Globale Erwärmung

Dramatischer Klimareport: Das Eis schmilzt immer schneller

Schlechte Nachricht für Deutschlands Küsten: Das Wasser steigt schneller. Der Weltklimarat IPCC hat weitere dramatische Botschaften.

Eisberge in einer Bucht von Grönland: Die Schmelze trägt erheblich zum  Anstieg des globalen Meeresspiegels bei.

Eisberge in einer Bucht von Grönland: Die Schmelze trägt erheblich zum Anstieg des globalen Meeresspiegels bei.

Foto: Felipe Dana / dpa

Berlin. Die Folgen der globalen Erwärmung werden immer extremer. Der Meeresspiegel steigt laut einem neuen Report des Weltklimarats IPCC schneller und höher als bisher angenommen. Auch die großen Eisschilde der Erde, die Gletscher und die Permafrostböden, in denen Milliarden Tonnen Treibhausgase gespeichert sind, schmelzen schneller als gedacht.

Die Hitzewellen reichen inzwischen bis tief in die Weltmeere hinein. Auch Deutschlands Küsten stehen durch den Klimawandel vor tiefgreifenden Veränderungen.

Zwei Jahre lang trugen über 100 Klimaforscher aus 80 Nationen die Ergebnisse von Forschungsarbeiten zu den Weltmeeren und den von Eis bedecktem Land zusammen. Der Bericht, der in Monaco vorgestellt wurde, beschreibt extreme und abrupte Veränderungen. Er zeichnet auch ein alarmierendes Bild von den Risiken für tief liegende Inseln, Küsten und marine Ökosysteme wie Korallenriffe. Die wichtigsten Punkte.

Weltklimarat: Das Eis schmilz gigatonnenweise

Die beiden Eisschilde der Erde, Antarktis und Grönland, verlieren rapide an Masse. Laut IPCC-Report hat sich der Verlust an Eis in Grönland im Vergleich zwischen 1997-2006 und 2007-2016 verdoppelt und in der Antarktis verdreifacht. Diese massive Eisschmelze trage am meisten zum weltweiten Anstieg des Meeresspiegels bei.

Demnach hat Grönland von 2006 bis 2015 jährlich etwa 278 Gigatonnen Eis verloren. Eine Gigatonne entspricht eine Milliarde Tonnen. Das allein habe zu einem jährlichen Anstieg des Meeresspiegels um 0,7 Millimetern geführt. Die Eisschilde der Antarktis büßten jährlich 155 Gigatonnen Eis ein, was den Meeresspiegel pro Jahr um 0,43 Millimeter anhob.

Arktis und Antarktis betroffen

Die Antarktis ist ein Kontinent, umgeben von Meer. Die Arktis hingegen ist ein Ozean, umgeben von Land. Sie erwärmt sich in den letzten zwei Jahrzehnten mehr als doppelt so schnell wie andere Regionen auf der Erde.

Dort hat das Eis zwischen 1979 und 2017 um 12,8 Prozent pro Jahrzehnt abgenommen, schreiben die Autoren. Vor wenigen Monaten in der Antarktis wieder ein 200-Quadratmeter großer Eisberg abgebrochen. Erwärmt sich die Erde um zwei Grad, könnte die Arktis zum Ende des Jahrhunderts im September eisfrei sein – was den Klimawandel verstärken könnte.

Arktis und Antarktis bilden die Polarregionen der Erde. Sie haben eine für den Planeten lebenswichtige Regulierungsfunktion: Die weißen Flächen reflektieren die Wärmestrahlen der Sonne zurück ins All.

Gletscher in den Alpen bis zum Ende des Jahrhunderts verschwunden?

Auch die Gletscher, die für Hunderte Millionen Menschen in aller Welt als Wasserspeicher von Bedeutung sind, schwinden zusehens. Durch die Schmelze der Gletscher weltweit gingen jährlich 220 Gigatonnen Eis verloren, was den Meeresspiegel noch einmal um 0,61 Millimeter pro Jahr ansteigen ließ.

