Trennung

„Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“: Was wirklich hilft

Liebeskummer – das bedeutet emotionaler Ausnahmezustand. Eine Pille dagegen gibt es nicht. Autorin Michèle Loetzner weiß trotzdem Rat.

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Berlin. Ohrwurm gefällig? „Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling“, sang Siw Malmkvist 1964, „schade um die Tränen in der Nacht.“ Doch ob bei Liebeskummer das Herz schon morgen darüber lacht, ist fraglich.

Es gibt viele Theorien darüber, wie lange Liebeskummer tatsächlich dauert. Eine der am weitesten verbreiteten Formeln lautet: halb so lang wie die Beziehung. Und von Tipps und Tricks, wie sich Herzschmerz überwinden lässt, wimmelt es im Internet ohnehin. Doch was ist dran an den gängigen Liebeskummer-Weisheiten? Und was hilft wirklich?

Siw Malmkvist – Liebeskummer lohnt sich nicht (1964)

Die Journalistin und Autorin Michèle Loetzner hat sich ausgiebig mit dem Thema befasst, wissenschaftliche Studien gewälzt und die Ergebnisse zusammengetragen. „Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“, heißt das Buch für Frauen, ein Werk, das irgendwas ist zwischen Ratgeber, Tagebuch und bester Freundin. Wir haben mir der Autorin gesprochen:

Frau Loetzner, wann hatten Sie Ihren ersten Liebeskummer?

Michèle Loetzner: Puh, ich glaube, meinen ersten richtig schlimmen Liebeskummer hatte ich mit 14, 15, würde ich sagen. Aber das ist ja ganz abstrakt, weil man das in dem Alter noch nicht richtig dechiffrieren kann, sondern eher als eine Art Schmerz durch Zurückweisung empfindet. Aber sagen wir so: Ich hatte schon öfters Liebeskummer in meinem Leben, durchaus auch sehr harte und sehr schmerzhafte.

Liebeskummer wird häufig als kindisch oder pubertär abgetan. Haben Erwachsene das denn auch?

Loetzner: Natürlich haben Erwachsene Liebeskummer! Es ist ein gesellschaftlicher Reflex, das als eine Teenager-Krankheit abzutun und zu bagatellisieren. Liebeskummer ist ein allumfassender schrecklicher Zustand, den man nicht kleinreden sollte. Es ist falsch, so zu tun, als wäre das irgendwas, was man nur als 16-Jährige auf dem Schulhof hat.

Im Übrigen hat auch eine 16-Jährige ein Recht darauf, Liebeskummer zu haben und zu leiden. Man darf sie deshalb nicht belächeln. Ein Teenager ist schließlich nicht blöd. Auch mit weniger Lebensjahren ist einem klar, dass das vorbei geht. Deshalb darf man trotzdem im gegenwärtigen Moment leiden und daran zweifeln.

Man muss eben jedem Menschen den Raum geben, seine Trauer, den Verlust, den Kummer auszuleben. Wir wissen ja, was passiert, wenn man seinen Kummer ständig runterschluckt. Das ist höchstgradig ungesund: psychisch und körperlich. Aus der Traumaforschung ist heute ziemlich genau bekannt, dass Menschen mit Liebeskummer ähnliche Symptome haben wie Trauma-Patienten.

Welche Symptome sind das?

Loetzner: Zu den Klassikern gehören Nicht-essen-Können und Nicht-schlafen-Können, dicht gefolgt von Keinen-Gedanken-festhalten-Können, weil der Kopf sich so dermaßen im Kreis dreht, dass Konzentration kaum möglich ist. Dadurch lässt sich der Alltag kaum bewältigen. Man ist reizbar, geht wegen Kleinigkeiten direkt in die Luft.

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Und man kann Liebeskummer-Kranke wirklich mit Kriegsopfern vergleichen?

Loetzner: Natürlich ist es von außen betrachtet etwas anderes, ob jemand aus einem Kriegsgebiet kommt und dadurch traumatisiert wird oder ob jemand verlassen wird. Von innen sieht es aber ganz anders aus, denn der menschliche Körper reagiert auf beides sehr ähnlich. Kriegsopfer und Liebeskummer-Patienten empfinden sogenannten sozialen Schmerz.

Man weiß heute, dass Schmerzen – soziale Schmerzen wie auch physische Schmerzen – im gleichen Hirnareal verarbeitet werden. Das bedeutet: Mein Hirn macht zwar einen Unterschied, ob ich mir ein Bein oder das Herz breche, aber es macht keinen Unterschied, wo der Schmerz dann weiter verarbeitet wird. Die Aktivität findet im gleichen Hirnareal statt.

Warum neigen wir dazu, Liebeskummer herunterzuspielen und zu bagatellisieren?

