Psychologie

Einsamkeit – Wie die Briten die schlimme Krankheit bekämpfen

Einsamkeit ist ein immer größeres gesellschaftliches Problem. In Großbritannien wird sie sogar von einem eigenen Ministerium bekämpft.

Wenn Menschen unter Einsamkeit leiden, kann das schlimme gesundheitliche Folgen haben.

Wenn Menschen unter Einsamkeit leiden, kann das schlimme gesundheitliche Folgen haben.

Foto: istock

London. Als seine Frau Shirley starb, wurde es einsam um Cyril Aggett. Die Welt des 86-Jährigen schrumpfte, er ging nicht mehr aus. Es wurde auch leise: Niemand mehr im Haus, der Geräusche machte. Und Aggetts Tage begannen spät. Manchmal stand er vor zwei Uhr nachmittags nicht auf.

Der ehemalige Schuhmacher lebt in der südenglischen Hafenstadt Plymouth, gleich neben der Coombe Dean School. Und deren Schülern fiel auf, dass Aggett nicht mehr vor die Tür trat. Sie klopften an, fragten nach seinem Befinden und luden ihn zum Lunch in der Schule ein. Das war, meint Aggett, seine Rettung. Jetzt geht er an vier Tagen in der Woche zum Mittagessen in die Schulkantine und freut sich, dass es dort so laut ist.

Einsamkeit: Das britische Ministerium zieht nach einem Jahr positive Bilanz

Aggetts Geschichte geht derzeit durch die britische Presse und findet breite Resonanz. Nicht nur, weil sie ein Happy End hat, sondern auch, weil es seit einiger Zeit ein neues Bewusstsein für das Problem Einsamkeit in der Öffentlichkeit gibt. Denn 2018 hat die britische Regierung als Erste weltweit ein Ministerium für den Kampf gegen die Einsamkeit eingerichtet. Die Bilanz nach einem Jahr fällt positiv aus.

Man hat eine „Einsamkeitsstrategie“ formuliert, ein Budget von über 14 Millionen Euro zur Verfügung gestellt und eine Ministerstelle geschaffen, die ressortübergreifendes Arbeiten koordinieren soll.

„Einsamkeit ist eine der größten Herausforderungen für unsere Volksgesundheit“

Die jetzige Amtsinhaberin, Baronesse Diana Barran, stellte soeben einen neuen 2,5-Millionen-Euro-Fonds vor, der Organisationen finanziell helfen soll, Leute zusammenzubringen und soziale Verbindungen zu schaffen. Denn, so unterstreicht Barran: „Einsamkeit ist eine der größten Herausforderungen für die Volksgesundheit, denen sich unser Land gegenübersieht.“

Wie wird geholfen? Das Einsamkeitsministerium unterstützt 126 Projekte, die dem Alleinsein auf ganz unterschiedliche Weise zu Leibe rücken. Wandergruppen und Gemeindechöre werden subventioniert, Stadtteilzentren und Beratungsstellen bekommen Zuschüsse, um ihre Arbeit fortsetzen zu können. Eine Initiative nennt sich „Rural Coffee Caravan“: ein Wohnwagen-Café, das durch 70 Dörfer in der Grafschaft Sussex tourt und ambulante Kaffeetreffs anbietet.

Ärzte dürfen Gesellschaft auf Rezept verschreiben

Gerade auf dem Land, wo Pubs schließen und Buslinien eingestellt werden, ist der Zuspruch groß, wenn der Cappuccino zum Kunden kommt. Ein anderes Projekt ist „Happy to Chat“, wo Parkbänke zu Orten erklärt werden, an denen die Leute zu Plauderei und Schwatz aufgerufen sind.

Zudem hat die Regierung es Allgemeinärzten jetzt ermöglicht, Gesellschaft auf Rezept zu verschreiben. Das „Social Prescribing“ ist seit Mitte dieses Jahres eine offizielle Behandlungsmöglichkeit im britischen Gesundheitssystem.

Einsamkeit kann jeden treffen

Die soziale Medikation bringt Patienten mit Helfern zusammen, die bei sozialen Problemen assistieren oder Aktivitäten organisieren. In den Arztpraxen wurden Stellen geschaffen für „Kontaktarbeiter“, die soziale Angebote vermitteln können. Und die natürlich viele gute Ratschläge für vereinsamte Menschen parat haben.

Einsamkeit kann jeden treffen, aber unter den Senioren des Landes ist sie besonders weit verbreitet. Über 15 Millionen Menschen fühlen sich manchmal oder oft einsam, das sind erstaunliche 23 Prozent aller Briten. Von den Menschen, die 75 Jahre oder älter sind, leben 51 Prozent allein. Bis zum Jahr 2025 könnte die Zahl der über 50-Jährigen, die sich einsam fühlen, um die Hälfte auf mehr als zwei Millionen steigen.

Einsame Menschen haben höheres Sterberisiko.

Angesichts dieser Zahlen spricht die britische Regierung von einer Einsamkeitsepidemie. Vereinsamung als Krankheit zu sehen, ist nicht übertrieben. Denn die Folgen des Alleinseins können tödlich sein. Einsamkeit ist gesundheitsschädlicher als 15 Zigaretten am Tag oder Fettleibigkeit, fand eine Untersuchung der Brigham Young University heraus. Einsame Menschen leiden verstärkt unter Demenz, Herzerkrankungen und Depression. Sie haben ein um 29 Prozent höheres Sterberisiko.

Cyril Aggett hat neben dem Essen in der Schulkantine ein weiteres Mittel für sich entdeckt: Er bekämpft die Einsamkeit mit Musik. Er hat sich eine neue Musikanlage gekauft, die seine alten Schallplatten spielt. Von der Tonkunst der 20er- bis zu den 70er-Jahren ist alles dabei. „Wenn es mir zu viel wird“, sagt Aggett, „lege ich meine Platten auf und genieße das.“

Allein ist nicht einsam: Psychologen erklären, wie positiv sich die Zeit ohne Handy, Freunde und TV auf die Gesundheit auswirkt.

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