Niedrig gelegene Gletscher wie etwa in den Alpen werden laut IPCC-Prognose bis 2100 mehr als 80 Prozent ihrer Masse einbüßen. Bleibt es bei einem Anstieg der Treibhausgasemissionen, wird es laut IPCC in Deutschland zum Ende des Jahrhunderts kein einziges Skigebiet mehr geben, das Schneesicherheit garantieren kann.

Die Meeresspiegel steigen

Die zunehmende Eisschmelze und die Ausdehnung des wärmeren Wassers lassen den Meeresspiegel immer schneller ansteigen, zeigen Daten der Weltwetterorganisation WMO. Derzeit sind es im globalen Schnitt drei Millimeter pro Jahr.

„Er steigt nun schneller, als die Wissenschaft es in den vergangenen IPCC-Sachstandsberichten angenommen hat“, sagt Prof. Beate Ratter vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg. Sie hat als Leitautorin am Bericht mitgearbeitet. Insgesamt sei der Meeresspiegel seit 1900 im Schnitt um16 Zentimeter angestiegen. Erst vor kurzem hatte Island aufgrund der Klimakrise den ersten Gletscher für tot erklärt.

Die Prognosen bis zum Ende des Jahrhunderts sind düster und übertreffen die Projektionen vergangener IPCC-Berichte: Ohne eine Emissionsminderung würde es einen weiteren Anstieg des Meeresspiegels um etwa 84 Zentimeter bis 2100 geben, obere Schätzungen gehen sogar von 110 Zentimeter aus. Diese Projektion liegt 10 Zentimeter höher als noch im vergangenen Fünften Sachstandsbericht des IPCC.

Allerdings bleiben noch Unsicherheiten, heißt es in dem Bericht. Unklar ist insbesondere, wie groß der Beitrag durch die Eisschmelze in der Antarktis bis 2100 sein wird.

Forscher: Deutsche Küsten nur noch bis 2050 sicher

Erstmals blicken die Wissenschaftler in einem IPCC-Bericht über das 21. Jahrhundert hinaus. Für das 22. Jahrhundert prognostiziert der Weltklimarat, dass sich der Anstieg verhundertfacht. Statt um Millimeter jährlich würde das Wasser im 22. Jahrhundert jedes Jahr um mehrere Zentimeter steigen. Der Bericht warnt gar vor einem Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 5,4 Meter bis 2300.

„Die Veränderungen werden Gesellschaften an die Grenzen der Anpassungsfähigkeit bringen“, sagt Prof. Ratter. „Ich denke besonders an die kleinen Inselstaaten im Pazifik, die versinken werden.“

Erwärmt sich die Welt um zwei Grad, würden Gebiete überflutet, in denen heute noch 280 Millionen Menschen leben, warnen die Forscher. Küstenregionen müssten sich daher noch stärker für den Klimawandel wappnen – auch Deutschland.

Laut IPCC-Report könnten bis Ende des Jahrhunderts über 300.000 Menschen an den deutschen Küsten von einer Überflutung betroffen sein. Am höchsten seien die Risiken in Niedersachsen, Bremen und Schleswig-Holstein. In Hamburg wären 60.000 Menschen bereits dann gefährdet, wenn der Meeresspiegel um 50 Zentimeter ansteigt. Folge: Bis 2100 müssten die Küstenschutzvorrichtungen in der Deutschen Bucht um bis zu 56 Prozent erhöht werden.

„In Deutschland haben wir seit Jahrhunderten gelernt, mit Sturmfluten umzugehen, besonders seit der Flutkatastrophe von 1962 an der deutschen Nordseeküste“, so Ratter. „Die Dämme und Deiche an den Küsten, die seitdem für viele Milliarden Euro ertüchtig worden sind, geben uns zumindest bis 2050 Sicherheit.“

Die Permafrost-Böden tauen

Die Regionen, in denen der Boden ganzjährig gefroren ist, werden deutlich schrumpfen, warnen Forscher. Laut IPCC drohen bis 2100 zwischen 30 und 99 Prozent der oberen Schichten der Permafrostböden zu schmelzen, wenn die Emissionen nicht zurückgehen. Beim Abtauen von Permafrostböden würden dem schlimmsten Szenario zufolge Hunderte Milliarden Tonnen CO2 und Methan freigesetzt, was die Erderwärmung wiederum verstärken würde.

