TV-Krimi

„Tatort“ zu Kannibalismus: Wenn Menschen Menschen essen

Im „Tatort“ wurde geballert wie selten. Gruselig. Aber noch gruseliger war Rüdiger, der Kannibale. Was steckt hinter Kannibalismus?

Draußen stehen die bewaffneten Ganoven, drinnen sitzt der Menschenfresser: Der „Tatort“ mit Ulrich Tukur als Kommissar Murot „Angriff auf Wache 08“ ist im doppelten Sinne gruselig.

Draußen stehen die bewaffneten Ganoven, drinnen sitzt der Menschenfresser: Der „Tatort“ mit Ulrich Tukur als Kommissar Murot „Angriff auf Wache 08“ ist im doppelten Sinne gruselig.

Foto: Bettina Müller / dpa

Berlin. „Tatort“ mit Tukur ist immer ein Mix aus Filmkunst und Krimi. Da kann ruhig heftig herumgeballert werden. So wie am Sonntag in „Angriff auf Wache 08“. Da sind auf der einen Seite extrem gewaltbereite Killer, die mit ihren Waffen in einem Polizei-Museum für Angst und Schrecken sorgen – und da ist auf der anderen Seite der liebe Rüdiger. Ein Softie – und ein Menschenfresser.

Vier Leute hat er schon verspeist. Eigentlich saß er ja in Haft. Aber jetzt ist er dank eines blöden Unfalls bei seiner Verlegung doch in dieser alten Polizeistube irgendwo im Nirgendwo gelandet. „Ein Serienmörder?“, fragt einer. Kommissar Murot (Ulrich Tukur) antwortet: „Schlimmer.“

In der Tat: Bei diesem „Tatort“ gruselt es einen mehr vor dem lieb drein blickenden Rüdiger als vor der ballernden Bande. Kannibalismus ist eins der großen Tabus der Kriminalgeschichte. Dabei werden immer wieder Fälle aufgedeckt.

Tatort zu Kannibalismus – die schlimmsten Fälle

2017 untersuchte die südafrikanische Polizei hunderte Fälle von Kannibalismus, nachdem ein Mann eine Hand und ein Bein in eine Polizeistation gebracht hatte. Dabei soll er erklärt haben, er wolle kein Menschenfleisch mehr essen In einem kleinen südafrikanischen Dorf wurden drei Männer im Alter von 22, 29 und 32 Jahren verhaftet, weil sie eine Frau vergewaltigt, ermordet, zerstückelt und gegessen haben sollen.

Die Festgenommenen waren so genannte Nyangas, traditionelle Medizinmänner. Diese geben an, dass Kannibalismus Teil ihrer Behandlung sei. Bei der folgenden Untersuchung durch die Polizei stellte sich heraus, dass ein Drittel der Bewohner regelmäßig Menschenfleisch isst.

Weil sie niemanden töten wollten, hätten sie Leichen auf dem Friedhof ausgegraben. Zum Beweis sollten sie die Knochen zur Hütte der Medizinmänner bringen und sie ihnen vorlegen. Davon versprachen sie sich Gesundheit und Reichtum.

Denke, Haarmann und der Kannibale von Rotenburg

In Deutschland gehören Karl Denke und Fritz Haarmann gehören zu den bekanntesten Mehrfachmördern zu Beginn des Jahrhunderts. Denke ermordete während des Ersten Weltkrieges 26 Männer und fünf Frauen. Bei ihm wurden Behälter mit gepökeltem Menschenfleisch gefunden.

Von 1918 bis 1924 tötete Haarmann mindestens 26 junge Männer in Hannover und trank zum Teil ihr Blut. Möglicherweise hat er sogar mehr als 100 Jugendliche umgebracht. Er wurde im April 1925 geköpft

In die Schlagzeilen geriet 2002 Armin Meiwes, der „Kannibale von Rotenburg“. Meiwes wurde 2006 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes und Störung der Totenruhe verurteilt. Der Computertechniker hatte im Jahr 2001 einen Internet-Bekannten getötet, zerlegt und Teile des Körpers gegessen. 15 Jahre Haft bekam er – zwischenzeitlich kämpfte er für eine vorzeitige Haftentlassung. Der Fall und die anschließenden Verhandlungen hatten deutschlandweit großes Aufsehen erregt.

