Frauengold-Kolumne

Wehe, jemand spricht mich auf meine Schwangerschaft an!

Ist eine Frau schwanger, haben Eltern, Freunde und Chefs jede Menge Tipps parat. Unsere schwangere Autorin holt zur Gegenrede aus.

Als Schwangere bekommt man viele gut gemeinte Ratschläge. Unserer Kolumnistin reicht es.

Als Schwangere bekommt man viele gut gemeinte Ratschläge. Unserer Kolumnistin reicht es.

Foto: Yuri_Arcurs / Getty Images/iStockphoto

Berlin. Als ich das erste Mal schwanger war mit 28 Jahren, machte ich mir nichts draus. Jede(r) Kollege, Bekannte, Chef, Freund, Passant hatte mir etwas zu sagen.

Ich sollte mich schonen, die Zeit genießen, denn sie werden ja so schnell groß, den Fokus auf die Familie richten, keine Pampers-Windeln benutzen und schon gar keine Feuchttücher, eine lange Elternzeit nehmen, keine Schnuller verwenden, ach und Calendula-Binden nach der Geburt, ein Allheilmittel für praktisch alles.

Ich nickte immer höflich, was blieb mir, auch nicht wissend, dass mich diese Tipps in modifizierter Form (Kleinkind, Schulkind) meine gesamte Elternschaft begleiten würden. Nur bin ich 37 Jahre und mit dem dritten Kind schwanger (noch vier Wochen bis zur Geburt) und eigentlich sollte meine Umgebung wissen, dass ich alles schon einmal von jedem gehört habe – aber im Gegenteil.

Eltern müssen immer öfter Beschimpfungen aushalten

Es ist schlimmer geworden. Vielleicht eine Erscheinung des Zeitgeistes, aber das Bashing von Eltern, vor allem von Müttern, hat zugenommen.

Gerade um den #megxit herum war es klar zu sehen. „Kate, Meghan und die Architektur der Misogynie“ titelte zum Beispiel der britische „Guardian“. Kate vertrete mit ihren drei Kindern und ihrer Treue zur Krone das konservative Mutterbild, während Meghan als böse Spalterin gelte, als „social climber“, eine Frau, die Prinz Harry auf seinem Weg nach oben nur ausnutzt.

Tatsächlich ist das auch die Logik, die meiner kleinen nichtberühmten Welt unterliegt. Kündige ich an, für das dritte Kind nur vier Monate in Elternzeit zu gehen, wenig zu stillen und einen Kaiserschnitt zu planen, ist mir die (ungefragte) natürlich immer konstruktiv gemeinte Kritik sicher:

  • „Aber das Kind braucht doch die Mutter.“
  • „Das Kind ist dann noch sehr klein.“
  • Und mein Lieblingskommentar: „Wenn man das Baby so früh in eine Krippe gibt, warum bekommt man dann überhaupt Kinder.“
  • Auch nicht schlecht: „Wo sind deine Kinder jetzt?“

Sätze, bei denen man sich am liebsten umdrehen und rufen möchte: „Ich schaue mal gerade, wer hier zuständig ist. Ach, ja, richtig, das sitzt ja noch der Vater. Komisch, den hat noch keiner erwähnt.“

Die Herdprämie von Seehofer macht die Kinder also glücklich?

Ja, Krippen sind vom Teufel persönlich eröffnet worden und Mütter, die nicht dankbar (genug) über ihr Glück und selbstvergessen in ihrer Rolle sind, sollten möglichst keine sein. In der Lebensausgestaltung von Seehofers „Herdprämie“ ist wiederum alles okay.

Absurderweise beflügelt die Vorstellung, wie glockenhelles Kinderlachen und apfelrote Pausbäckchen nach der Schule in die Küche stürmen, in der Mama mit Schürze und barfuß Apfelkuchen backt. Dabei lassen sogar Hausfrauen ihr Kind heutzutage gerne in der Schulkantine essen und holen es um 12.30 Uhr satt wieder ab – wenn nicht erst um drei Uhr, wenn auch noch die Hausaufgaben im Hort erledigt wurden.

Und das ist dann wohl die schlechte Nachricht für alle, die sich im Jahr 2020 von einem modernen Frauenbild empfindlich gestört oder sogar persönlich verletzt fühlen. In Zeiten von Schichtdiensten, von befristeten Arbeitsverträgen, von hoher Scheidungsquote und Patchwork-Familien ist es für Mütter einfach kein Modell mehr, nicht zu arbeiten.

Die kleine Rente droht noch immer

Niemand kann sich heutzutage leisten, auf einer kleinen Rente sitzen zu bleiben oder auch den Job durch lange Auszeiten zu riskieren. Hinzu kommt auch die (nennen wir es doch einfach) Lust, am Berufsleben teilzunehmen. Die Berufung, für die eine Frau Jahrzehnte lang studiert oder eine Ausbildung genossen hat.

Und so ist die einzige legitime Antwort auf unverschämte Fragen, wie die, wo meine Kinder jetzt sind, resigniert zu erwidern: „Ich habe offen gestanden absolut keine Ahnung.“

Die meistgelesenen Frauengold-Kolumnen:

Autorin Birgitta Stauber erlebt bei ihren eigenen Kindern: Wie die Modemarke Brandy Melville Teenager zu Diät-Attacken verleitet. Wirklich viel Aufmerksamkeit erregte dieser Text über Laura Müller, die Wendler-Freundin. Bei Müttern löst sie ein gewisses Unbehagen aus. Man schaut Laura Müller beim Ausziehen für den Playboy zu und das hat einen ähnlichen Effekt wie ein Autounfall. Und, na klar, warum wir nach dem Umweltsau-Eklat des WDR, endlich wieder streiten. Und wie unsere Autorin in höchster Not für ihren Chef aus ihrem Kind einfach ein Auto machte.