Ermittlungen

Nach Fällen in NRW: Wie groß ist das Pädophilen-Netzwerk?

Nach Fällen von Kindesmissbrauch in Bergisch Gladbach werden Ermittler in immer mehr Bundesländern aktiv. Wie groß ist das Netzwerk?

Ermittler sind auf der Suche nach Mitgliedern eines Kinderporno-Netzwerks mittlerweile fast in ganz Deutschland aktiv.

Ermittler sind auf der Suche nach Mitgliedern eines Kinderporno-Netzwerks mittlerweile fast in ganz Deutschland aktiv.

Foto: misterQM / Photocase / imago/Photocase

Köln/Krefeld/Bergisch Gladbach. Die aufgedeckten Fälle von Kindesmissbrauch in Bergisch Gladbach und Umgebung ziehen immer weitere Kreise. Ermittler werden in immer mehr Bundesländern aktiv. „Es gibt deutliche Hinweise auf Straftaten in anderen Bundesländern“, sagte der Kölner Staatsanwalt Ulrich Bremer am Donnerstag. Die entsprechenden Polizeistellen seien informiert worden.

Laut einem Bericht der „Kölnischen Rundschau“ stehen nach NRW, wo sieben Tatverdächtige festgenommen und Unmengen belastender Fotos und Videos sichergestellt werden konnten, nun auch Berlin, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein im Fokus der Ermittler. In Hessen und in Rheinland-Pfalz waren bereits Verdächtige festgenommen worden.

In den ersten aufgedeckten Fällen war bereits ermittelt worden, dass die Verdächtigen zum Teil ihre eigenen Kinder und Stiefkinder missbrauchten. Zwölf Opfer sind den Ermittlern bis jetzt bekannt – das jüngste nicht mal ein Jahr alt, das älteste elf Jahre alt. Fotos und Videos der Taten teilten Verdächtige in Chat-Gruppen mit bis zu 1800-Mitgliedern.

Kindesmissbrauchs-Netzwerk könnte überall in Deutschland Mitglieder haben

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte am Mittwoch von einem „riesigen Kinderporno-Netzwerk“ gesprochen. In diesem Netz trieben „viele, viele Täter aus allen Ecken Deutschlands“ ihr Unwesen – darunter Familienväter und Ehemänner, wie Reul berichtete.

Die große Frage der mittlerweile mehr als 250 beteiligten Ermittler: Wie groß ist das Netzwerk der Pädophilen? „Allein die Vorstellung, dass 1800 Menschen in einem Chat Kinderpornos tauschen, haut einem ja die Füße weg“, sagte Herbert Reul. Leider sei aber zu befürchten, dass noch mehr zu Tage kommen werde. „Das ist nicht das Ende.“

Für die Ermittler ist die Arbeit belastend – und aufwändig: Bis jetzt sind laut Reul bereits 30 Terabyte Daten auszuwerten – die Datenmenge würde 7,5 Milliarden Schreibmaschinenseiten füllen.

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Polizei-Seelsorger spricht von „massenhaftem Problem“

Polizei-Seelsorger Dietrich Bredt-Dehnen ist nicht überrascht vom Ausmaß des Netzwerks: „Wir wissen aus vergangenen Ermittlungen, dass solche Verfahren sich wie eine Krake in weite Bereiche hineinziehen.“ Der Leiter der evangelischen Seelsorge am Landeskriminalamt (LKA) NRW betreut seit neun Jahren Beamte, die im Bereich Kinderpornografie ermitteln und mit schwerer sexualisierter Gewalt an Kindern konfrontiert sind.

Nicht nur im Darknet, sondern auch im frei zugänglichen Internet gebe es viele Foren, die auf den ersten Blick gar nichts mit Kinderpornografie zu tun hätten, sondern etwa harmlose Bilder von Kindern beim Turnen oder Schwimmwettbewerben zeigten. Mit entsprechenden Formulierungen verständige und vernetze sich die Szene. „Wir haben es mit einem massenhaften Problem zu tun, das alle Milieus unserer Gesellschaft betrifft“, sagte der Bredt-Dehnen. „Und wir haben noch nicht genügend technische Möglichkeiten, das wirklich in den Griff zu bekommen.“

Hundertfacher Missbrauch in Lüdge erschütterte Deutschland

In diesem Jahr war bereits hundertfacher Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde bekannt geworden. Mindestens 32 Kinder wurden jahrelang sexuell missbraucht. Gegen die Angeklagten wurden Anfang September hohe Haftstrafen verhängt und anschließende Sicherungsverwahrung angeordnet.

Am 31. Oktober musste sich einer der Jugendlichen selbst vor dem Landgericht Paderborn verantworten, weil er vom Opfer zum Täter geworden sein soll. Der Prozess endete mit einem Freispruch.

(dpa/gem/br)