Covid-19-Pandemie

Anstieg der Corona-Zahlen: Wo führt diese Kurve hin?

Mehr als 11.000 Fälle – schon wieder. Das RKI meldet Höchststände bei Neuinfektionen. und sieht eine rasante Ausbreitung des Virus.

Neuer Höchstwert bei Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland ist erstmals seit Beginn der Pandemie auf mehr als 10.000 verzeichnete Fälle binnen eines Tages gestiegen. Das Robert-Koch-Institut bezeichnet die Lage als "sehr ernst".

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Berlin. Es sind Zahlen, die unter die Haut gehen: Mehr als 22.400 Corona-Neuinfektionen binnen zweier Tage meldet das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin. Damit wurde der bisherige Rekordwert vom vergangenen Freitag – 7830 Neuansteckungen innerhalb von 24 Stunden – zwei Mal deutlich übertroffen. Doch mehr noch: Das RKI meldete am Freitagmorgen 49 neue Todesopfer. So viele wie seit dem 27. Juni nicht. Bis Freitag waren damit 165 Menschen in der laufenden Woche mit oder an dem Virus gestorben.

Das Virus breitet sich schneller aus als erwartet. RKI-Präsident Lothar Wieler mahnte die Bevölkerung am Donnerstag eindringlich, Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten. Auch andere europäische Länder verzeichnen einen sprunghaften Anstieg der Infektionen. Einige wie Tschechien und Irland schalten auf Lockdown.

Corona: Wie dramatisch schätzt das Robert-Koch-Institut die derzeitige Lage ein?

RKI-Chef Lothar Wieler warnt: Die Situation in Deutschland sei „sehr ernst“, sagte er am Donnerstag. Es müsse damit gerechnet werden, dass sich das Virus in einigen Regionen stark und auch „unkontrolliert“ ausbreite. Die Fallzahlen stiegen seit Anfang September „immer schneller“. Lesen Sie auch: Klopapier-Nachfrage steigt: Warum Hamstern aber nicht lohnt

Wieler betonte jedoch, es gebe die Chance, das Ausbruchsgeschehen zu verlangsamen: „Wir sind nicht machtlos.“ Entscheidend sei, dass sich die Menschen streng an die Hygiene- und Abstandsregeln hielten und auf größere Treffen verzichteten.

RKI-Präsident: Corona-Maßnahmen "konsequent beherzigen"
RKI-Präsident- Corona-Maßnahmen konsequent beherzigen

Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders stark betroffen?

Laut Wieler stecken sich derzeit noch immer eher jüngere Menschen an. Es gebe deshalb mehr leichte Erkrankungen. Jedoch steige der Anteil der älteren Menschen. Auch die Zahl der Covid-19-Patienten in Krankenhäusern wachse. Innerhalb von zwei Wochen habe sich die Zahl der Menschen, die auf Intensivstationen behandelt würden, verdoppelt. Sie betrage nun 943. Es sei mit mehr Covid-19-Todesfällen zu rechnen.

Nach Angaben von Wieler lässt sich die Zunahme bei den Corona-Infektionen aktuell in erster Linie auf Ansteckungen im privaten Bereich zurückführen. Es gehe hier um Feiern, Treffen mit Freunden oder mit der Familie. Schulen, öffentliche Verkehrsmittel, der Arbeitsplatz oder Hotel-Übernachtungen spielten im Vergleich dazu eine weniger große Rolle.

Wie kam Merkel auf 19.200 Neuansteckungen pro Tag bis Weihnachten?

Ende September brachte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) intern eine Zahl ins Gespräch, die damals viele als übertrieben ansahen. Ausgehend von einem exponentiellen Anstieg sprach sie von 19.200 täglichen Neuinfektionen bis Weihnachten. Inzwischen ist diese Modellrechnung von der Wirklichkeit sogar überholt worden.

Merkel hatte die Verdoppelungszeiten bei den Infektionszahlen seit Ende Juni zugrunde gelegt. Damals waren es 300, Ende Juli 600, im August 1200 und im September 2400. Nach der Rechnung der Kanzlerin wären es Ende Oktober 4800 Neuinfektionen pro Tag gewesen, im November 9600 und im Dezember 19.200. Lesen Sie auch: Über 11.000 Fälle in Deutschland – droht zweiter Lockdown?

Tatsächlich sind es aber bereits jetzt, also Ende Oktober, knapp 11.000 Neuansteckungen binnen 24 Stunden. Die Zahl ist mehr als doppelt so hoch wie von Merkel angenommen. Der Grund besteht darin, dass sich der Verdoppelungszeitraum erheblich verkürzt hat. Damit hat sich die Ausbreitung des Virus beschleunigt.

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Was passiert, wenn der rasante Anstieg im gleichen Tempo weitergeht?

Es wäre eine Horrorvision. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat kürzlich ausgerechnet, dass sich ausgehend von 4500 Neuinfektionen pro Tag bis Weihnachten mehr als 500.000 Menschen binnen 24 Stunden anstecken könnten.

