Vulkane

Selfie am Abgrund – warum Urlauber für Fotos alles riskieren

Die Jagd nach dem ultimativen Urlaubsfoto treibt immer mehr Menschen in die Nähe aktiver Vulkane – und das mit oft tödlichen Folgen.

Mit Kind und Gasmaske posiert dieser Mann über dem Krater des Vulkans Ijen auf der Insel Java.

Mit Kind und Gasmaske posiert dieser Mann über dem Krater des Vulkans Ijen auf der Insel Java.

Foto: imago stock / imago images/Westend61

Tauranga. Für Lauren und Matthew Urey aus Richmond in den USA sollte es ein fantastisches Erlebnis werden – doch dann endete ihre Hochzeitsreise abrupt in einer Katastrophe. Die 32-Jährige und ihr 36 Jahre alter, frisch angetrauter Mann gehören zu den 30 Touristen, die sich beim Ausbruch des Vulkans auf der neuseeländischen Insel White Island am Montag schwerste Verbrennungen zuzogen und seitdem im Krankenhaus liegen.

Dabei hatten beide noch Glück – für 14 andere Touristen kam jede Hilfe zu spät, sie sind mit hoher Wahrscheinlichkeit tot. Erstickt und erschlagen von Aschewolken und glühend heißen Felsbrocken.

Hätte das Unglück vermieden werden können, lautet nun die große Frage. Für viele Experten ist die Antwort eindeutig. Vulkanologen wie der Amerikaner Loyc Vander­kluysen sind überrascht, dass zum Zeitpunkt des Ausbruchs überhaupt Touristen auf der Insel waren. Wissenschaftlern sei bewusst gewesen, dass der Vulkan in eine Phase erhöhter Aktivität übergehe.

Das bestätigt Stefan Bredemeyer vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. Der Vulkan auf White Island sei bekannt für plötzliche explosive Eruptionen. „Diese treten oft ohne deutlich erkennbare Vorzeichen auf“, sagt Vulkanologe Bredemeyer. Wenige Stunden vor dem Ausbruch am Montag hätten die seismischen Aktivitäten deutlich zugenommen. „Ob das den Reiseveranstaltern bekannt war, ist fraglich.“

Der Vulkantourismus hat rasant zugenommen

Gehen Tourenveranstalter zu hohe Risiken ein, um abenteuerhungrigen Urlaubern etwas zu bieten? Der Vulkantourismus hat in den vergangenen zehn Jahren rasant zugenommen. Ob am Ätna in Italien, am Kilauea auf Hawaii oder am Nyamuragira im Kongo – überall auf der Welt buhlen Anbieter mit Helikopterflügen über glühende Lavafelder, Jeeptouren oder mehrtägigen Wanderungen zu aktiven Vulkanen um Urlauber.

Zu einem Hotspot ist Island geworden. Das „Land aus Feuer und Eis“ ist eine der geologisch aktivsten Regionen der Erde. Seit dem Ausbruch des Eyjafjallajökull im Jahr 2010, als eine Aschewolke den Flugverkehr auf der Nordhalbkugel lahmlegte, hat sich die Zahl der Touristen auf Island verfünffacht. Allein aus Deutschland reisten 2018 rund 140.000 Urlauber in das Land, das etwa 130 aktive und inaktive Vulkane zählt. Eine besondere Attraktion ist der Thrihnukagigur – in einer offenen Gondel kann man 120 Meter zum Grund der Magmakammer des schlafenden Vulkans hinabfahren.

Die Geografin Amy Donovan von der Universität Cambridge untersuchte 2018 in einer Studie das Phänomen Vulkantourismus. Sie habe sich interessiert, herauszufinden, warum sich Menschen derart großen Gefahren aussetzten, sagt Donovan. Zu ihrem Erstaunen stellte sie fest, dass das Motiv in vielen Fällen schlicht war, das perfekte Urlaubsfoto zu schießen.

„Volcanoselfies“ sind in den sozialen Medien ein Trendthema

In den sozialen Netzwerken – vor allem bei Instagram – wimmelt es nur so von „volcanoselfies“, bevorzugt junge Menschen fotografieren sich mit glühender Magma im Hintergrund oder mit Selfiestick an Kraterhängen kletternd. Vulkantouristen seien „häufig schlecht informiert über potenzielle Gefahren und viel zu schlecht ausgerüstet für solche Touren“, weiß Vulkanologe Bredemeyer.

Die Jagd nach dem ultimativen Selfie oder Adrenalinkick treibt bisweilen sonderbare Blüten: Die US-Firma bungee.com bietet für 16.000 Dollar ein wohl einzigartiges Erlebnis an – einen Bungeesprung in einen aktiven Vulkan hinein.

Videos auf Youtube zeigen, wie Todesmutige von einem Helikopter aus in den Krater des Villarrica in Chile springen, unter ihnen die lodernde Glut. Potenziellen Interessenten beantwortet die Firma auf ihrer Webseite gleich die wohl wichtigste Frage: „Könnte ich dabei sterben?“ Antwort: „Ja, das könnten Sie.“

Jonathan Gibbs – Bungee-Sprung am Vulkan
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