Methan etwa ist 28 Mal klimaschädlicher als Kohlendioxid. In den Böden der arktischen Region und der borealen Klimazone ist doppelt so viel Kohlendioxid gespeichert wie in der gesamten Atmosphäre. 70 Prozent der Infrastruktur in der Arktis und 45 Prozent der Öl- und Gasfelder Russlands liegen in Regionen, von denen erwartet wird, dass sie bis 2050 auftauen.

Die Meere versauern

Etwa 50 Prozent des Sauerstoffs werden im Meer gebildet. „Das ist jeder zweite Atemzug, den wir machen“, sagt Meeresbiologe Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Doch auch bei der Stabilisierung des Klimas spielen die Ozeane eine zentrale Rolle.

Laut IPCC-Bericht haben die Weltmeere in den vergangenen Jahrzehnten ein Viertel der vom Menschen erzeugten Treibhausgase aufgenommen und 93 Prozent der zusätzlichen Hitze gespeichert, welche die Menschheit seit 1980 verursacht hat. Nun beginnen die Ozeane, sich zu verändern. Die Meere sind wärmer geworden, stellt der IPCC-Bericht fest, aber auch saurer und weniger salzhaltig.

Die Folgen könnten dramatisch sein, schreiben die Forscher. So sei die Sauerstoffkonzentration im Meer binnen 60 Jahren um zwei Prozent zurückgegangen, bis 2100 erwartet der IPCC einen Rückgang um weitere drei bis vier Prozent. Durch die Erwärmung der Meere und ihre Verschmutzung können riesige sogenannte Todeszonen entstehen, in denen es keinen Sauerstoff gibt.

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Hitzewellen treten nun in allen Ozeanen auf

Marine Hitzewellen können sich über Tausende Kilometer erstrecken. Ihr Auftreten habe sich seit den 1980ern verdoppelt, heißt es in dem Bericht. Sie treten nun in allen Ozeanen auf. 90 Prozent dieser Hitzewellen können laut IPCC-Report auf den Klimawandel zurückgeführt werden.

Besonders sensibel sind Korallenriffe, die zugleich ein Lebensraum für zahlreiche Tiere sowie ein Schutz gegen Sturmschäden an den Küsten sind. Selbst bei einer Erderwärmung um nur 1,5 Grad werden dem IPCC-Bericht zufolge 90 Prozent absterben. Eine Erwärmung von zwei Grad wäre das Todesurteil für alle Korallenriffe.

Reaktionen aus der Wissenschaft

„Für mich ist die Botschaft des Reports, dass wir in vielerlei Hinsicht umdenken müssen“, sagte Prof. Ratter. „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem eine schrittweise Änderung unseres Verhaltens nicht mehr reicht“, erklärte sie mit Blick auf das Klimapaket der Bundesregierung, das nach Ansicht vieler Kritiker nicht ausreicht. „Wir brauchen im Klimaschutz einen großen, richtigen Schritt. Es braucht klare Regeln und wirksame Anreize, damit unsere Art zu leben klimafreundlicher wird.“

„Die Menschen sind auf einem Kollisionskurs mit der Erde, weil die weltweiten CO2-Emissionen immer noch steigen“, sagte Prof. Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Universität Kiel. „Der Bericht zeigt sehr deutlich, dass die Staatengemeinschaft so nicht weitermachen kann“, so Latif.

„Im Moment sind wir auf einem Kurs von drei bis vier Grad Celsius globale Erwärmung. Das wäre eine katastrophale Erwärmung und würde die Lebensbedingungen auf der Erde dramatisch verschlechtern, insbesondere auch was die Nahrungsmittelversorgung angeht.“

Die Klimakrise wird von der Gesellschaft immer ernster genommen. Am Freitag demonstrierten Millionen weltweit für eine bessere Klimaschutzpolitik. Die Ikone der Bewegung, Greta Thunberg, hielt eine extrem emotionale Rede beim UN-Klimagipfel. Die Bundesregierung hatte ein Paket beschlossen, das allerdings umgehend massive Kritik einfuhr.