Loetzner: Wir handeln aus einem Reflex, weil wir mit den eigenen Traumata nichts zu tun haben möchten. Wenn man selbst gerade Liebeskummer hat und mitten in einer Trennung steckt, kann es kaum gelingen, sich vom Liebeskummer zu distanzieren, damit es nicht so weh tut.

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Das Perfide ist, dass unser Hirn aber sehr wohl möchte, dass wir uns an den Schmerz erinnern. Es möchte uns davor schützen, dass wir diesen Schmerz noch mal erleben, daher denken wir, so lange wir akut betroffen sind, an nichts anderes. Der Grund ist relativ einfach: Die Evolution möchte, dass wir uns fortpflanzen – und das möglichst komplikationslos, sprich: ohne dass wir uns trennen.

Sobald man den Liebeskummer aber überstanden hat, tut das Hirn sehr viel dafür, dass man sich nicht mehr an dieses schmerzhafte Ereignis erinnert. Man versucht – vor allem, wenn eine einem nahe stehende Person Liebeskummer hat – Abstand zu nehmen, um nicht an den eigenen Schmerz erinnert zu werden.

Liebeskummer herunterzuspielen und zu sagen: „Ach, das wird schon wieder“, um sich selbst zu schützen, ist also nicht der richtige Weg. Wie sollte man stattdessen mit Liebeskummer-Kranken umgehen?

Loetzner: Da braucht man vor allen Dingen viel Geduld. Wir neigen in unserer neoliberalen Gesellschaft dazu, alle Probleme sehr lösungsorientiert anzugehen. Jemand, der Liebeskummer hat, möchte aber keine Lösung präsentiert bekommen.

Er kann nichts damit anfangen, wenn jemand sagt: „Du musst jetzt dieses und jenes machen, und schon wird alles wieder gut.“ Selbst wenn er das gerne annehmen würde, er kann nicht, schon gar nicht sofort. Er muss so lange sortieren, bis er selbst ein Ende gefunden hat. Das ist ein langer Prozess. Den kann man mit verschiedenen Kompensationsstrategien, die ich in meinem Buch aufliste, unterstützen, aber nicht beschleunigen.

Menschen mit Liebeskummer wiederholen die immer gleiche Geschichte hunderte und tausende Male – und man muss sie lassen. Das ist für beide Seiten super anstrengend. Ich empfehle im Umgang mit Liebeskummer-Geplagten daher, einfach zuzuhören. Man sollte sich nicht gezwungen fühlen, Lösungen vorzustellen. Und man darf auch ehrlich sagen: Du, pass mal auf, ich komme hier nicht weiter. Vielleicht wäre es gut, wenn du dir professionelle Hilfe suchst.

Das heißt, tatsächlich einen Therapeuten zurate zu ziehen?

Loetzner: Ja, es ist wirklich kein Makel, sich professionelle Hilfe bei einem Therapeuten zu holen. Mit einem gebrochenen Bein würde man ja auch zu Arzt gehen und sich nicht auf die Couch setzen und warten, während der Knochen aus dem Schienbein herausragt. Es ist völlig legitim, mit Liebeskummer zum Arzt zu gehen und sich auch krankschreiben zu lassen, zu Hause zu bleiben und sich auszukurieren.

Schokolade, Alkohol, eine neue Frisur – jeder hat schon mal von diesen Tipps gegen Liebeskummer gehört ...

Loetzner: Es gibt kein Rezept gegen Liebeskummer. Und das ist auch nicht der Anspruch, den ich mit meinem Buch habe. Es gibt eine Studie, nach der 20 Prozent aller Frauen denken, dass eine neue Frisur ihnen dabei hilft, Liebeskummer zu bewältigen. Das ist natürlich Bullshit aus Frauenmagazinen aus den 60ern. Heute sind Frauenmagazine zum Glück ganz anders als damals. Übrigens glauben weniger als 5 Prozent der Männer, dass ein Friseurbesuch bei Liebeskummer hilft.

Was hingegen Männer häufiger machen als Frauen, weil es für Männer gesellschaftlich anerkannter ist: sich zu betäuben, sei’s durch Alkohol oder Drogen. Frauen, die in eine Bar gehen, sich einen saufen und danach einen Typen aufreißen, werden gesellschaftlich geächtet. Bei Männern wird hingegen quasi geradezu dazu geraten, aufs nächste Pferd zu steigen.

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Und da hat sich das Patriarchat schön selber ins Knie geschossen, weil das Verdrängen nämlich dazu führt, dass Männer viel länger leiden. Deswegen gibt es auch viel mehr männliche Langzeitsingles und Männer mit Bindungsstörungen als Frauen. Von Frauen wird erwartet, zu reflektieren, sich zurückzuziehen und erstmal die Beziehung zu analysieren. Dadurch sind sie viel schneller wieder in einem gesunden Alltag. Dass Frauen und Männer sich tatsächlich ganz unterschiedlich verhalten, zeigt eine interessante Studie von der Binghamton University New York mit über 5700 Teilnehmer und Teilnehmerinnen.

