Frauengold-Kolumne

Brandy Melville: Modemarke verleitet Teenies zu Diätattacken

Für die Tochter unserer Autorin ist Mode von Brandy Melville „lebenswichtig“. Nur wer die Teile tragen will, muss groß und dünn sein.

Kleidung der Modemarke Brandy Melville gibt es nur in Kleidergröße S (small, klein). Für viele Mädchen ein Grund zu hungern.

Kleidung der Modemarke Brandy Melville gibt es nur in Kleidergröße S (small, klein). Für viele Mädchen ein Grund zu hungern.

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Berlin. Tolle Schulen, jede Menge Autobahnen, den ICE-Bahnhof im Zentrum, dazu renommierte Theater und Konzerthäuser, Sportvereine, Shopping-Malls, hippe Bars und Sternerestaurants. Es gibt eigentlich keinen Grund, warum Berlin mehr Lebensqualität bieten sollte als Essen, Erfurt oder Braunschweig. Sage ich als Metropol-, Klein- und Großstadt-erfahrene Babyboomerin.

Die Teenie-Tochter ist da ganz anderer Meinung. Sie möchte nur dort leben, wo es Brandy Melville gibt. Also in Berlin, Stuttgart, München oder Hamburg. Oder gleich in New York, London und Verona.

Falls es für den ein- oder die andere noch Nachholbedarf gibt: Brandy Melville ist eine Marke für Bekleidung und Accessoires, die gerade bei Teenagern und jungen Frauen höchst angesagt ist (ganz egal, wo sie wohnen).

Brandy Melville: Bekleidung gibt es nur in Einheitsgröße S

Die Inneneinrichtung besteht aus Verkaufstresen, Holzboden und Kleiderstangen, auf denen ein paar Tops mit Blümchenmuster oder Karoröckchen hängen. Dazu noch ein oder zwei Tische mit High-Waist-Jeans, Cordschlaghosen und riesigen Hoodies; an einer Wand steht ein Gestell, wo Sternchenohringe dranhängen oder Haarbänder und Gürteltaschen.

Tops und T-Shirts sind knapp und bauchfrei, Hoodies und Karohemden sollen riesig darüber fallen. Und immer gilt das Motto: One Size fits all, das heißt, es gibt nur Einheitsgröße S.

Ausgedrückt in der Sprache der Generation Z: Wer da nicht reinpasst, hat verkackt. Kritisch wird es bei üppiger Oberweite (die Klamotten sind dehnbar, aber mitunter auch sehr tief ausgeschnitten), sehr langen Beinen und natürlich diversen Speckröllchen.

Im Prinzip gilt: Wer Brandy Melville tragen will, muss idealerweise von Natur aus die richtige Statur mitbringen: dünn und nicht zu groß. Alle anderen sollten sich auf die Accessoires beschränken oder die Marke wechseln.

Modemarke Brandy Melville verleitet Teenies zu absurden Diätattacken

Tun sie aber nicht, und das ist das Problem: Brandy Melville verleitet Teenager-Mädchen zu absurden Diätattacken. So finden sich auf Instagram und Tik Tok im Netz Anleitungen, wie man es schafft, so auszusehen wie ein Brandy-Melville-Girl. Youtuber erzählen, wie sie es geschafft haben, für den Brandy-Style abzunehmen.

Deshalb sind bei uns diese Bowls so angesagt, dieses Essen aus Schüsseln. Meist handelt es sich um Grünzeug ohne Soße mit ein paar gehackten Nüssen drauf. Für die perfekte Instagram-Optik kommen noch ein paar Himbeeren dazu. Oder Grünkohl-Smoothies mit ein wenig Banane-Ingwer-Mango (Obst hat im Prinzip zu viel natürlichen Zucker). Dünn mit Brandy-Top und grünem Smoothie in der Hand: von derartigen Teenie-Selfies wimmelt es im Netz.

Ok, jetzt hole ich Boomer-Mama mal kräftig Luft. Ist das nicht das Recht eines jeden Teenies, seinen jungen und schönen Körper zu feiern? Das machte ja auch schon in den 1960er Jahren unseren Müttern Spaß, seine Beine in Hotpants zu stecken und den Bauch zu zeigen. Vorbild war damals nicht Brandy Melville, sondern das Magermodel Twiggy.

Minirock und bauchfrei – auch im Winter

Diese Unbekümmertheit ist eigentlich wunderbar. Und wenn der Minirock zu eng ist und das knappe T-Shirt die Speckrolle nicht mehr verdecken kann – na und? Das Teenager-Kind fühlt sich bauchfrei jedenfalls so pudelwohl, dass es sich nach dem Instagram-Shooting mit Smoothie noch eine Tiefkühlpizza reinzieht.

Ich hole also noch mehr Luft und verkneife mir jetzt, im tiefsten Winter: „Wo ist das Unterhemd“? Weil ich weiß, dass das Teenie-Kind antworten wird: „Brauche ich nicht, mir ist nicht kalt.“ Obendrein wird das Studentenkind die kleine Schwester verteidigen: „Ein bauchfreies T-Shirt macht mit Unterhemd keinen Sinn.“

All den glotzenden Kerlen sei übrigens gesagt: Die Mädchen ziehen sich nicht für euch so an, sondern für sich selbst. Und die beste Freundin. Und mit der gehen sie zu Brandy, wenn sie den Laden in der Nähe haben.

Brandy Melville: Taugt die Mode auch für Erwachsene?

Wenn nicht, steht der Besuch auf Platz eins der Sightseeing-Liste für den nächsten Metropolen-Besuch, versicherte mir neulich meine Freundin aus Iserlohn, deren 13-jährige Tochter von einem Besuch bei Brandy träumt. Ich habe ihr ein T-Shirt geschenkt. Hellblau, bauchfrei. Jetzt, mitten im Winter. Ganz schön verrückt.

Ich glaube, wenn ich heute 13 wäre, würde mir das auch gefallen. Ich habe mir mit 13 eine Karottenhose gewünscht – und nicht bekommen. „Unmöglicher Schnitt“, war das harsche Urteil der Erwachsenenwelt. Wahrscheinlich hätte ich einen Minirock leichter durchsetzen können.

Heute klaut mir die Studententochter meine Pullis aus dem Schrank – und dem Teenie-Kind die zerrissene Jeans. Dann könnte ich doch auch Brandy tragen? Bin ja schließlich nicht wirklich dick.

Ich hab es tatsächlich versucht, heimlich in einem Anfall von Jugendwahn. Mit einem schlichten T-Shirt, es war noch nicht mal bauchfrei. Der Bruchteil einer Sekunde reichte, um beim Blick in den Spiegel zu erkennen: OK, Boomer.

Frauengold-Kolumne – Auch in interessant:

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos

Beschreibung anzeigen