Er ging dabei von zwei Bedingungen aus: Die Zahl der Neuinfektionen steigt täglich an. Und: Der R-Wert beträgt 1,3 – das heißt, 10 Infizierte stecken 13 weitere Menschen an. Angesichts der neuesten Infektionszahlen würde die Zahl der täglichen Neuansteckungen nach dieser Schätzung bis Weihnachten auf deutlich mehr als 500.000 ansteigen. Lesen Sie auch:

Auch der „Welt“-Journalist Olaf Gersemann schlägt Alarm. Der Sieben-Tage-Schnitt liege jetzt schon doppelt so hoch wie im Merkel-Szenario antizipiert, schreit er auf Twitter. Die Zahl der aktiven Corona-Fälle sei auf mehr als 76.000 angestiegen. Die Spanne, in der sich die Zahl verdoppele, werde immer kürzer. Derzeit betrage sie elf Tage, Ende September seien es noch 51 Tage gewesen. „WENN das so weitergeht, sind wir Anfang November bei >150.000 aktiven Fällen“, so Gersemann.

Wissenschaftler warnen ebenfalls vor einem deutlichen Anstieg. Das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig rechnet für den 1. November mit 25.000 Neuinfektionen und für den 7. November bereits mit 40.000 Neuansteckungen. Den R-Wert schätzt das Zentrum auf 1,79. Das bedeutet: 100 Infizierte stecken 179 weitere Menschen an.

„Da unsere Vorhersage aber von den dem RKI täglich gemeldeten Daten abhängt und damit wochentäglichen Schwankungen unterliegt, überschätzt diese Zahl die zu erwartende Entwicklung sehr wahrscheinlich“, teilte das Braunschweiger Institut unserer Redaktion mit. Zudem seien eventuelle Verhaltensänderungen der Bevölkerung nicht berücksichtigt.

Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery hält einen neuen Lockdown für notwendig, wenn die Zahl der Neuinfektionen auf 20.000 am Tag ansteigt. Dann gerate die Lage außer Kontrolle, sagte er der „Rheinischen Post“. Lokale Lockdowns wie jetzt in Berchtesgaden hält Montgomery jetzt schon für nötig. „Bei lokalen Ausbrüchen müssen wir konsequent reagieren“, sagte er.

Mehr als eine Million Corona-Infektionen in Spanien
Mehr als eine Million Corona-Infektionen in Spanien

Wie reagieren andere europäische Länder auf die Ausbreitung des Virus?

Spanien mit mehr als einer Million Corona-Infektionen, Frankreich kurz vor dieser Schwelle, Italien mit neuen Höchstständen: Die zweite Corona-Welle in Europa nimmt immer besorgniserregendere Ausmaße an. Viele Länder schotten sich wieder zunehmend gegen das Virus ab. Irland und Tschechien kehrten bereits weitgehend zum landesweiten Lockdown der ersten Welle zurück.

An der Spitze steht Tschechien, das die steilste Kurve aufweist. In dem Land mit 10,7 Millionen Einwohnern haben sich in den vergangenen 24 Stunden knapp 15.000 Menschen neu angesteckt. Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist dies Platz eins in Europa. Seit Donnerstagmorgen müssen fast alle Geschäfte (außer Lebensmittelläden, Drogerien und Apotheken) schließen.

Zudem gelten strenge Ausgangsbeschränkungen: Kontakte mit anderen Menschen müssen auf die „absolut notwendige Zeit“ begrenzt werden. Ausnahmen gelten für den Weg zur Arbeit, notwendige Einkäufe, Arzt- und Familienbesuche. Man habe zum „stärksten Kaliber“ gegriffen, sagt Innenminister Jan Hamacek. Lesen Sie auch: Corona: Folgen nach Berchtesgaden die nächsten Lockdowns?

Auch Irland zieht die Notbremse. Ab Donnerstag tritt landesweit für sechs Wochen die höchste Corona-Maßnahmenstufe in Kraft. Wer kann, muss bis zum 1. Dezember von zu Hause aus arbeiten. Nur unverzichtbare Geschäfte wie Supermärkte dürfen noch öffnen. Treffen mit anderen Haushalten zu Hause oder selbst im heimischen Garten sind untersagt.

Italien verschärft die Maßnahmen ebenfalls. In der Lombardei gelten nächtliche Ausgangsverbote von 23 bis 5 Uhr. Auch die Region Latium, zu der die Hauptstadt Rom gehört, traf diese Regelung. Kampanien setzt auf die gleichen Einschränkungen.

In Paris und in acht weiteren Ballungszentren Frankreichs gilt dies ebenfalls. In Bulgarien ist angesichts stark steigender Corona-Zahlen das Tragen von Schutzmasken auch im Freien wieder Pflicht. Ab dem heutigen Freitag gilt im britischen Landesteil Wales ein kompletter Lockdown. Österreich führt eine Obergrenze von sechs Personen bei privaten Zusammenkünften in Gebäuden und von zwölf im Freien ein.

Welches Land verzeichnet Erfolge im Kampf gegen Corona?

Israel ist es gelungen, mit harten Maßnahmen die Zahl der Neuinfektionen drastisch zu drosseln. Anfang September hatte das rund neun Millionen Einwohner zählende Land noch mehr als 9000 Neuansteckungen pro Tag regis­triert. Durch einen harten Lockdown – den zweiten – sank die Zahl auf rund 1500: Kitas, Schulen und Unis wurden geschlossen, Restaurants machten dicht.

Nun beginnen aber bereits die Diskussionen über schrittweise Lockerungen. Cafés und Geschäfte haben ebenso wieder geöffnet wie Kitas. Ein großer Risikoherd bleiben private Feiern wie Hochzeiten und Geburtstage.

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