Geschlechter

Macho oder lieber Kerl? Warum Männer Angst vor Flirts haben

Tief im Inneren ist der Mann verunsichert, sagt Männer-Coach Mark Lambert. Selbst das Flirten ist schwierig. Doch so kann es klappen.

Flirten ist für Männer immer komplizierter geworden, sagt ein Männer-Coach. Doch es gibt Regeln, die es einfacher machen.

Flirten ist für Männer immer komplizierter geworden, sagt ein Männer-Coach. Doch es gibt Regeln, die es einfacher machen.

Foto: William Peruginivia www.imago-images.de / imago images / Westend61

Berlin.  Männer haben die guten Jobs. Männer sind die Gewinner des Systems. Sie helfen zwar im Haushalt, aber nur ein bisschen. Ansonsten: Sie sind gut drauf. Mal Chef-Ansager, mal Rebell – ein Hoch auf das Alphatier. Wenn das so einfach wäre. Ist es aber nicht.

Denn der Mann ist in der Kri se, sagen Psychologen. Der Mann fühlt sich als Opfer. Er weiß nicht mehr, wer er ist. Macho oder lieber Kerl? Und ob er überhaupt noch flirten darf, weiß er genauso wenig. Der neue Feminismus hat ihn verunsichert, sagt Männer-Coach Mark Lambert. Der Fluch von #metoo? Der Coach sagt, wie es trotzdem klappen kann.

Frauen und Männer: Komplimente? Ganz vermintes Gebiet

Früher war das ja so: Da sagte ein Mann etwas wie „Du hast ein schönes Keid an“. Das fanden die Frauen jetzt auch nicht sooo toll. War vielleicht ideenlos, vielleicht auch oberflächlich. Aber übers Wetter zu reden, war ja auch nicht der Hit. So eine Konversation über ein Kleid sei heute undenkbar, sagt Lambert.

Alles, was aufs Äußerliche abzielt, sei ein Tabu. „Das ist, was jeder Mann von der alten Schule gelernt hat. Aber die Frau auf ihre Schönheit zu reduzieren, kommt heute nicht mehr gut an.“ Mit der Folge, dass am Tresen lieber über den Job geredet wird. Oder über Fußball. Gähnen inbegriffen. Nein, das sei nicht als Strafe gedacht, sondern als Ausdruck der allgemeinen Verunsicherung. Lambert: „Viele Männer haben Angst davor zu flirten. Aus Furcht vor einer potenziellen Ablehnung.“

Das, was aber doch eigentlich zum Flirt gehöre wie der Schaum aufs Bier, sei aber ein gewisser Mut, auch Grenzen zu überschreiten. Ein Spiel mit dem „was geht“-Gefühl. Ein Ausprobieren. Ein Ausloten der Grenzen.

Wenn man sich wie in Skandinavien erst ein offizielles „Ja“ für eine Berührung einholen müsse, sei die Luft raus aus dem Spiel des Begehrens. Wie soll da noch der Funke zünden, wenn man ihr nicht einmal über die Hand streichen dürfe, so Lambert. „Viele Männer fühlen sich unsicher, eine Frau im Flirt zu berühren, weil sie Angst haben, als sexuell belästigend zu gelten oder übers Ziel hinauszuschießen.“

Selbst James Bond ist kein Macho mehr

Übers Ziel hinausgeschossen sind Männer oft genug. Mit schlimmen Folgen, die #metoo ans Licht gebracht hat. Die wichtige Bewegung habe aber zu einer gewissen Kollektivschuld geführt, sagt der Münchner Strafrechtler Alexander Stevens, Fachmann für Sexualstrafrecht und aus Fernsehserien wie „Richter Alexander Hold“ bekannt.

„Männer sind sehr vorsichtig geworden. Einerseits ist ihnen überhaupt nicht mehr klar, wann sexuelle Belästigung beginnt, wie weit der einvernehmliche Flirt geht und wann ein entgegenstehender Wille klar geäußert wurde.“ Es sei ja so, dass „allein der bloße Vorwurf, nur der Hauch eines Verdachts bereits existenzvernichtend“ sein kann.