In Ihrem Buch schreiben Sie aber auch, dass Schmerzmittel bei Liebeskummer helfen können. Ernsthaft?

Loetzner: Eines ist mir ganz ganz wichtig: Schmerztabletten sind keine Pillen gegen Liebeskummer! Es geht dabei eher um Folgendes: Es gibt Studien, die bestätigt haben, dass Paracetamol und Ibuprofen bei Liebeskummer die Hirnareale, die bei sozialem Schmerz aktiv sind, runterdämmen.

Das bedeutet, dass einem Schmerzmittel tatsächlich dabei helfen können, wieder klar denken zu können, wenn man gerade in diesem totalen Wahnsinn steckt und über nichts anderes nachdenken kann als den Liebeskummer. Aber: Viel hilft nicht viel und Schmerzmittel sind kein adäquates Mittel gegen Liebeskummer. Langfristig hilft es nicht. Im Gegenteil: Es schadet und kann wirklich gefährlich werden.

Ich bin kein Arzt, ich zitiere hier diverse Studien, die ich im Literaturverzeichnis meines Buches auch nochmal detailliert aufliste. Aber diese Schmerzmittel-Testreihe zeigt zum Beispiel sehr deutlich, wie viel wir wissenschaftlich eigentlich schon über dieses Thema wissen — aber kaum einer redet drüber.

Ihr Buch heißt „Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“ – geht das nicht schneller?

Loetzner: Mein Buch gliedert sich in drei Phasen: Zurückerinnern, Kompensieren, Loslassen. Jeden Tag gibt es eine Doppelseite, 99 Tage lang.

Es wird Tage geben, an denen man überhaupt keine Lust hat, sich mit dem Buch zu beschäftigen, aber auch Tage, da liest man vielleicht zwei, drei Doppelseiten. Was ich mit Bestimmtheit sagen kann: Es wird nichts helfen, das Buch an einem Tag durchzulesen. Der Liebeskummer ist dann am nächsten Tag nicht weg. Man sollte sich Zeit lassen.

Aber Liebeskummer ist individuell. Es gibt keine wissenschaftlichen Messungen, wie lange Liebeskummer dauert. Ich spreche auch nicht davon, dass der Liebeskummer nach 99 Tagen weg ist, sondern dass er bewältigt ist, eben durch das Wissen, das vermittelt wird. Wer versteht, kann loslassen. Mit diesem Wissen kann man ganz gut in den Alltag zurück finden.

Und natürlich gibt es auch Menschen, bei denen es schneller geht. Nicht jedes Beziehungsende haut gleich rein. Wenn der Liebeskummer nach zwei Monaten weg ist – umso besser. Dann kann man das Buch, glaube ich, trotzdem ganz gut zu Ende lesen und für sich die ein oder andere Frage dennoch beantworten.

Auf jeder Doppelseite kann die Leserin Fragen über sich und ihren Liebeskummer beantworten, die sich teils wiederholen. Warum lohnen sich diese „Selbstqual“ und das Beschäftigen mit dem eigenen Schmerz?

Loetzner: Trennung ist wie Drogenentzug: Wir erinnern uns ohnehin ganz automatisch ständig an den Ex-Partner oder die Ex-Partnerin. Das Hirn versucht, Ersatzstoffe zu finden – und diese Ersatzstoffe sind positive Erinnerungen. Damit holt man den Partner quasi wieder in das eigene Leben zurück, neigt aber zu totaler Schönfärberei. Daher will ich die Leserin dahin leiten, sich mit den schlechten Eigenschaften des Ex-Partners und der Beziehung zu beschäftigen. So kann sie das Bedürfnis stillen, sich mit der Trennung zu beschäftigen – was ja ohnehin passiert –, aber eben auf eine Art und Weise, die ihr das Loslassen erleichtert. Dass sich Fragen wiederholen, ist pure Absicht. Denn mit der Zeit ändert sich auch die Sichtweise auf die Eigenschaften des Ex-Partners – und das kann ein sehr gutes Gefühl sein, zu sehen: Es gibt ein Leben danach, kein Gefühl ist endgültig.

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• Michèle Lotzners Buch „Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“ ist bei Dumont erschienen und kostet im Handel 20 Euro. In Tagebuchform soll es Leserinnen auf 99 Doppelseiten zum Ausfüllen und Abhaken helfen, Liebeskummer zu bewältigen. Die Autorin hat dazu wissenschaftliche Studien gewälzt und die Erkenntnisse leicht verständlich und mit der nötigen Prise Humor zusammengefasst.

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