Ausnahmezustand

Feuerhölle Australien – 3000 Reservisten sollen helfen

Die Buschbrände in Australien wüten immer schlimmer. Die Regierung startet die größte Zwangseinberufung von Reservisten des Landes.

Australiens Premierminister Morrison will 3000 Reservisten der Streitkräfte im Kampf gegen die Buschfeuer mobilisieren.

Australiens Premierminister Morrison will 3000 Reservisten der Streitkräfte im Kampf gegen die Buschfeuer mobilisieren.

Foto: Rick Rycroft / dpa

Sydney. Die Bilder von den Bränden in Australien sind apokalyptisch. Jetzt hat die australische Regierung die größte Zwangseinberufung von Reservisten in der Geschichte des Landes gestartet. Premierminister Scott Morrison mobilisierte am Samstag rund 3000 Reservisten der Armee, damit diese die Feuerwehrleute im Kampf gegen die Flammen unterstützen.

Im Bundesstaat New South Wales legten Brände zwei Umspannwerke und Hochspannungsleitungen lahm, so dass der Millionenmetropole Sydney Stromausfälle drohten. Ein Zwei-Sterne-General sei mit der Beaufsichtigung der Bekämpfung der Buschbrände durch das Militär beauftragt worden, sagte Morrison. Zudem komme der Hubschrauberträger „HMAS Adelaide“ der Armee zum Einsatz.

Die Einberufung der Reservisten wiederum bringe mehr Kräfte in den Einsatz, „mehr Flugzeuge in die Luft, und mehr Schiffe auf See“, sagte Morrison, dessen zögerlicher Umgang mit den Bränden für massive Wut in der Bevölkerung sorgte.

„Die Regierung hat diese Entscheidung nicht leichtfertig gefällt“, betonte Verteidigungsministerin Marise Payne. Es sei das erste Mal in der Geschichte Australiens, dass Reservisten in so großer Zahl herangezogen würden. Australiens Armee unterstützt die Einsatzkräfte im Kampf gegen die Buschbrände bereits seit Monaten mit rund 2000 Soldaten sowie mit Erkundungsflügen und Logistik.

Australien: Menschen und Tiere fliehen vor den Flammen

Südlich von Sydney herrscht Ausnahmezustand. Wer noch nicht geflohen ist, arbeitet mit Hochdruck daran, Menschen und Tiere in Sicherheit zu bringen sowie Häuser so gut wie möglich zu schützen. „Ich habe alle unsere Pferde evakuiert“, berichtet ein Australier, der mit seiner Frau ein Pferdegestüt südlich von Sydney betreibt. Er selbst will ausharren, den Hof und die Ställe bestmöglich gegen die Feuersbrunst schützen, die inzwischen ganze Orte überrannt hat.

Die Feuer brennen seit Monaten, doch in der vergangenen Woche hat sich die Lage verschärft. Eine Hitzewelle an Silvester fachte die Buschfeuer so sehr an, dass einige Urlaubsorte an der Ostküste von Flammen eingeschlossen wurden.

Die Bilder, die beispielsweise aus Mallacoota im Südosten Australiens getwittert wurden, waren apokalyptisch. Der Himmel war zunächst schwarz, als wäre es noch mitten in der Nacht. Später glühte er orange. Rund 4000 Menschen flüchteten sich zum Strand, in Booten aufs Meer oder auf einen See. Augenzeugen sprachen von einem „Armageddon“. Beobachter stellen nun die Frage: Sind der Klimawandel oder das Wetter Schuld am Feuer in Australien?

Innenstädte stehen teilweise in Flammen

Der Ort ist nur ein Beispiel, denn die Brände sind weitläufig. Die bisherige Zwischenbilanz ist dramatisch: Rund 5,9 Millionen Hektar Busch sind abgebrannt – eine Fläche deutlich größer als die Schweiz. Mindestens 19 Menschen kamen ums Leben, 29 Menschen gelten als vermisst.

Ein Vater und sein Sohn verbrannten, als sie das Familienhaus vor den Flammen retten wollten. Ein junger freiwilliger Feuerwehrmann starb, als ein Feuertornado ein mehrere Tonnen schweres Feuerwehrauto umwarf. Zwei weitere Feuerwehrleute kamen in der Woche davor um. Der 19 Monate alte Sohn eines Toten erhielt am Donnerstag bei dessen Beerdigung stellvertretend eine Medaille.

Bisher sind über 1400 Häuser abgebrannt. In mehreren Orten an der Südküste von New South Wales standen jeweils Teile der Innenstadt in Flammen.

Die Situation ist so gefährlich, dass die Behörden inzwischen weitläufige Sperrzonen eingerichtet haben, aus denen sich Urlauber fernhalten sollen. Selbst Einheimische müssen sich eine andere Bleibe suchen. Zehntausende sind deswegen seit Donnerstag auf der Flucht. Nachdem jedoch etliche wichtige Verkehrsadern wegen der Brände gesperrt sind, bildeten sich auf den wenigen offenen Highways kilometerlange Staus. Auch vor Tankstellen und Supermärkten standen die Menschen Schlange. In Mallacoota, dem von Feuern umzingelten Ort in Victoria, rückte die Marine an, um die Menschen zu evakuieren.

Premierminister Scott Morrison wird zum Sündenbock

Auch in den großen Städten kommt das Leben teilweise zum Stillstand. Sydney wie auch Canberra sind seit Wochen rauchverhangen. Viele haben inzwischen einen Sündenbock ausgemacht. So gerät Premierminister Scott Morrison mit seinem Krisenmanagement immer mehr unter Druck. Seine Parole „Bleiben Sie ruhig und geduldig“ verärgert viele Menschen, die sich ein Eingreifen wünschen. Als er Ende der Woche – zu spät in den Augen vieler – die vom Feuer gebeutelten Regionen besuchte, buhten ihn viele aus.

Die Feuer sind für die Tierwelt verheerend. Forscher der Universität Sydney berechneten mithilfe von älteren Zahlen der Umweltstiftung WWF zum Thema Landrodung, welche Folgen die Brände allein für den Bundesstaat New South Wales haben könnten. Dort ist eine Fläche größer als Belgien zerstört worden. 480 Millionen Säugetiere, Reptilien und Vögel könnten dadurch verendet sein. Nach Angaben der Uni ist das noch konservativ geschätzt, wahrscheinlich seien es viel mehr. Schon im November berichteten Experten im Parlament von New South Wales, dass mindestens 2000 Koalas bei den Feuern getötet worden seien.

Die Brände haben Auswirkungen bis hin zu Sport-Events: Das Internationale Tennisturnier in der Hauptstadt Canberra, das am Montag starten soll, wird wegen der Brände in der Region in die rund 620 Kilometer westlich gelegene Stadt Bendigo verlegt, wie die Veranstalter mitteilten. (mit dpa)

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