Was also tun, wenn der Mann eine Frau sieht, mit der er eben nicht über Börsenkurse, die Vorteile von E-Autos oder über die Abholzung des Regenwaldes reden will. Wie kommt die persönliche Note ins Spiel? Früher halfen Vorbilder. Tolle Typen aus tollen Filmen. James Bond, so einer wusste, was zu tun ist. Aber auch da kommt es zu Brüchen im Bild. Daniel Craig wurde mit einer Babytrage gesichtet – und verspottet. Moderne Männer-Ikone, mag ja sein. Aber wie wird aus dem gebeutelten Mann der bewegte Mann mit Babytrage? Der Coach sagt: „Bleiben Sie authentisch.“

Bloß nicht übers Dekolleté reden

Mann soll also sein, wie man ist. Doch ist nicht genau das das Problem? Wie ist Mann denn? Einfach locker bleiben. So, wie er sich fühlt, so soll er auch auftreten. Natürlich „im sozial akzeptierten Rahmen“, jetzt nicht irgendwie komplett schräg auftreten. Das würde seltsam wirken.

Dann sagt der Coach noch etwas, was vielleicht mehrdeutig rüberkommen kann: „Holen Sie die Frau dort ab, wo sie gerade steht.“ Gemeint ist nicht: abschleppen. Sondern auf ihre Bedürfnisse eingehen. Jetzt könnte das schon wieder ein dicker Stolperstein sein. Wenn Mann glaubt, die Bedürfnisse der Frau zu kennen, geht das selbst in langen Ehen noch schief.

„Sprechen Sie das aus, was Sie gerade denken“, rät Lambert. Man kann nur hoffen, dass der Herr ein sensibler Formulierer ist. Wenn er das ist, darf er auch ruhig ein Kompliment machen. Es sollte aber ein besonderes sein. Und bitte nicht aufs Dekolleté abzielen, auch wenn sie es noch so schön zeigt und es ihm auch noch so gut gefällt.

Mann kann so viel falsch machen. Lobt er ihren Mund – Vorsicht, Gefahrenzone. Das betrifft die Augen, die Arme, die Beine – wie eigentlich sämtliche Körperteile. Das gesamte Aussehen als Tabuzone? Wie kann das sein, wenn der Blick entscheidet über das, was da vielleicht noch kommt?

Physische Attraktivität ist der Schlüssel für eine Beziehung, da ist sich die Wissenschaft einig. Mehr bei Männern als bei Frauen. Die setzen mehr auf Status und auf Bindungslust. Deshalb haben sich manche Männer ja auch lange wohl gefühlt in ihrer Rolle als „Frauenversteher“, für die es Lob gab vom Gleichstellungsreferat wie von Alice Schwarzer.

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Ist der Muskelprotz nicht mehr gefragt?

Als Coach kenne Mark Lambert die Irritation der Männer gut. Sie wissen nicht, wo sie sich positionieren sollen, um Frauen zu gefallen. Eigentlich dachten sie, ihr Examen gemacht zu haben: brilliert im Fach „Geburtsvorbereitung“, „WC-Reinigung“ und „Mann, der sogar Muffins backen kann“. Doch mit dieser Gratifikation ist ihnen etwas flöten gegangen: der Sex. Vom Eros zum „Hallöle, ich bin der Micha“.

Vom „Frauenversteher“ also zum „Warmduscher“, da ist die Grenze fließend. Klar, Männer wollen in der Familie präsenter sein. Väterlichkeit, Hausarbeit und Teilzeitarbeit gehören zum neuen Männerbild dazu. Aber Hallo: Wo bleibt der Platz für den Muskelprotz? Der Frauenversteher geht eher in die Eisdiele als ins Fitnessstudio.

Frauen lieben Männer mit strammen Waden und Knackpopo

Und so perfide es ist: Die Frauen lieben Kerle mit Knackpopo und nicht mit Hängebauch. 63 Prozent der Frauen lieben breite Schultern. 23 Prozent fahren besonders auf kräftige Deltamuskeln (liegt wie ein Paket über dem Schultergelenk). Fazit: Frauen wollen einen Mann, der nicht nur stark ist und es auch zeigt. Durchtrainierte Beine und stramme Waden gehören in jedem Fall dazu, das ergab eine Men’s-Health-Umfrage.

Stellen wir uns also nur einmal vor: Der Mann, den Frauen sich erträumen, steht am Tresen und redet mit ihr über, sagen wir, den Brexit. Will sie das? Vielleicht. Oder soll so ein Typ sie nicht einfach doch über die Schwelle tragen? Sagen wir so: Vielleicht, nur vielleicht, geht ja auch beides.