Wert unter eins, sinkt die Zahl der Infizierten, die Epidemie kommt dann zum Erliegen.

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Entspannung in der Corona-Krise? In den vergangenen Tagen ist der R-Wert unter 1,0 gesunken. Das allein bedeutet aber keine Trendwende.

Berlin. 
  • Trotz des erneuten Lockdowns liegen die Corona-Zahlen in Deutschland noch immer auf einem hohen Niveau
  • Derweil ist die Reproduktionszahl (R-Wert) wieder unter 1 gesunken
  • Wir zeigen, was die aktuellen Zahlen bedeuten und wie die aktuelle Corona-Lage in Deutschland ist

Ist das schon der erste Hoffnungsstreifen am Horizont? Am Dienstag meldete das Robert Koch-Institut (RKI) erstmals seit Wochen wieder einen R-Wert unter der kritischen Marke von 1,0. Das heißt: Das exponentielle Wachstum macht eine Pause, zehn Infizierte stecken weniger als zehn andere an.

Sollte sich daraus ein Trend entwickeln, wäre das ein erster Erfolg für die harten Corona-Maßnahmen der letzten Tage. Doch der R-Wert ist nicht der einzige Faktor, auf den die Kanzlerin und die Länderchefs schauen, wenn sie am 16. November darüber entscheiden, ob die aktuellen Lockdown-Regeln ausreichen. Welche Faktoren sind jetzt wichtig?

1. Corona-Pandemie: Das sagt der R-Wert aus

Der R-Wert: Die Reproduktionszahl macht Hoffnung. Der R-Wert lag in Deutschland laut RKI-Lagebericht vom Freitag mit einem Wert von 0,9 zum vierten Mal in Folge unter der kritischen Marke von 1,0. Am Donnerstag hatte er sogar bei 0,79 gelegen. Wichtig zu wissen: Der R-Wert bildet nicht das aktuelle Infektionsgeschehen ab, sondern die Lage vor etwa eineinhalb Wochen.

Da bereits seit Mitte Oktober in den meisten Bundesländern wieder deutliche Einschränkungen galten, etwa bei Feiern und Veranstaltungen, ist es gut möglich, dass sich dies bereits beim R-Wert widerspiegelt. Daten des Corona-Monitors des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) hatten gezeigt, dass sich die dafür Befragten schon in der vergangenen Woche vorsichtiger als noch zwei Wochen zuvor verhielten.

Auch das Sieben-Tage-R, das weniger tagesaktuellen Schwankungen unterliegt, lag nach RKI-Schätzungen am Freitag mit 0,99 weiterhin knapp unter der entscheidenden Marke. Ob die niedrigen R-Werte der vergangenen Tage ein stabiler Trend sind oder nur eine kurzfristige Schwankung, ist noch nicht klar. Anfang der Woche hatte RKI-Vizepräsident Lars Schaade erklärt, Ziel müsse es sein, die Reproduktionszahl auf mindestens 0,7 zu senken, um in eine kontrollierbare Lage zu kommen.

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2. Das sagt die Zahl der Neuinfektionen aus

Die Zahl der Neuinfektionen: Hier zeigt sich noch keine Entlastung. Am Freitag stieg die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen mit über 21500 Fällen auf einen neuen Höchststand. „Aktuell ist eine zunehmende Beschleunigung der Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland zu beobachten“, hieß es bereits zu Beginn der Woche im Lagebericht des RKI.

Auch wenn der R-Wert sinke, führe die hohe Zahl der aktuell infizierten Personen weiterhin dazu, dass sich viele Menschen anstecken. Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen ist zudem nur ein Teil der Wahrheit: Da die Testlabore zu 100 Prozent ausgelastet sind und Ärzte nur noch Menschen mit klarer Symptomatik testen sollen, bilden die aktuell gemeldeten Testergebnisse weiterhin nur einen Ausschnitt des Infektionsgeschehens ab.

Nebeneffekt: Durch die Beschränkung der Tests auf symptomatische Fälle hat sich der Anteil positiver Tests an der Gesamtzahl der Tests laut RKI mittlerweile auf über sieben Prozent erhöht. Lesen Sie auch: Jens Spahn meldet sich zurück – mit beunruhigenden Zahlen

3. Das sagt die Sieben-Tage-Inzidenz aus

Die Sieben-Tage-Inzidenz: Für Angela Merkel ist die Zahl 50 die entscheidende Marke im Kampf gegen Corona: Die Kanzlerin geht davon aus, dass die Gesundheitsämter bei höchstens 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen die Kontakte der Infizierten nachverfolgen, die Kontrolle wieder erlangen können.

Andere sind vorsichtiger, sie sehen einen drohenden Kontrollverlust schon bei einer Inzidenz von 35 Fällen. In jedem Fall ist es noch ein weiter Weg: Für die vergangenen sieben Tagen lag der Wert bundesweit zuletzt bei mehr als 128 Fällen. Noch vor rund vier Wochen waren es gerade mal 18,6.

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4. Das sagt die Altersverteilung aus

Die Altersverteilung: Aktuell nehmen die Erkrankungen unter älteren Menschen wieder zu, heißt es beim RKI. „Da diese häufiger einen schweren Verlauf durch COVID-19 aufweisen, steigt ebenso die Anzahl an schweren Fällen und Todesfällen.“ Besorgniserregend: Nach dem sich das Virus im Sommer vor allem bei Reiserückkehrern und später vermehrt nach Partys und großen Feiern zeigte, würden jetzt auch wieder vermehrt COVID-19-bedingte Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen gemeldet, warnt das RKI.

Insgesamt hat sich die Zahl intensivmedizinisch behandelter Covid-19-Fälle in den vergangenen zwei Wochen mehr als verdoppelt - von rund 1.100 Patienten auf mehr als 2.700 Patienten. Solange es nicht gelingt, diesen Trend zumindest zu stoppen, sind Lockerungen bei den Corona-Maßnahmen unwahrscheinlich.

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5. Wie beeinflusst das Wetter den Corona-Trend?

Das Wetter: Sars-CoV-2 wird in der kalten Jahreszeit verstärkt übertragen. Deshalb kann es diesmal deutlich länger dauern als im Frühjahr, bis der Teil-Lockdown Wirkung zeigt. Das liegt nicht nur daran, dass sich nun mehr Menschen drinnen statt draußen treffen, wo das Ansteckungsrisiko meist merklich geringer ist.

Viele Eigenschaften des Virus begünstigen die winterliche Ausbreitung: Typische Winterviren - zu denen auch Sars-Cov-2 gehört - hätten bei trockener Luft vermutlich eine höhere Überlebensfähigkeit, sagt Thomas Deitmer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie. „Deshalb warnten schon die Großmütter vor trockener Heizungsluft.“