Interview

Peter Wohlleben: Der Wald wird die Menschen überleben

Der Wald-Experte Peter Wohlleben erklärt die Überlebensstrategie der Bäume und Pflanzen und was die Menschen von ihnen lernen können.

Peter Wohlleben: Der Förster und Autor liebt den Wald. Gerade wurde sein Bestseller „Das geheime Leben der Bäume verfilmt“.

Peter Wohlleben: Der Förster und Autor liebt den Wald. Gerade wurde sein Bestseller „Das geheime Leben der Bäume verfilmt“.

Foto: Christian Charisius / dpa

Berlin. Mit seinen Büchern hat Peter Wohlleben einer breiten Öffentlichkeit einen neuen Blick auf den Wald eröffnet. Die Verfilmung seines Bestsellers „Das geheime Leben der Bäume“ läuft seit dem 23. Januar im Kino. Und obwohl die Nachrichten aus der Natur nicht ermutigend sind, bleibt der 56-Jährige gefasst und sachlich. Zumal er Zeichen der Hoffnung sieht, wenngleich nicht im Landwirtschaftsministerium.

Ich habe als Kind Äste abgebrochen, Buchstaben in Bäume geschnitzt – Ist das schlimm?

Peter Wohlleben: Für den Baum ist es nicht schön. Aber es ist nicht verwerflich. Mir ist es lieber, Kinder lernen die Natur kennen als gar nicht. Bei ihnen würde ich viele Ausnahmen machen. Für mich ist es wichtig, dass sie gerne in den Wald gehen und das als spannend und angenehm empfinden, und nicht als verlängerten Biologieunterricht. Manche Leute sagen, die müssen alle Baumarten lernen. Das ist nicht so wichtig.

2015 veröffentlichten Sie Ihren Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“. Hat sich eigentlich seither für die Bäume etwas zum Besseren gewandelt?

Wohlleben: Die Lage hat sich verschlechtert, aber das Bewusstsein verbessert sich. Wenn wir an Fridays for Future denken – wer hätte sich vor zwei Jahren ausgemalt, dass Grundschüler Angela Merkel vor sich hertreiben? Und die im Klimakabinett endlich bestimmte Eckpunkte aufstellt? Es gibt eine Reihe von Beschlüssen, die hätte es vor ein, zwei Jahren nicht gegeben.

Muss man sich vielleicht eher Sorgen um den Menschen machen, weil der Wald uns überleben wird?

Wohlleben: Das kann man pauschal so sagen. Natürlich wird man die ein oder andere Art auf dem Weg dahin verlieren. Aber der Wald als Ökosystem wird überleben, daran gibt es auch wissenschaftlich keinen Zweifel. Denn Natur kann sich reparieren. Die Frage ist dann halt: Ist das noch ein Lebensraum, der für uns Leben ermöglicht? Das ist genau der Punkt. Naturschutz ist immer auch Menschenschutz.

Sie schildern auch, wie Bäume miteinander interagieren. Was können wir von ihnen lernen?

Wohlleben: Solidarität. Es ist mittlerweile in der Biologie angekommen, dass sich in der Evolution nicht der Stärkste durchsetzt, sondern der Passendste. Bäume treten nicht als Konkurrenten auf, sondern unterstützen sich gegenseitig. Wir Menschen denken, wir hätten den Sozialstaat erfunden. Aber Solidarität und Empathie sind ein Naturprinzip, das sich durch die allermeisten Arten zieht. Natürlich gibt es Arten, die das missachten. Ein Virus, der seinen Wirt ausrottet, ist dann ebenfalls am Ende.

Angeblich haben wir Deutsche ein besonderes Verhältnis zum Wald. Stimmt das?

Wohlleben: Inzwischen ist mein Buch rund um den Globus gewandert. Und dabei hat sich herausgestellt, dass dieses Verhältnis typisch menschlich und nicht kulturell geprägt ist. Was ich sehr beruhigend finde. Ob in Japan, Kanada, Russland, Polen – überall gibt es sehr viele waldbegeisterte Menschen und in der Regel eine lange Waldtradition. Selbst in Ländern, die wir mit anderen Sachen in Zusammenhang bringen, ist das Thema Wald- und Umweltschutz stark verankert. So habe ich aus Pakistan einen Brief des nationalen Forstchefs bekommen. Der sitzt in einem Ministerium für Klimaschutz. Ich hätte gedacht, das müsste eher in Deutschland zu finden sein.

Doch Sie sagten, dass hierzulande bei den Politikern ein Umdenken stattfindet.

Wohlleben:J a, aber eine Julia Klöckner als Landwirtschaftsministerin ist noch ziemlich einseitig unterwegs. Sie ist rohstofffixiert auf den Wald als Holz­fabrik – nicht als Ökosystem. Aber insgesamt zeigt sich politisch eine zunehmende Sensibilität, wie ich aus anderen Gesprächen entnehme. Das dauert eben ein paar Jahre. Demokratie ist langsam, aber das ist mir immer noch lieber, als wenn wir in einer Diktatur leben würden. Ich habe jetzt übrigens nicht mehr viel Zeit, weil ich noch den Zug nach Hause erwischen muss.

Hand aufs Herz: Würden Sie im Zweifelsfall den Flieger nehmen?

Wohlleben: Fliegen ist für mich ein Mittel zum Zweck. Wenn ich zum Beispiel Indianer in Kanada unterstützen will, geht das nur vor Ort in Gesprächen mit der Holzindustrie und Journalisten. Also fliege ich auch dahin. Da rechnet sich das unterm Strich auch für die Umwelt. Für drei Tage am Strand würde ich das aber nicht machen. Ich möchte das keinem dogmatisch vorschreiben, doch Fliegen ist für mich nicht tabu. Um heute nach Hause zu kommen, brauche ich das aber nicht.

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