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„Tatort“-Kommissar Ulrich Tukur: „Ich bin dunkel grundiert“

Schauspielstar Ulrich Tukur über seinen Roman „Der Ursprung der Welt“ – und den Einfluss seiner Frau auf sein literarisches Schaffen.

Ulrich Tukur (62) sieht sich als „Melancholiker, das schon, aber zum Glück nicht von dieser robusten, germanischen Depressivität“.

Ulrich Tukur (62) sieht sich als „Melancholiker, das schon, aber zum Glück nicht von dieser robusten, germanischen Depressivität“.

Foto: Arne Dedert / dpa

Berlin.  Er ist einer der der renommiertesten Theater- und Filmschauspieler Deutschlands und glänzte unlängst in der Rolle des Kommissars Murot im „Tatort“. Im Interview erzählt Ulrich Tukur (62) nicht nur über seinen neuen Roman „Der Ursprung der Welt“, sondern auch sehr persönlich aus seinem Leben.

Auf den ersten Blick haben Sie ein sehr heiteres Wesen, sind aber auch melancholisch. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Ulrich Tukur: Das Leben ist ja keine durch und durch heitere Angelegenheit. Ich bin dunkel grundiert, das war ich schon immer. Und um besser damit leben zu können, kapriziere ich mich eben ein bisschen heiter. Man wäre ja auch nicht wirklich witzig und interessant, wenn nicht etwas anderes, Dunkles unter den Dingen schlummerte, das wäre larifari. Das Leben besteht immer aus zwei Seiten: hell und dunkel, warm und kalt, das ist bei mir genauso wie bei vielen anderen Menschen auch. Ich bin ein Melancholiker, das schon, aber zum Glück nicht von dieser robusten, germanischen Depressivität.

In Ihrem neuen Roman „Der Ursprung der Welt“ geht es auch nicht nur düster zu.

Tukur: Das würde einen auch nur herunterziehen, deswegen habe ich versucht auch ein paar „heitere Momente“ in dieses eigentlich melancholische, ja düstere Buch einzufügen.

Für Ihr Buch haben Sie Reisen zu den Originalschauplätzen gemacht. War es Ihnen wichtig, vorher alles ganz genau zu kennen?

Tukur: Ja, das war mir sehr wichtig. Wenn Sie eine fantastische Geschichte schreiben und die Leser auf eine irrwitzige Reise einladen wollen, dann müssen Sie viele stimmige Details einfügen, Sie müssen realistisch erzählen. Und das geht nur, wenn Sie gründlich recherchieren und zu den Originalschauplätzen reisen. Südfrankreich und die Côte Vermeille waren also ein Muss. Als ich am Hafen von Port-Vendres herumspazierte, rief plötzlich jemand „Uli!“.

Es war Ari Handke, der den Costa-Gavras-Film „Der Stellvertreter“ ausgestattet hatte. Ich hatte ihn Jahre nicht mehr gesehen, und nun saß er zufällig in einem Café am Hafen. Er wohnte dort. Ich sagte gleich „Zeig‘ mir doch mal die Gegend!“, und dann hat er mich überall hingeführt: nach Banyuls und Portbou und Port-Vendres sowieso. Besonders wichtig war die Wanderung über die Pyrenäen ins spanische Portbou.

Ihre Frau hat Sie bei der Wanderung begleitet. War es Ihnen wichtig, dass sie dabei ist?

Tukur: Ja, meine Frau ist ein kluger Mensch, und darum ist sie auch meine Muse und mein Sparringspartner. Wenn man schreibt, ist man oft sehr allein, und da ist es gut jemanden zu haben, der einem hin und wieder sagt, dass das Ganze noch Sinn macht, auch wenn man drauf und dran ist zu verzweifeln. Ohne meine Frau hätte ich das Buch vermutlich nicht zu Ende gebracht.

War Ihre Frau so ein bisschen Ihr Motivationscoach?

Tukur: Alleine wäre ich, wie gesagt, irgendwann verzweifelt. Aber sie hat mich in solchen Momenten immer wissen lassen „Doch, es geht weiter!“ und wir haben gemeinsam eine Lösung gefunden. Das ist das Reizvolle beim Schreiben, du triffst eine Entscheidung und dann geht es weiter.

Wie lange haben Sie an der Geschichte geschrieben?

Tukur: Ziemlich genau drei Jahre. Ich habe mich nur einmal zwei Monate in die Berge der Toskana zurückgezogen und mich auf den Roman konzentriert. Dabei ist aber nicht so viel entstanden wie während der Dreharbeiten, wo man sich zwischen den Takes ja so furchtbar langweilt.

Im neuen Filmporträt „Der Schauspieler Ulrich Tukur – Träumer und Suchender“ begleitet die Kamera Sie auf einem Bauernhof, der sehr karg eingerichtet ist. Dabei würde man bei Ihnen viel eher eine elegante und romantische Art der Einrichtung erwarten.

Tukur: Unsere alte Wohnung in Venedig war so, aber auch die neue Wohnung, die wir jetzt in Berlin beziehen, entspricht dem, was Sie erwarten. Aber auf 1000 Meter Höhe hat man keine große Wahl. Das ist ein uralter Bauernhof mit einem großen Kamin, da überlebt nichts Filigranes in den kalten Wintern, in denen das Haus alleine dasteht. Da muss man schon robuste Möbel haben. Wir heizen dort sechs Monate im Jahr, sonst friert uns alles ein. Es ist sehr wild da oben.

Waren Sie schon immer jemand, der stark mit der Vergangenheit gelebt hat? Das bevorzugen Sie ja auch in Mode, Musik und Literatur.

Tukur: Das stimmt. Aber ich habe Geschichte in Tübingen studiert. Ich weigere mich einfach, nur den Konsumenten im Horizontalen zu spielen. Ich stamme wie wir alle aus großen Tiefen. Und ein bisschen Geheimnis macht das Leben erst spannend und reich. In meinem Buch beschreibe ich auch einen Melancholiker, der sich irgendwie nach der Vergangenheit sehnt. Und das alte Haus meiner Großeltern, das ich in meinem Buch als Haus von Paul Goullet beschreibe, lebt auch in mir weiter. Wer wäre ich heute, wenn ich nicht wüsste, woher ich komme?

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