Interview

Warum Robert De Niro für gute Rollen bereit ist zu leiden

Kino-Legende Robert De Niro über seinen neuen Film „The Irishman“, die Bedeutung von Netflix und seinen Status als Schauspiel-Legende.

Robert De Niro bei der Premiere von „The Irishman“.

Robert De Niro bei der Premiere von „The Irishman“.

Foto: Joel C Ryan / dpa

Marrakesch.  Er ist einer der wenigen Menschen weltweit, die man nicht vorstellen muss: Robert De Niro, Kultschauspieler, Chamäleon, Jahrhundertmime. Für seine Rollen ging er oft bis an die Grenzen psychischer und physischer Belastbarkeit und gewann zwei Oscars für seine Leistungen.

Als das Filmfest Marrakesch dem 76-Jährigen Tribut zollte, konnten wir mit ihm über „The Irishman“ sprechen: Das Prestigeprojekt von Netflix ist mit einem Budget von geschätzten 135 Millionen Dollar das teuerste, das es je bei ihnen gab. Jetzt ist der Film auch für Netflix-Kunden verfügbar, nachdem er zwei Wochen lang im Kino zu sehen war. Mariam Schaghaghi sprach mit Schauspiellegende De Niro über seine Rolle als Mafia-Killer Frank Sheeran.

Herr De Niro, sieht man Sie in „The Irishman“ endlich wieder in einem gewichtigen Meisterwerk wie „Taxi Driver“, „Goodfellas“ oder „Casino“? Wer ist der „Irishman“?

Robert De Niro: „The Irishman“ erzählt die wahre Geschichte des irischen Auftragsmörders Frank Sheeran. Eigentlich hatten Marty und ich etwas anderes vor, aber dann las ich zufällig dieses Buch und wir haben sofort beschlossen, den zu drehen.

Was verbindet Sie mit „Marty“ Scorsese außer neun Filmen?

De Niro: Wir sind in derselben New Yorker Gegend aufgewachsen, in Little Italy, und lernten uns mit 15,16 kennen. Wir hatten schon damals den selben Filmgeschmack und denselben Appetit auf gute Storys. Daher haben wir so oft miteinander gedreht. Ich habe es aufgegeben zu erklären, wie wir miteinander arbeiten. Das Einzige, was ich in Worte fassen kann, ist, dass unsere Arbeit auf Vertrauen basiert.

Sie sind per digitalen Tricks als jüngere Version von sich selbst zu sehen. Was halten Sie von diesen technologischen Möglichkeiten?

De Niro: Die Ursprungsidee war, den „Irishman“ über vier, fünf Jahrzehnte zu spielen. Ich finde die Technik toll, ich musste mir keine Sorgen machen, ob die Maske das Make-up gut hinkriegt.

„The Irishman“ soll mit einem angeblichen Budget von 135 Millionen Dollar der teuerste Netflix-Film überhaupt sein…

De Niro: Was, ist es so viel? Was für ein Glück, dass wir das bekommen haben! Ich weiß nur, dass es nicht leicht war, ihn auf traditionelle Art finanziert zu bekommen. Die großen Hollywood-Studios kriegten es nicht hin, daher waren wir selig, als Netflix zusagte. Sie haben den Film nicht nur finanziert, sondern haben uns komplette künstlerische Freiheit gewährt.

Wo stehen Sie in der Debatte: Wird Netflix der letzte Sargnagel sein, um die Filmkunst aus den Sälen zu treiben? Oder werden Streamingdienste zum Refugium der Filmemacher?

De Niro: Ich verstehe die Problematik und weiß, warum viele etablierte Studios Angst vor Streaming-Diensten haben. Wir haben mit Netflix auch lange darüber diskutiert, sie haben zugestimmt, unseren Film zusätzlich in ausgewählten Kinos zu zeigen. Der Konflikt zwischen Streamingdiensten und Kinos muss irgendwie gelöst werden, auch wenn die Lösung nicht jedem gefallen wird. Aber natürlich kann ich die Zukunft des Kinos nicht voraussehen.

Seit über 50 Jahren stehen Sie vor der Kamera. Mit welchem Gefühl blicken Sie auf Ihre bisherige Karriere zurück?

De Niro: Ich sah neulich einen Zusammenschnitt einiger Filme. Viele davon hatte ich schon lange nicht mehr geschaut. Und ich muss sagen: Das hat sich gar nicht schlecht angefühlt! Vielleicht lag’s auch daran, dass ich nur Ausschnitte sah. Sobald ich mir selbst etwas länger zuschaue, wird mir das sehr peinlich. Dann bin ich einfach froh, dass so viele Menschen meine Arbeit mögen und schätzen.

Haben gerade junge Schauspieler vor Ihnen keine enorme Ehrfurcht?

De Niro: Ach, das vergeht schnell wieder. (lacht) Meist mache ich halt einfach meinen Job. Als ich „In den Straßen der Bronx“ drehte, hatte ich gleich am ersten Tag eine Szene mit drei Kindern, ich wußte nicht, wie ich mit ihnen spielen und sie von A nach B bekommen sollte … Keine Ahnung, wie ich’s schaffte, aber am Ende hat’s geklappt. Zu leben bedeutet, sich auf das Unbekannte einzulassen. Und schnell Entscheidungen zu treffen.

Sind Sie schwierig am Set?

De Niro: Nein. Ich weiß ja, wie schwer es ist, dass man als Filmemacher dauernd wichtige Entscheidungen treffen muss. Ich scherze oft mit dem Regisseur: „Dieser Film ist dein Problem. Aber wenn Du weißt, was du willst: Ich bin zu allem bereit, wenn du mich brauchst.“

Ist es unumgänglich, dass ein guter Schauspieler für eine Rolle manchmal leiden muss, wie Marlon Brando in „Der letzte Tango in Paris“ oder Sie in „Wie ein wilder Stier“?

De Niro: Leider trifft das zu: Manchmal muss ein Schauspieler für eine gute Rolle leiden. Aber wenn ich leide, dann muss ich auch wissen, warum. Ich mag es nicht, wenn Regisseure ihre Schauspieler ohne Grund quälen.

Gibt es auch Dinge in Ihrer Karriere, die Sie bereuen?

De Niro: Natürlich. Aber das werde ich hier nicht erzählen! (lacht)