Der Kannibalismus ist nicht strafbar

In Interviews sagte Meiwes, dass sich bei ihm „durch das jahrelange Surfen im Internet und der Suche nach jungen Männern eine völlige Verschiebung der Normalität“ vollzogen hätte. Das Abnorme sei für ihn normal geworden. Auch Meiwes galt als äußerst freundlicher und hilfsbereiter Mensch. Keiner konnte sich vorstellen, dass er zu so etwas in der Lage war. Er selbst auch nicht. „Irgendwie fühlte ich mich verführt und ich habe nie gedacht, dass es so eine Seite in mir gibt“, sagte er in einem Interview.

So sehr Kannibalismus schockiert – in Deutschland ist er nicht strafbar. Strafrechtsprofessor Lorenz Böllinger: „Das Essen von Menschenfleisch ist kein Tatbestand nach dem deutschen Strafrecht.“ Das Töten allerdings schon.

Meiwes hob während der Verhandlung immer wieder darauf ab, darauf, dass er den 43-jährige Bernd B. auf dessen ausdrücklichen Wunsch getötet habe. Es sei kein Mord und kein Totschlag, sondern Tötung auf Verlangen gewesen.

Warum essen Menschen Menschen?

„Kannibalismus ist eine alte und weit verbreitete menschliche Praxis“, sagen die Wissenschaftler Jesus Rodriguez und sein Team von Nationalen Forschungszentrum für Menschheitsgeschichte des Max-Planck-Instituts. Warum Menschen das tun, sei eine komplexe Sache. Beim frühmenschlichen Kannibalismus gehe es nicht, wie häufig vermutet, um die Nahrungsaufnahme bei einer Hungersnot. Forschungen in der Gran Dolina-Höhle nördlich der spanischen Stadt Burgos hätten ergeben, dass genügend Tiere vorhanden gewesen wären. Trotzdem hätte es Menschenopfer gegeben.

Die Forscher sind sich sicher: Die Menschen wurde absichtlich ausgewählt. Die Wissenschaftler erklären es sich dadurch, dass der Aufwand geringer ist. Ein Beutetier wie ein Hirsch sei schnell, ein Nashorn wehrhaft. Menschen hingegen seien deshalb eher Opfer, weil sie leichte Beute sind, so die Forscher.

  • Geständnis – „Ich habe keinen Hunger mehr“: Kannibale stellt sich der Polizei

Spektakuläre Fälle von Kannibalismus:

In der mittelasiatischen Republik Kasachstan wurden im Oktober 2001 vergangenen Jahres zwei Männer zum Tode verurteilt, weil sie sieben junge Prostituierte ermordet und die zerstückelten Leichen zu Schaschlik verarbeitet hatten. Das Menschenfleisch aßen sie selbst oder boten es nichts ahnenden Verwandten an.

In der weißrussischen Hauptstadt Minsk nahm die Polizei im Oktober 2001 sechs Menschen fest, weil sie einen Mann getötet und seine Leber gegessen hatten.

In Finnland mussten sich im März 1999 drei junge Männer und eine Frau wegen Kannibalismus und Mordes vor Gericht verantworten: Die Anhänger eines „Satanskults“ sollen ein Gruppenmitglied gefoltert, umgebracht und teilweise verzehrt haben.

Ebenfalls 1999 nahm die Polizei in Venezuela einen Mann fest, der sich selbst als Kannibalen bezeichnet hatte: „Ich bin seit zwei Jahren Menschenfresser, esse aber keine Frauen, weil sie niemandem etwas antun“, erklärte der Mann, dem die Ermordung von mindestens zehn Menschen zur Last gelegt wurde.

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